Aktualisiert 19.06.2015 06:47

Gewalt nimmt ab

Junge Männer reden heute lieber über ihre Probleme

Jungs suchen bei Problemen vermehrt eine Beratung auf. Sich Hilfe zu holen, ist unter Jugendlichen kein Tabu mehr.

von
ann
Junge Männer lassen sich heute bei Problemen vermehrt von Psychologen oder Beratern helfen.

Junge Männer lassen sich heute bei Problemen vermehrt von Psychologen oder Beratern helfen.

Jugendliche, die sich bei Problemen die Birne zudröhnen oder alles kurz und klein schlagen: Das war einmal. Das zeigen die sinkenden Alkohol- und Kriminalitätsstatistiken. Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung liefern Beratungsstellen für Jugendliche. Sie berichten von einer steigenden Nachfrage nach Beratungen in den letzten Jahren.

Das Erfreuliche daran: Es kommen vor allem auch immer mehr junge Männer, die professionelle Hilfe suchen. Laut Matthias Vogt, Co-Leiter der Jugendberatung der Stadt Zürich, hat das damit zu tun, dass es diesen heute leichter fällt, über psychische und soziale Probleme zu reden. «Ob allerdings ein Zusammenhang zwischen den steigenden Fallzahlen auf Jugendberatungen und der Abnahme der Jugendkriminalitätsstatistik besteht, kann so nicht beantwortet werden», sagt Matthias Vogt.

Psychologische Hilfe ist breit akzeptiert

Seien vor rund 10 Jahren noch zwei Drittel der Beratungen für Mädchen gewesen, hätten die Jungs deutlich aufgeholt und machten jetzt 40 Prozent der Fallzahlen aus. «Wir gehen davon aus, dass die jungen Männer weiter aufholen.» Dazu gehöre auch, dass bereits 10 Prozent der Jugendlichen ganz allein auf die Idee kämen, Hilfe zu suchen. Diese googelten die Jugendberatung im Netz und meldeten sich selbständig. Zudem kämen rund drei Viertel der Jugendlichen ganz oder eher freiwillig in die Beratung.

Vogt glaubt, dass Beratungsangebote unter Jugendlichen generell mehr Anklang finden. «Heute kann man darüber reden, dass man fachliche Hilfe in Anspruch nimmt, das ist kein Tabu mehr.» Dies sagt auch Philipp Ramming, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie: «Die Jugendlichen sind heute offener und lassen sich eher helfen. Die Bereitschaft, zu einem Psychologen zu gehen, ist viel grösser.»

Die Jugendlichen sind in grosser Not

Eine wichtige Rolle spielen auch die Kollegen. In die Jugendberatung Zürich kommen 7 Prozent der Jugendlichen, weil ihre Kollegen sie dorthin begleitet haben. Und: Diese Zahl ist am Steigen. Das stellt auch Ramming fest: «Es kommt immer häufiger vor, dass Jugendliche ihre Freundinnen und Freunde in die Beratung mitbringen oder diese für eine solche motivieren.»

Matthias Vogt von der Jugendberatung Zürich stellt aber auch klar: «Einfach so kommen die Jugendlichen nicht zu uns. Sie haben meist sehr grosse Probleme und sind richtiggehend in Not.» Dabei gehe es um Konflikte in der Familie, Schwierigkeiten in der Schule oder der Lehre oder persönliche Probleme wie Depressionen oder mangelndes Selbstwertgefühl. Vieles werde zunächst von den besten Freunden aufgefangen. «Erst wenn die Peergroup damit überfordert ist, wenden sich Jugendliche an Erwachsene.»

Keine Kosten, breites Angebot

Ein weiterer Grund für den Erfolg der Jugendberatungsangebote ist deren Konzept. Vogt: «Den Jugendlichen entstehen keine Kosten, sie können auch ohne Wissen der Eltern zu uns kommen, unsere Wartefristen sind kurz und sie können auf unsere Verschwiegenheit zählen.»

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