Feminismus: «Junge linke Frauen sind der neue ‹Hau-den-Lukas›»
Aktualisiert

Feminismus«Junge linke Frauen sind der neue ‹Hau-den-Lukas›»

SVP-Nationalrat Andreas Glarner und seine Fans ziehen über Juso-Frauen her. Jolanda Spiess-Hegglin wird die Kommentatoren nun anzeigen.

von
D. Pomper
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«Oh mein Gott - ist hier nicht Art. 258 des Strafgesetzbuches (Schreckung der Bevölkerung) erfüllt?», schrieb SVP-Nationalrat Andreas Glarner auf Facebook über das Oben-ohne-Bild der Juso-Frauen. Es folgten über tausend – teils äusserst gehässige – Kommentare auf seiner Wall.

«Oh mein Gott - ist hier nicht Art. 258 des Strafgesetzbuches (Schreckung der Bevölkerung) erfüllt?», schrieb SVP-Nationalrat Andreas Glarner auf Facebook über das Oben-ohne-Bild der Juso-Frauen. Es folgten über tausend – teils äusserst gehässige – Kommentare auf seiner Wall.

Daraufhin schrieb ihm die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin folgendes SMS.

Daraufhin schrieb ihm die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin folgendes SMS.

«Was Andreas Glarner hier macht, ist eine niederschwellige Form politischer Hetzjagd.» Er formuliere seine «leider nicht strafrechtlich relevanten» Posts bewusst so, dass sich seine Fans motiviert fühlten, noch eins draufzugeben. «Junge linke Frauen sind in der Online-Welt zum neuen Hau-den-Lukas geworden», sagt Spiess-Hegglin.

«Was Andreas Glarner hier macht, ist eine niederschwellige Form politischer Hetzjagd.» Er formuliere seine «leider nicht strafrechtlich relevanten» Posts bewusst so, dass sich seine Fans motiviert fühlten, noch eins draufzugeben. «Junge linke Frauen sind in der Online-Welt zum neuen Hau-den-Lukas geworden», sagt Spiess-Hegglin.

Keystone/urs Flueeler

Kaum war das Bild, mit dem Juso-Chefin Tamara Funiciello mit Parteimitgliedern oben ohne für den Women's March in Zürich warb, online, ging der Shitstorm los. «Oh mein Gott - ist hier nicht Art. 258 des Strafgesetzbuches (Schreckung der Bevölkerung) erfüllt?», schrieb SVP-Nationalrat Andreas Glarner auf Facebook. Seine Fans teilten seine Meinung: Es folgten über tausend Kommentare auf seiner Wall. Die einen machten sich über die Körper der Frauen lustig («Da ist jeder chinesische Nackthund schöner»), andere fürchten um ihre Gesundheit («Das gibt Augenkrebs»), Frauen gaben an, sich für ihre «Artgenossen» zu schämen.

Darauf wurde die Gegenseite aktiv. Sie nahm die Juso-Frauen in Schutz und machte sich über die fehlerhafte Rechtschreibung und den Bildungsgrad der Hater lustig («Schame Gefühl?» «Jesses. Ihr und euer Bildungsgrad»). Allerdings blockierte Glarner einige Verfasser kritischer Posts, weil es sich bei ihren Kommentaren um eine «orchestrierte Aktion» gehandelt habe, wie er auf Anfrage sagte.

«Wir sind wütend»

Die Juso-Präsidentin Funiciello reagierte relativ gelassen: «Die Reaktionen heute zeigen, wie nötig diese Diskussionen sind. Wir hatten den Mut, sie anzustossen.» Dann schiebt sie noch eine Warnung nach: «Passt auf, ihr Patriarchen. Wir sind zurück. Wir sind viele. Und wir sind wütend.»

Wütend ist auch die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin. Nachdem sie die Kommentare auf Glarners Seite gelesen hatte, bat sie den Nationalrat per SMS vergeblich darum, seinen Post wieder zu löschen. Sie veröffentlichte Screenshots der Kommentare und bereitet nun die Anzeigen vor. «Rund 70 Kommentatoren haben sich wegen Ehrverletzungsdelikten oder Vergewaltigungsandrohungen wohl strafbar gemacht», sagt Spiess-Hegglin, die im letzten Oktober den Verein #NetzCourage gegründet hat. Dieser unterstützt Menschen, die im Netz Opfer von Cybermobbing oder Beschimpfungen geworden sind. In den nächsten Wochen will sie die Anzeigen erstatten. Den Übeltätern drohen tausend Franken Busse und eine Probezeit von zwei Jahren.

«Ich sage, was ich denke»

«Ich werde auch weiterhin sagen, was ich denke und was ich doof finde», sagt Glarner, der überzeugt ist, dass die Juso den Frauen «einen Bärendienst» erwiesen haben. Er räumt allerdings ein, dass er nicht mit der Vielzahl und Heftigkeit der Kommentare gerechnet habe. So habe er denn auch «die Posts, die wirklich unter der Gürtellinie waren», gelöscht.

Für Spiess-Hegglin ist das eine Alibi-Übung. «Was Andreas Glarner hier macht, ist eine niederschwellige Form politischer Hetzjagd.» Er formuliere seine «leider nicht strafrechtlich relevanten» Posts bewusst so, dass sich seine Fans motiviert fühlten, noch eins draufzugeben. «Junge linke Frauen sind in der Online-Welt zum neuen Hau-den-Lukas geworden», sagt Spiess-Hegglin.

Frauenverachtende Kommentare hätten in den letzten Monaten zugenommen: «Sexismus und ‹Hate speech› (Hassreden) sind eine neue Bedrohung in unserer Gesellschaft.» Hier sieht die Zugerin auch den Bund in der Pflicht: «Er sollte die Stelle einer Hate-Speech-Beauftragten schaffen, so wie dies Deutschland bereits gemacht hat.»

«Was denken sich diese Frauen?»

Die Juso-Aktion geriet übrigens nicht nur von rechter Seite unter Beschuss. Auch CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter stellte auf Facebook die Aktion in Frage: «Was diese Frauen sich wohl dabei denken? Ich wünsche mir kompetente, leistungsfähige und selbstbewusste Frauen in der Politik und in der Wirtschaft. Pussyhats stricken und BHs verbrennen bringen keinen Franken mehr Lohngleichheit und keinen einzigen VR-Sitz mehr.» Ein Kommentator: «Hoffentlich schreckt das Bild die Juso-Wähler ab und sie wählen jetzt lieber CVP.»

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