Aktualisiert 29.08.2012 07:49

Lieber Zeit statt GeldJunge haben keinen Bock auf Karriere

Zeit und Glück vor Geld und Macht: Karriere machen wird für Junge zur Nebensache. Firmen kommen ihnen mit Teilzeit-Jobs und Auszeiten entgegen.

von
L. Hanselmann

Die klassische Karriere wird zum Auslaufmodell: Die Zahl der Jungen, die keinen Bock auf Stress und Leistungsdruck haben, steigt. «Wir stellen fest, dass gerade Junge mit akademischem Abschluss nicht mehr sofort Karriere machen und sich an eine Unternehmung binden wollen», sagt José M. San José, Chief Marketing Officer beim Personaldienstleister Adecco.

Stattdessen wollten sie zuerst ein paar Jobs ausprobieren und verschiedene Erfahrungen sammeln. Ähnliche Trends beobachtet Mike J. Widmer vom Top-Headhunter Bjørn Johansson Associates: «Heute zählen Geld und Prestige weniger. Für Junge wird der Sinn einer Aufgabe wichtiger.»

Unternehmer reagieren

Die sogenannte Generation Y stelle die Firmen vor grosse Herausforderungen: «Jene Unternehmen, die auf die Bedürfnisse der Jungen eingehen, werden in Zukunft die Top-Talente holen. Die anderen haben das nachsehen.» Die ersten Arbeitgeber reagieren bereits: So können die Berater bei McKinsey Schweiz seit diesen Sommer mit dem Modell «My Time» ihr Pensum reduzieren.

Angestellte der Zurich Versicherung dürfen alle fünf Jahre eine mehrmonatige Auszeit nehmen und Swiss Re wirbt unter anderem mit Job Sharing und Home Office um Talente. Anders macht es Google Schweiz: Die Firma bietet Top-Leuten ein Umfeld mit gratis Essen, Fitnesscenter oder Coiffeur. Mit Erfolg: «Bei uns bewerben sich viele Talente und wir haben wenig Abgänge», so Sprecher Matthias Meier.

Ab 30 wird Karriere wichtig

Mit steigendem Alter sinkt allerdings der Anteil der Karriereverweigerer. «Ab zirka 30 Jahren, wenn Kinder und Familie zu einem zentraleren Thema werden, spielen Karriere und Jobsicherheit eine wichtigere Rolle als die Selbstverwirklichung», so San José.

Aurelia Ehrensperger*, wieso pfeifen immer mehr Junge auf die klassische Karriere?Sie suchen lieber ausserhalb der Arbeit nach Glück – wollen mehr Zeit für Freunde und Familie. Ihre Eltern haben beruflich in der Regel schon sehr viel erreicht, das ist schwierig zu toppen, insbesondere mit der heutigen Wirtschaftslage.

Wofür haben sie dann so viel in ihre Ausbildung investiert?Nicht für nichts. Doch heute muss man sich das Leben lang weiterbilden. Eine Ausbildung und ein guter Job bieten nicht mehr die gleiche Sicherheit wie früher. Deshalb haben viele Junge einen Plan B im Hinterkopf und wollen etwas ausprobieren, statt sofort Karriere zu machen.

Sind Junge nicht einfach faul?Überhaupt nicht. Sie sind bereit, sehr viel zu leisten. Doch sie fordern auch viel: Ein tolles Team, gute Arbeitsbedingungen und einen Sinn hinter ihrer Arbeit. Hier haben sich die Werte verschoben. (hal)

*Aurelia Ehrensperger ist Junior Researcher am Gottlieb Duttweiler Institute und Mitautorin einer Studie zu Super-Opportunisten

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