Gebärmutterentfernung/Sterilisation - Junge Frauen ohne Kinderwunsch kämpfen verzweifelt um OP
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Gebärmutterentfernung/SterilisationJunge Frauen ohne Kinderwunsch kämpfen verzweifelt um OP

Selbst wenn junge Frauen mit Sicherheit wissen, dass sie keine Kinder haben möchten, wollen Ärzt*innen ihnen die Gebärmutter nicht entfernen – unter 30 Jahren sei man dafür noch zu jung.

von
Deborah Gonzalez
Meret Steiger
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Junge Frauen, die sich sicher sind, nie Mutter werden zu wollen, fühlen sich von der Medizin im Stich gelassen.

Junge Frauen, die sich sicher sind, nie Mutter werden zu wollen, fühlen sich von der Medizin im Stich gelassen.

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Drei Leserinnen erzählen, weshalb sie keine Kinder wollen, und wie ihr Umfeld damit umgeht.

Drei Leserinnen erzählen, weshalb sie keine Kinder wollen, und wie ihr Umfeld damit umgeht.

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Auch ohne Kinder kann Frau glücklich sein. (Symbolbild)

Auch ohne Kinder kann Frau glücklich sein. (Symbolbild)

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Darum gehts

  • Junge Frauen, die sich sicher sind, nie Mutter werden zu wollen, fühlen sich von der Medizin im Stich gelassen.

  • Ärzt*innen wollen ihnen weder die Gebärmutter entfernen noch wollen sie die Frauen sterilisieren – sie seien zu jung dafür.

  • Drei Leserinnen erzählen, weshalb sie keine Kinder wollen, und wie ihr Umfeld damit umgeht.

  • Sie schildern ihre enttäuschenden Erfahrungen mit Ärzt*innen.

Janine, Leila und Senta leiden unter heftigen Menstruationsbeschwerden oder wollen sich nicht länger mit Verhütung rumschlagen – und vor allem wissen sie ganz sicher, dass sie niemals Kinder haben wollen. Mit einer Gebärmutterentfernung oder einer Sterilisation könnte, in den Augen der Betroffenen, ihr Leben vereinfacht werden. Doch so einfach ist das nicht. Selbst dann nicht, wenn sie gewillt sind, die Kosten der Hysterektomie in Höhe von durchschnittlich 10’000 Franken selbst zu tragen.

«Erst ab 30 Jahren kommt eine Gebärmutterentfernung infrage»

Die 29-jährige Janine wusste schon früh, dass sie keine Kinder haben möchte, doch ihr Frauenarzt will sie nicht vor ihrem 30. Geburtstag operieren: «Die jahrelangen Schmerzen sollten Grund genug sein, meinem Wunsch nachzugehen.»

Die 29-jährige Janine wusste schon früh, dass sie keine Kinder haben möchte, doch ihr Frauenarzt will sie nicht vor ihrem 30. Geburtstag operieren: «Die jahrelangen Schmerzen sollten Grund genug sein, meinem Wunsch nachzugehen.»

Jenny Nyffenegger

Die 29-jährige Janine wusste schon früh, dass sie keine Kinder haben möchte. Bereits vor einigen Jahren wollte sie ihre Gebärmutter entfernen lassen. «Der Frauenarzt hat meine Bitte abgelehnt. Es hiess: ‹Eine Gebärmutterentfernung führt man bei so jungen, gesunden Frauen nicht durch.›»

Die Sachbearbeiterin spricht von einer innerlichen Wut, weil man sie nicht ernst nimmt. Mehrmals habe sie nachgefragt, sich nach verschiedenen Eingriffen erkundigt. «Ich kämpfe seit Jahren mit höllischen Menstruationsschmerzen, genauso wie mit Migräneanfällen und Zysten auf den Eierstöcken. Die jahrelangen Schmerzen sollten Grund genug sein, meinem Wunsch nachzugehen. Doch mein Frauenarzt setzte mir eine Altersgrenze. Vor meinem 30. Geburtstag könne sich noch viel verändern, meint er.»

Die Solothurnerin hat schon alles versucht, um ihre Schmerzen zu lindern. Pille, Drei-Monats-Spritze und Spirale – nichts habe vollkommen gewirkt. Janine fühlt sich allein gelassen: «Niemand will mir helfen! Ich verstehe es einfach nicht. Es ist mein Körper, wieso darf ich nicht selbst entscheiden, was damit geschieht?» Sie wolle sich wohlfühlen, das Leben ohne Schmerzen geniessen können. Ohne Verhütung und ohne sich Gedanken machen zu müssen. Das sei auch der Wunsch ihres Freundes, der ebenfalls keine Kinder haben möchte.

Was ist eine Hysterektomie?

Als Hysterektomie bezeichnet man die operative Entfernung der Gebärmutter. Nach der Operation kann die Frau keine Kinder mehr bekommen. Ohne Gebärmutter macht sie auch keine Menstruation mehr durch. Allerdings kann eine leichte Periode weiterhin auftreten, wenn der Gebärmutterhals erhalten bleibt. Laut dem Unispital Zürich liegen die Kosten etwa bei 9000 bis 10200 Franken, wobei diese sehr variieren können, da die Spitäler die Preise selbst festlegen.

Was ist eine Sterilisation?

Die Sterilisation ist eine operative Methode, bei der die Eileiter verschlossen oder seltener teilweise oder komplett entfernt werden. Dadurch können Ei- und Samenzellen die Eileiter nicht mehr passieren, wodurch keine Befruchtung möglich ist. Auch nach einer Sterilisation hat eine Frau in der Regel ihre Periode. Laut dem Unispital Zürich liegen die Kosten schätzungsweise zwischen 1800 bis 3000 Franken.

«Keine Kinder haben zu wollen, ist kein Verbrechen!»

Die 28-jährige Leila weiss seit zehn Jahren, dass sie keine Kinder haben möchte. Deswegen stört sie sich daran, weiterhin ihre Blutung zu haben: «Es ist unnötig. Ich belüge mich selbst und versuche mir einzureden, dass der Körper es braucht, dabei weiss ich, dass das Schwachsinn ist.»

Die 28-jährige Leila weiss seit zehn Jahren, dass sie keine Kinder haben möchte. Deswegen stört sie sich daran, weiterhin ihre Blutung zu haben: «Es ist unnötig. Ich belüge mich selbst und versuche mir einzureden, dass der Körper es braucht, dabei weiss ich, dass das Schwachsinn ist.»

Privat

Ähnlich geht es der 28-jährigen Leila. Sie weiss seit zehn Jahren, dass sie keine Kinder haben möchte. Die Chemielaborantin ist es leid, ihre Meinung immer wieder verteidigen zu müssen. «Es ist weder ein Verbrechen noch ein Vergehen, wenn man keine Kinder haben möchte! Deshalb sollte man nicht verurteilt werden.»

Oft werde sie nicht ernst genommen. Auch ihr Frauenarzt habe ihr von einer Gebärmutterentfernung abgeraten. Der Grund: ihr Alter. «Ich sei noch zu jung. Der Eingriff sollte erst ab 30 Jahren durchgeführt werden, hiess es. Das ist unverschämt! Ich bin mir so sicher, dass ich keine Kinder will. Mich stört es, dass ich meine Blutung habe, weil es unnötig ist. Ich belüge mich selbst und versuche mir einzureden, dass der Körper es braucht, dabei weiss ich, dass das Schwachsinn ist.»

Auch ihr Freund unterstütze sie in dem Wunsch, ihre Gebärmutter entfernen zu lassen: «Wir sind seit zwei Jahren in einer Beziehung und haben gleich am Anfang darüber gesprochen. Wir sind uns einig, dass wir kinderlos leben wollen – umso mehr stört es uns, dass wir weiterhin verhüten müssen, obwohl wir uns so sicher sind.»

«Ärzt*innen akzeptieren nicht, dass ich keine Kinder will»

Eine Sterilisation ist für Senta ebenso eine Option wie die Hysterektomie – doch beides  habe ihr die Gynäkologin ausreden wollen: «Mit 25 sei ich noch nicht bereit, meinte sie. Es könne sich noch einiges ändern. Das glaube ich aber nicht. Ein Kind passt einfach nicht in mein Zukunftskonzept.»

Eine Sterilisation ist für Senta ebenso eine Option wie die Hysterektomie – doch beides habe ihr die Gynäkologin ausreden wollen: «Mit 25 sei ich noch nicht bereit, meinte sie. Es könne sich noch einiges ändern. Das glaube ich aber nicht. Ein Kind passt einfach nicht in mein Zukunftskonzept.»

Privat

Auch die Aargauerin Senta (25) war bei ihrer Frauenärztin, um sich die Gebärmutter entfernen zu lassen: «Bis heute habe ich noch nie einen Kinderwunsch verspürt und ich weiss, dass das auch in Zukunft nicht so sein wird. Ich erzählte meiner Frauenärztin davon, doch sie meinte nur, dass ich noch ein paar Jahre warten solle.»

Im Gegensatz zu Janine und Leila hat Senta keine schmerzhafte Regelblutung. Deshalb liegt ihr Fokus nicht darauf, möglichst bald ohne Menstruation leben zu können. Eine Sterilisation ist für die Personalassistentin ebenso eine Option wie die Hysterektomie – doch beides habe ihr die Gynäkologin ausreden wollen: «Mit 25 sei ich noch nicht bereit, meinte sie. Es könne sich noch einiges ändern. Das glaube ich aber nicht. Ein Kind passt einfach nicht in mein Zukunftskonzept. Ich will meine Freiheiten und weiterhin das machen, worauf ich Lust habe, und mit einer Familie geht das nun mal nicht.»

In ihrem Umfeld stosse sie immer wieder auf völliges Unverständnis, wie Senta erzählt. «Viele meinen, dass der Wunsch noch komme. Schliesslich seien Frauen dazu da, Kinder zu gebären. Ich verstehe das einfach nicht! Keine Kinder zu wollen, wird nicht akzeptiert – weder von der Gesellschaft noch von den Ärzt*innen. Denn wäre es so, könnte ich diesen Eingriff durchführen lassen und mir somit meinen Wunsch erfüllen.»

«Wir würden einer jungen, gesunden Frau von einer Hysterektomie abraten»

Prof. Dr. med. Gabriel Schär ist Direktor der Gynäkologie am Universitätsspital Zürich.

Prof. Dr. med. Gabriel Schär ist Direktor der Gynäkologie am Universitätsspital Zürich.

USZ

Herr Schär, was können Frauen tun, die keinen Kinderwunsch haben?

Sie können alle Arten von Verhütungsmethoden anwenden und das entweder bis zur Menopause weiterverfolgen oder eine definitive Verhütungsmethode wählen. Gute und sehr sichere, nicht operative Methoden, sind die Spirale oder die Verhütungspille. Eine wenig invasive operative Methode ist die Unterbindung mittels Bauchspiegelung – dabei werden die beiden Eileiter verschlossen. Eine invasive operative Methode ist die Gebärmutterentfernung.

Würden Sie einer kinderlosen, gesunden Frau die Gebärmutter entfernen?

Eine Gebärmutterentfernung ist eine Operation, welche eine Indikation, also einen medizinischen Grund, für die Durchführung benötigt. Der Wunsch nach einer definitiven Verhütung gilt nicht als gute Indikation für eine Gebärmutterentfernung. Wir würden einer jungen, gesunden Frau abraten, zur Verhütung eine Gebärmutterentfernung durchzuführen.

Was spricht dagegen?

Die Chance ist gering, trotzdem kann es zu Komplikationen kommen. Zudem gibt es gute Alternativen für eine wirksame Verhütung, weshalb es in den meisten Fällen nicht nachvollziehbar ist, stattdessen eine 90-minütige Operation mit drei Tagen Spitalaufenthalt und bis zu drei Wochen Rehabilitation in Kauf zu nehmen. Als Nachteil sind auch die deutlich höheren Kosten im Vergleich zu den oben erwähnten Varianten anzusehen. Diese müssen von der Patientin selbst getragen werden.

Was spricht für eine Entfernung?

Eine Gebärmutterentfernung kommt dann infrage, wenn eine Frau Beschwerden infolge von gut- oder bösartigen Veränderungen hat – unter anderem Schmerzen bei der Mens, Myome oder Endometriose. Dafür spricht auch, dass die Methode eine 100 Prozent sichere Verhütung darstellt.

Kommen viele Frauen mit diesem Wunsch zu Ihnen?

Die Bitte nach einer Gebärmutterentfernung zur Verhütung kommt nur selten vor. In einem solchen Fall berufen wir in der Gynäkologischen Klinik des Universitätsspitals Zürich eine Sitzung unter Spezialist*innen ein und besprechen den Wunsch unter ethischen, psychischen, medizinischen und sozialen Aspekten. In mehreren Gesprächen werden mit der Frau alle Aspekte der Operation und die möglichen Folgen diskutiert. Dabei wird auch analysiert, ob die Frau den Entscheid später allenfalls bereuen könnte.

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