Abstimmungssonntag 25. September: «Junge interessiert AHV-Vorlage nicht, Rentner entschieden über Reform»

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Abstimmungssonntag 25. September«Junge interessiert AHV-Vorlage nicht, Rentner entschieden über Reform»

Mit nur rund 30’000 Stimmen Vorsprung haben die Befürworterinnen und Befürworter die AHV-Reform durchgebracht. Politologe Thomas Milic über desinteressierte Junge, den Gender-Gap und die Zukunft der AHV. 

von
Christina Pirskanen
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Politologe Thomas Milic gibt Einschätzungen zum Abstimmungssonntag.

Politologe Thomas Milic gibt Einschätzungen zum Abstimmungssonntag.

20min/Celia Nogler
Das AHV-Ja-Komitee hat allen Grund zum Strahlen: «Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist diesmal für die SP gebrochen – wenn auch nur knapp», so Milic.

Das AHV-Ja-Komitee hat allen Grund zum Strahlen: «Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist diesmal für die SP gebrochen – wenn auch nur knapp», so Milic.

20min/Matthias Spicher
Das Frauenrentenalter 65 wurde angenommen – das Ja ist gemäss Zahlen den Männern und Pensionierten zuzuschreiben. «Ich vermute stark, dass die Beteiligung bei den Jungen geringer war – das Thema interessiert sie einfach noch nicht so», sagt Milic.

Das Frauenrentenalter 65 wurde angenommen – das Ja ist gemäss Zahlen den Männern und Pensionierten zuzuschreiben. «Ich vermute stark, dass die Beteiligung bei den Jungen geringer war – das Thema interessiert sie einfach noch nicht so», sagt Milic.

20min/Taddeo Cerletti

Darum gehts

Heute lagen die Nerven blank bei den Befürwortern und Gegnern der AHV-Reform: Letztendlich wurde die Reform mit einem knappen Ja von 50,6 Prozent angenommen. Das Verrechnungssteuergesetz und die Massentierhaltungsinitiative hingegen wurden abgeschmettert – mit 52, respektive 62,9 Prozent Nein-Anteil. 

Wieso es bei der AHV-Reform so knapp wurde und ob die bürgerlichen Parteien in Zukunft mit der SP anbandeln müssen, um Steuerreformen ans Volk zu bringen, erklärt Politologe Thomas Milic im Interview.

Herr Milic, was bedeutet diese Niederlage für die Gegner der AHV-Reform?

Der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist diesmal für die SP gebrochen – wenn auch nur knapp. Früher wäre eine AHV-Reform ohne die SP undenkbar gewesen. Es hat schon eine gewisse Bedeutung, dass man als Akteur referendumsfähig ist – dieser Ruf der SP hat heute ein Stück weit gelitten. Die bürgerlichen Parteien schöpfen jetzt sicherlich Mut – sie haben zum ersten Mal seit über 20 Jahren eine AHV-Reform durchgebracht.

Wurden die Frauen zu schlecht gegen die AHV-Reform mobilisiert?

Jein. Ein Stück weit hat man das schon geschafft, die Abstimmung fiel sehr knapp aus. Vielleicht hat man es etwas besser gemacht in Regionen wie der Romandie, dort war das Nein deutlicher. Aber Frauen sind keine homogene Gruppe: Es gibt Arme, Reiche, Alte, Junge, die zum Teil ganz andere Beschäftigungssituationen haben. Das schlägt sich auch im Wahlverhalten nieder. Der Unterschied von 28 Prozentpunkten zwischen Frauen und Männern ist aber Rekord.

LeeWas

Also haben die Männer entschieden, dass die Frauen länger arbeiten sollen?

Das kann man nicht generalisieren. Die Zahlen zeigen aber klar, dass die Männer die Vorlage mehrheitlich befürworteten und die Frauen sie mehrheitlich ablehnten.

Die junge Wählerschaft schien unentschlossen zu sein?

Ich vermute stark, dass die Beteiligung bei den Jungen geringer war – das Thema interessiert sie einfach noch nicht so. Letztlich haben die über 65-Jährigen über diese Reform entschieden. Aber ich vermute, dass etwa junge Frauen, im Vergleich zu ihren Müttern und Grossmüttern, für die AHV-Reform gestimmt haben. Die jungen Frauen arbeiten häufiger in Berufen, wo die Lohndiskrepanz nicht mehr so gross ist, und machen andere Erlebnisse als ältere Frauen. 

LeeWas

Wie geht es mit der AHV weiter?

Die nächste AHV-Reform muss relativ rasch kommen, da sind sich viele einig. Es braucht nun neue und innovative Ideen für die AHV. Dass bald das Rentenalter 67 kommt, glaube ich hingegen nicht.

Die Verrechnungssteuer fiel durch – wieso?

Diese Thematiken sind immer sehr komplex. Im Zweifelsfall stimmen die Bürgerinnen und Bürger Nein, wenn ihnen nicht ganz klar ist, wer davon profitiert. Nicht wenige konservative Wählerinnen und Wähler haben wohl auch damit zu kämpfen gehabt, dass das Gesetz den Grosskonzernen und dem Ausland zugutegekommen sei – das sind normalerweise ihre Feindbilder. 

Müssen die Bürgerlichen in Zukunft mit den Linken anbandeln, um Steuervorlagen durchzubringen?

Das ist sehr gut möglich, insbesondere wenn es um Themenbereiche wie Unternehmenssteuern oder die Stempelabgabe geht. Eine Zusammenarbeit mit der SP müssten sich die bürgerlichen Parteien sicher überlegen. Die SP hat gezeigt, dass sie eine verlässliche Wählerschaft hat, die sich relativ gut mobilisieren lässt.

Ein Teilerfolg für Links-Grün, einer für die Bürgerlichen – insgesamt ein versöhnlicher Abstimmungssonntag?

Das Schöne an der Schweizer Demokratie ist, dass man mal gewinnt und mal verliert. Das ist wichtig für den Zusammenhalt der Schweizerinnen und Schweizer.

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