IV statt Lohn: Junge machen immer öfter «Rentnerkarriere»

Aktualisiert

IV statt LohnJunge machen immer öfter «Rentnerkarriere»

Die Zahl sehr junger IV-Bezüger steigt an - auch weil eine IV-Rente oft höher ist als der Lohn. Viele bleiben ein Leben lang von der staatlichen Unterstützung abhängig.

von
Zora Schaad

Die Zahl junger Erwachsener zwischen 18 und 25 Jahren, die eine ausserordentliche IV-Rente beziehen, steigt. Allein im Kanton Zürich ist ihr Anteil seit 2003 gemäss einer Studie von Medizinprofessor Oskar Baenziger und Psychologin Barbara Gölz von der Universität Zürich um 19 Prozent gestiegen. Der Trend bestätigt sich schweizweit: Während 2006 noch 800 neue ausserordentliche Renten ausgestellt wurden, waren es 2010 fast 1800. Dies, obwohl die Neurentenquote der IV insgesamt abgenommen hat.

Das endet oft in «Rentnerkarrieren»: «Viele dieser jungen Be­züger bleiben bis an ihr Lebens­ende abhängig von der IV», so Baenziger. Besonders problematisch ist, dass sie mit Rente und Ergänzungsleistungen oft mehr Einkommen erzielen als ihre arbeitsfähigen Altersgenossen: «Damit wird der Anreiz, in der Berufswelt Fuss zu fassen, ausgeschaltet.»

Dies stösst bei Experten auf Kritik. «Es darf nicht sein, dass für Jugendliche eine IV-Rente attraktiver ist, als zu arbeiten», sagt Nationalrätin Ruth Humbel (CVP). Kurt Häcki von der Sozialversicherungsanstalt Baselland ortet bei den Ergänzungsleistungen Spielraum für Einsparungen. Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne) will die Arbeit­geber in die Pflicht nehmen: «Ohne Quote, die grössere Unter­nehmer zwingt, schwächere Arbeitnehmer zu beschäftigen, wird es wohl nicht ­gehen.»

«Für die Jugendlichen ist es frustrierend»

Herr Baenziger*, warum gibt es immer mehr junge IV-Bezüger? Oskar Baenziger: Der Arbeitsmarkt ist gesättigt. Gerade für psychisch Kranke, die etwa unter ADHS leiden, ist der Einstieg ins Berufs­leben schwierig.

Herr Baenziger*, warum gibt es immer mehr junge IV-Bezüger? Oskar Baenziger: Der Arbeitsmarkt ist gesättigt. Gerade für psychisch Kranke, die etwa unter ADHS leiden, ist der Einstieg ins Berufs­leben schwierig.

Was für Folgen hat das?

Für die Jugendlichen ist es frustrierend, von der Gesellschaft nicht gebraucht zu werden. Zudem wird die IV belastet.

Nützen die Jungen das System aus?

Nein. Wir können ihnen nicht verübeln, dass sie nach einer langen Kette von Frustrationen nach dem Strohhalm greifen, den das System ihnen hinstreckt. (ZOS)

*Oskar Baenziger ist ärztlicher Leiter bei der IV Zürich.

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