Vereinfachte Einbürgerung: Junge Ausländer verzichten auf den Schweizer Pass

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Vereinfachte EinbürgerungJunge Ausländer verzichten auf den Schweizer Pass

Seit 2018 können sich Ausländerinnen und Ausländer unter 25 leichter einbürgern lassen. Eine erste Bilanz zeigt: Nur ein Bruchteil nutzt diese Möglichkeit.

von
Marino Walser
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Eine Bilanz der Eidgenössischen Migrationskommission zeigt: Nur ein Bruchteil junger Ausländerinnen und Ausländern nutzt die vereinfachte Einbürgerung. 

Eine Bilanz der Eidgenössischen Migrationskommission zeigt: Nur ein Bruchteil junger Ausländerinnen und Ausländern nutzt die vereinfachte Einbürgerung. 

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Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Migrationskommission, ist der Meinung, dass die vereinfachte Einbürgerung noch immer mit zu hohen bürokratischen Hürden verbunden ist. 

Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Migrationskommission, ist der Meinung, dass die vereinfachte Einbürgerung noch immer mit zu hohen bürokratischen Hürden verbunden ist. 

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Arber Bullakaj, Co-Präsident Aktion Vierviertel und Vorstandsmitglied SP Migrant:innen, sagt, dass die erleichterte Einbürgerung nicht halte, was sie verspreche.

Arber Bullakaj, Co-Präsident Aktion Vierviertel und Vorstandsmitglied SP Migrant:innen, sagt, dass die erleichterte Einbürgerung nicht halte, was sie verspreche.

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Darum gehts

  • Zwischen 2018 und 2020 nutzten lediglich 1800 von 25’000 Ausländerinnen und Ausländer die vereinfachte Einbürgerung. 

  • Die vereinfachte Einbürgerung ist längst nicht so einfach, wie sie sich anhört. Sie soll noch einfacher werden.

  • Manche durchlaufen bewusst die normale Einbürgerung, da die Dokumentenschlacht für die vereinfachte Einbürgerung zu umständlich ist.

  • Aufseiten der Bürgerlichen ist man gegen eine erneute Vereinfachung der Einbürgerung.

Ausländerinnen und Ausländer, von denen bereits die Grosseltern in der Schweiz lebten, gehören der dritten Generation an. Seit Februar 2018 können sie einen vereinfachten Einbürgerungsprozess durchlaufen. Eine Bilanz der Eidgenössischen Migrationskommission EKM zeigt nun: Von der vereinfachten Einbürgerung haben bis Ende 2020 nur rund 1800 von möglichen 25’000 Ausländerinnen und Ausländern Gebrauch gemacht.

Woran liegt das? Pfeifen junge Ausländerinnen und Ausländer auf die Schweizer Staatsbürgerschaft oder ist die vereinfachte Einbürgerung noch immer zu umständlich?

«Beides», sagt Walter Leimgruber, Präsident der Eidgenössischen Migrationskommission EKM, gegenüber 20 Minuten. Zum einen seien viele Schweizer Ausländerinnen und Ausländer EU-Staatsangehörige und hätten dadurch beinahe keine Einschränkungen in der Schweiz. Zum anderen sei die vereinfachte Einbürgerung alles andere als einfach. «Die bürokratischen Hürden sind noch immer zu hoch», sagt Leimgruber. Er bekomme oft zu hören, dass Ausländerinnen und Ausländer, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind, es als unfreundlich bezeichnen, in einem aufwendigen Verfahren beweisen zu müssen, dass die Grosseltern einen Aufenthaltsstatus hatten oder ihre Eltern hier zur Schule gingen. 

Einbürgerung soll noch einfacher werden

Wollen sich Menschen, die jünger als 25 Jahre alt sind, dennoch einbürgern lassen, müssen sie beweisen, dass bereits die Grosseltern in der Schweiz lebten oder aber ein Elternteil mindestens fünf Jahre die obligatorische Schule in der Schweiz besucht hat. Und genau darin liege die Schwierigkeit, sagt Arber Bullakaj, Mitglied der Geschäftsleitung SP Migrant:innen. «Wie soll ich ein Dokument auftreiben, welches vor 40 oder 50 Jahren ausgestellt wurde? Oder noch schwieriger: Was, wenn meine Grosseltern bereits verstorben sind?», fragt Bullakaj rhetorisch.

Der Aufwand, ein solches Dokument aufzutreiben, sei immens und halte viele davon ab, die vereinfachte Einbürgerung anzugehen. Die erleichterte Einbürgerung halte also nicht, was sie verspreche. Laut Bullakaj hätten sich manche sogar für den regulären Einbürgerungsprozess entschieden, obwohl sie Anspruch auf die Vereinfachung gehabt hätten. Auch sei es vorgekommen, dass auf die Einbürgerung aufgrund der Komplexität ganz verzichtet wurde. «Dabei ist es vielen enorm wichtig, Schweizerin oder Schweizer zu sein. Auch wenn sie es nicht offen sagen», sagt Bullakaj. Auch Isabel Garcia, Präsidentin Secondas Zürich, teilt diese Meinung. Oftmals seien banale Dinge die grösste Hürde. «Es ist ein extrem kompliziertes und langwieriges Verfahren. Das dafür nötige, kleinkarierte Denken erschüttert mich manchmal», sagt Garcia. 

Soll die Einbürgerung tatsächlich erleichtert werden, müssen die hohen bürokratischen Hürden erleichtert werden. Das fordern Bullakaj von der SP Migrant:innen als auch Leimgruber von der EKM.

Bürgerliche sind gegen weitere Vereinfachung für Einbürgerung

Klar gegen eine erneute Vereinfachung der Einbürgerung stellt sich SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann. Laut der Politikerin wusste man bereits, bevor der Verfassungsartikel griff, über die vermeintlich hohen Hürden Bescheid. «Die Eidgenössische Migrationskommission sowie die Linken sind natürlich auch etwas Einbürgerungslobbyisten», sagt Steinemann. Dennoch unterstützt sie die Aussage der Migrationskommission, dass Ausländerinnen und Ausländer sich nicht einbürgern lassen wollen. «Wir können die Einbürgerung aber nicht noch mehr vereinfachen, nur weil die EKM und die Linken mit dieser Reform nicht die gewünschte Wirkung erzielt haben», sagt Steinemann.

Die EKM sieht dies anders. Sie will die Einbürgerung weiter vereinfachen. Eine Möglichkeit sei die Abschaffung der Altersgrenze. Dies sei ein weiterer Stolperstein. Denn bis zum 25. Lebensjahr machen sich die wenigstens Menschen Gedanken über ihre Staatsangehörigkeit. «Erst wenn Ausländer beispielsweise eine Familie gründen, denken sie vermehrt über ihre Einbürgerung nach. Dann aber sind sie meist älter als 25 Jahre», sagt Leimgruber von der EKM.

Aufgrund der Übergangsbestimmungen liegt die Altersgrenze, um sich vereinfacht einbürgern zu lassen, noch bei 40 Jahren. Dies gilt noch bis Mitte Februar 2023. Laut Leimgruber sei dies aber vielen Ausländerinnen und Ausländer nicht bekannt. Und auch die Gemeinden wissen oftmals nicht, dass diese Möglichkeit bestehe. «Wir wollen, dass die Wohngemeinden in Zukunft proaktiv informieren und auf die erleichterte Einbürgerung hinweisen», sagt Leimgruber. 

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