Aktualisiert 26.10.2017 11:14

Offene Lehrstellen

«Junge Frauen, macht eine Lehre auf dem Bau!»

Im Baugewerbe sind 12 Prozent der Lehrstellen offen – obwohl Tausende Junge noch eine Stelle suchen. Die Firmen hoffen nun auf die Frauen.

von
P. Michel
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Im Bereich Gesundheit und Soziales, wo vorwiegend Frauen arbeiten, wurden per Ende August alle Lehrstellen bis auf drei Prozent besetzt. Anders dagegen sieht es im Baugewerbe aus: Dort blieben 12 Prozent der Lehrstellen offen.

Im Bereich Gesundheit und Soziales, wo vorwiegend Frauen arbeiten, wurden per Ende August alle Lehrstellen bis auf drei Prozent besetzt. Anders dagegen sieht es im Baugewerbe aus: Dort blieben 12 Prozent der Lehrstellen offen.

Keystone/Alessandro Della Bella
Während der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert, dass Betriebe mehr Lehrstellen für die beliebten Branchen bei Frauen schaffen, fordert die Baubranche ein Umdenken.

Während der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert, dass Betriebe mehr Lehrstellen für die beliebten Branchen bei Frauen schaffen, fordert die Baubranche ein Umdenken.

Screenshot bauhelden.ch
«Statt mehr typische Frauenjobs zu schaffen, müssten die jungen Frauen flexibler werden», sagt Josef Wiederkehr, Präsident der Schweizer Gerüstbauer. Er rät: «Junge Frauen, macht eine Lehre auf dem Bau!»

«Statt mehr typische Frauenjobs zu schaffen, müssten die jungen Frauen flexibler werden», sagt Josef Wiederkehr, Präsident der Schweizer Gerüstbauer. Er rät: «Junge Frauen, macht eine Lehre auf dem Bau!»

zvg

9500 Jugendliche haben per Ende August noch keine Lehrstelle gefunden. Das zeigt eine neue Erhebung des Staatssekretariats für Berufsbildung. Gleichzeitig sind noch 7000 Lehrstellen unbesetzt.

Firmen im Bereich Gesundheit und Soziales, in dem vorwiegend Frauen arbeiten, konnten bis auf drei Prozent alle Lehrstellen besetzen. Im Bereich Bau und Architektur fanden die Betriebe dagegen für 12 Prozent ihrer ausgeschriebenen Lehren keine passenden Kandidaten. Und im Bereich verarbeitendes Gewerbe, wozu etwa der Beruf Fleischfachmann zählt, blieben 11 Prozent der Stellen unbesetzt.

Braucht es mehr «typische Frauenjobs?»

Berufsbildungs-Experten sprechen von einem «Passungsproblem»: Es gibt zwar offene Stellen, die Berufe interessieren die Jungen aber nicht. Statt etwa als Gipserin zu arbeiten, warten viele Schulabgänger lieber im Zwischenjahr auf ihre Traumstelle, etwa als medizinische Praxisassistentin.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund will ihnen nun einen Job in den beliebten Berufen verschaffen, indem er eine Aufstockung der Lehrstellen «vor allem für mehrheitlich weiblich geprägte Berufsfelder wie Gesundheit und Soziales» fordert, wo die Betriebe heute zu wenig Lehrstellen anbieten würden.

Baubranche: «Junge Frauen müssten flexibler werden»

Die Baubranche, in der per Ende August 12 Prozent der Lehrstellen offen waren, kann mit diesem Vorschlag nichts anfangen. «Statt mehr typische Frauenjobs zu schaffen, müssten die jungen Frauen flexibler werden», sagt Josef Wiederkehr, Präsident der Schweizer Gerüstbauer.

Er rät: «Junge Frauen, macht eine Lehre auf dem Bau!» Gerade im heutigen durchlässigen Bildungssystem könne man den eingeschlagenen Weg jederzeit wieder ändern. «Wichtig ist, dass die Jungen sich mit einer Berufslehre ein solides Fundament erarbeiten statt in einem Zwischenjahr Zeit zu verlieren.»

Den Frauen-Anteil von einem Prozent etwa bei den Maurer-Lehrlingen versucht derzeit auch der Baumeisterverband mit der Image-Kampagne «Bauhelden» zu heben. In der dazugehörigen Webserie sagt etwa die 22-jährige Maurerin Nadja: «Ich schätze die Arbeit draussen an der Sonne – und ich kann irgendwann mein eigenes Haus bauen.»

Ueli Büchi, Leiter Berufsbildung beim Baumeisterverband, will dafür sorgen, dass junge Frauen solche verinnerlichten Entscheide nochmals überdenken. «Über die Baubranche halten sich viele Klischees, die wir aufbrechen müssen.» So seien viele Arbeiten wegen dem Einsatz von Maschinen nicht mehr körperlich anstrengend.

Metzger haben Ausbildung für Frauen angepasst

Damit dies bei der Zielgruppe auch ankommt, müssten aber auch die Berufsberater und Eltern aufgeklärt werden: «Viele denken noch immer: Ein Job auf dem Bau ist nichts für Frauen.» Zudem sei bei den Eltern die Ansicht verbreitet, dass Frauen auf der Baustelle nicht akzeptiert würden. In der Webserie «Bauhelden» sagt Nadja: «Allein unter Männern zu sein macht mir gar nichts aus, da ich bei meinem Hobby, im Pferdesport-Training, nur unter Frauen bin.»

Auch der Schweizer Fleischfachverband will mehr Frauen für seine Berufe begeistern. Laut Staatssekretariat für Berufsbildung blieben dort per Ende August 11 Prozent der Lehrstellen unbesetzt.

Um den Beruf für junge Frauen attraktiver zu gestalten, wurde bei der Lehre als Fleischfachfrau die Fachrichtung «Feinkost und Veredelung» geschaffen. Schlachten, Zerlegen und Ausbeinen ist nicht Teil der Ausbildung, dafür etwa die kreative Herstellung von kalten Platten. «Diese Arbeiten entsprechen Frauen eher», sagt Bildungsleiter Philipp Sax. Als Zückerchen sieht er zudem die «Karriere-Garantie»: «In kaum einer Branche ist der Aufstieg in eine Führungsposition so rasch möglich.»

Es sei wichtig, dass Frauen, die bisher nur typische Frauenberufe in Betracht gezogen haben, auch handwerkliche Jobs berücksichtigen, sagt Sax. «Aber einfach einen Beruf, in dem es noch viele Stellen gibt, als Notlösung zu wählen, macht keinen Sinn.» Die innere Motivation für den Beruf müsse von den Jugendlichen selber kommen. «Ansonsten stimmt die Leistung nicht, und nach der ersten Krise im Betrieb gibt der Jugendliche die Stelle auf.»

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