Swissmedic-Fahnder: «Junge kaufen online Viagra für den Ausgang»

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Swissmedic-Fahnder«Junge kaufen online Viagra für den Ausgang»

Für Swissmedic sucht R. K. nach illegalen Medikamenten-Händlern. Dabei stösst er auf Hinterhof-Produzenten und seltsame Trends.

von
Stefan Ehrbar
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R. K. ist Ermittler bei Swissmedic. Er sucht nach illegalen Anbietern von Arzneimitteln – vor allem im Internet. In der Asservatenkammer bewahrt Swissmedic abgefangene Sendungen auf.

R. K. ist Ermittler bei Swissmedic. Er sucht nach illegalen Anbietern von Arzneimitteln – vor allem im Internet. In der Asservatenkammer bewahrt Swissmedic abgefangene Sendungen auf.

ehs/20M
Später werden diese vernichtet. An erster Stelle der Online-Bestellungen stehen Erektionsförderer. Auch junge Männer haben laut R. K. in den letzten Jahren vermehrt zu solchen Mitteln gegriffen.

Später werden diese vernichtet. An erster Stelle der Online-Bestellungen stehen Erektionsförderer. Auch junge Männer haben laut R. K. in den letzten Jahren vermehrt zu solchen Mitteln gegriffen.

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Bei jungen Frauen seien Schlankheitsprodukte beliebt. Wer diese online bestellt, riskiert verunreinigte Medikamente – oder solche mit anderen Wirkstoffen. Das kann gefährlich für die Gesundheit sein.

Bei jungen Frauen seien Schlankheitsprodukte beliebt. Wer diese online bestellt, riskiert verunreinigte Medikamente – oder solche mit anderen Wirkstoffen. Das kann gefährlich für die Gesundheit sein.

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R. K.* ist Ermittler bei Swissmedic und spürt Anbieter von illegalen Medikamenten im Internet auf. Der gelernte Chemielaborant und langjährige Polizist spricht im Interview über gefährliche Trends und die Tricks der Medikamenten-Händler.

Herr K.*, wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Ich sammle Informationen und leite daraus Massnahmen ab. Infos gebe ich intern oder an Behörden im In- und Ausland weiter. Wir haben mit Fedpol und den kantonalen Polizeikorps ein grosses Netzwerk. Wir informieren uns per Mail oder Telefon. Je länger man in diesem Bereich arbeitet, desto grösser ist das Netzwerk. Ich suche auch selbst im Internet nach illegalen Anbietern. Primärer Fokus ist der gesundheitspolizeiliche Aspekt. Wir wollen die Einwohner vor negativen Einflüssen schützen.

Wie gross ist die Problematik der illegalen Arzneimittel ?

Wir gehen von 40'000 Sendungen mit ausländischen Arzneimitteln pro Jahr aus. Wir kontrollieren risikobasiert und damit nur einen Bruchteil davon, aber das gibt uns einen guten Überblick über die Situation.

Was wird online am meisten bestellt?

Erektionsförderer sind der Klassiker. Das ist leider schon fast zum Alltag geworden. Neu ist etwa der Schönheitstrend. Frauen, die Probleme mit ihrer Haut haben, bestellen Akne-Mittel mit dem Wirkstoff Isotretinoin. Einige dieser Arzneimittel sind in der Schweiz offiziell zugelassen.

Wo liegt denn das Problem?

Sie dürfen nur unter strenger ärztlicher Aufsicht und vorzugsweise nur mit doppelter Schwangerschaftsverhütung abgegeben werden. Wenn eine Frau das Mittel anwendet und schwanger ist oder wird, kann das fatale Folgen für das ungeborene Kind haben. Nun versuchen leider viele junge Frauen, die Vorschriften zu umgehen und bestellen das Mittel online.

Wie sieht ein typischer Kunde aus? Sie haben die jungen Frauen bei Schönheitsprodukten angesprochen, bei Erektionsförderern werden es wohl ältere Männer sein.

Offenbar hat sich bei den jungen Männern in den letzten Jahren etwas verändert! Früher war das nie ein Thema. Heute gehört es in gewissen Kreisen junger Männer dazu, vor dem Ausgang prophylaktisch Viagra einzuwerfen, das sie zuvor online gekauft haben. Das habe ich gerade vor kurzem bei einer Observation im Zürcher Milieu mitbekommen. Da ist wahrscheinlich unbewusst ein Bedarf generiert worden, der physiologisch gar nicht begründet ist.

Was verstehen Sie unter Observation im Milieu?

Swissmedic hat in einem beschränkten Bereich eigene Strafrechtskompetenzen und einen eigenen Strafrechtsdienst. Wir haben de facto eine eigene Staatsanwaltschaft. Diese hat die Kompetenzen einer Staatsanwaltschaft, aber schweizweit, solange es um das Heilmittelgesetz geht.

Gibt es Orte in der Schweiz, an denen Sie häufiger im Einsatz stehen?

Nein, nicht unbedingt. Das ist geographisch recht gleichmässig verteilt. Es ist auch nicht so, dass wir häufiger in Grossstädten unterwegs sind als auf dem Land.

Sind die Medikamente, die online bestellt werden, meistens Originalpräparate oder Fälschungen?

Es gibt verschiedene Ausprägungen. Es gibt solche, die in der Schweiz nicht zugelassen und damit illegal sind, es gibt aber auch ganz viele, die ohne Qualitätskontrolle irgendwo in einem Hinterhof hergestellt werden. Da gibt es ganz schlimme und gefährliche Beispiele (siehe Box).

Das tönt eher nach professionellen Grossproduzenten als nach Leuten, die in ihrer Badewanne Medikamente herstellen.

Aus Erfahrung wissen wir, dass es beides gibt. Wir haben schon Massenproduktionen in Kellern von Privaträumen gefunden, es sind uns aber aus dem Ausland auch Fälle bekannt, in denen Produktionsstätten von Firmen in der Nacht genutzt wurden, um illegale Medikamente zu produzieren, vor allem im asiatischen Raum.

Was passiert mit mir als Konsument, wenn ich so etwas bestelle?

Wird ein Arzneimittel mengenmässig über dem maximal zulässigen Bedarf eingeführt, gibt es beim ersten Mal ein Verwaltungsverfahren, das in der Regel mit einer Gebühr von 300 Franken endet. Bei Betäubungs- und Dopingmitteln gilt grundsätzlich Nulltoleranz.

Mit dem Darknet können sich Arzneimittel-Händler sehr effektiv verstecken. Für sie dürfte es fast unmöglich werden, ihnen auf die Schliche zu kommen.

Unmöglich ist es nicht. Es gibt Mittel und Wege, Kriminelle, die im Darknet operieren, aufzudecken. Die Aufgabe ist komplex, aber machbar. Das Darknet ist kein «safe haven». Auch ich recherchiere im Darknet. Je nach Fall arbeite ich mit den kantonalen Polizeikorps, dem Fedpol oder ausländischen Behörden zusammen.

Wie hat sich das Geschäft mit illegalen Medikamenten in den letzten Jahren entwickelt?

Was die Anbieter betrifft, sind wir in der Schweiz gut aufgestellt. Es gibt nur noch sehr wenige, die aus der Schweiz operieren. Es gibt aber Internet-Seiten, die nur so aussehen, als würden sie von einem legalen Schweizer Anbieter betrieben. Darauf fallen viele rein. Das müssen wir den potenziellen Kunden immer wieder klarmachen: Eine Schweizer Flagge auf der Startseite heisst nicht, dass das Angebot auch legal ist.

Hat die Schweiz genügend Ressourcen im Kampf gegen illegale Medikamenten-Anbieter?

Es wird versucht, bei der Bekämpfung der Online-Kriminalität die Ressourcen so effizient wie möglich einzusetzen. Die Zusammenarbeit der verschiedenen Partnerbehörden ist zentral. Viele Kantone oder Bundesämter haben zwar eigene Cyber-Einheiten aufgebaut, sie könnten insgesamt aber noch schlagkräftiger sein. Es fehlt teilweise noch das Bewusstsein für die Gefahr.

Versuchen Sie, wenn Sie auf einen Marktplatz stossen, Käufer zu identifizieren?

Das primäre Ziel ist, den Zugang zu verhindern und den Marktplatz zu schliessen. Wir zeigen nicht mit dem Finger auf Kunden solcher Angebote.

Wo werden illegale Medikamenten-Shops meist gehostet?

Es gibt Länder, bei denen man wenig Chancen hat, etwas zu bewirken – Russland oder die Ukraine etwa. Dort versanden Anfragen oft bei den Behörden, die andere Prioritäten haben. Und natürlich ist es auch ein Business, mit dem Geld gemacht wird. Im internationalen Austausch merke ich dann, dass ich hier nicht sehr viel Energie investieren muss, weil alle mit diesen Problemen kämpfen.

*Name der Redaktion bekannt.

Das fand Swissmedic in Online-Bestellungen:

wurden 21 Milligramm Tadalafil gefunden, ein Wirkstoff zur Behandlung von Erektionsstörungen. Wer das Medikament bestellt und auf rein pflanzliche Wirkstoffe zählt, konsumiert also unwissentlich einen pharmazeutischen Wirkstoff. Das ist besonders gefährlich für Männer, die wegen eines Herzleidens solche Substanzen nicht einnehmen dürfen.

gefunden. Normalerweise braucht man das, um Gummi zu synthetisieren und zu vulkanisieren. In der EU wird es nicht mehr angewendet, weil es ein Kontakt-Allergen ist.

Entzündungshemmer und Schmerzmittel sowie Erektionsförderer. «Diese Substanzen haben in einem Produkt zur Gewichtsreduktion überhaupt nichts zu suchen», sagt K. Sie seien wahrscheinlich rein zufällig, beispielsweise als Verunreinigung während des Produktionsprozesses darin gelandet.

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