07.04.2020 18:47

Mehr Arbeitslose

«Junge müssen in Krisen oft als Erste gehen»

Die Arbeitslosigkeit ist im März deutlich gestiegen. Ein Experte erwartet, dass der Trend weitergeht. Auch dürften die Chancen für Neueinsteiger auf dem Arbeitsmarkt sinken.

von
C. Seemann
1 / 9
Der Shutdown lässt die Arbeitslosigkeit deutlich ansteigen. Gegenüber Februar ist die Arbeitslosenquote Ende März um 0,4 Prozent auf 2,9 Prozent gestiegen.

Der Shutdown lässt die Arbeitslosigkeit deutlich ansteigen. Gegenüber Februar ist die Arbeitslosenquote Ende März um 0,4 Prozent auf 2,9 Prozent gestiegen.

Keystone/Gaetan Bally
Die rasche Zunahme der Arbeitslosigkeit beschäftigt auch Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich (KOF). «Ein derart grosser Anstieg konnten wir vor dem Lockdown nicht vorhersehen.»

Die rasche Zunahme der Arbeitslosigkeit beschäftigt auch Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich (KOF). «Ein derart grosser Anstieg konnten wir vor dem Lockdown nicht vorhersehen.»

Keystone/Walter Bieri
Für die nächsten Monate sei kaum mit einer Entspannung zu rechnen. «Die Arbeitslosigkeit wird weiterhin deutlich ansteigen.»

Für die nächsten Monate sei kaum mit einer Entspannung zu rechnen. «Die Arbeitslosigkeit wird weiterhin deutlich ansteigen.»

Keystone/Gaetan Bally

Der Lockdown sorgt für deutlich mehr Arbeitslose. Das zeigen die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), die am Dienstag veröffentlicht wurden: Gegenüber Februar ist die Arbeitslosenquote Ende März um 0,4 Prozent auf 2,9 Prozent gestiegen.

«Die Arbeitslosigkeit wird weiterhin deutlich ansteigen»

Die rasche Zunahme der Arbeitslosigkeit beschäftigt auch Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle an der ETH Zürich (KOF). «Ein derart grosser Anstieg konnten wir vor dem Lockdown nicht vorhersehen.» Zudem steigen die Zahlen laut Berechnungen des Forschungsinstituts noch weiter an: «Wir haben berechnet, dass bereits schon am Dienstag rund 3,1 Prozent arbeitslos waren.» Für die nächsten Monate sei kaum mit einer Entspannung zu rechnen. «Die Arbeitslosigkeit wird weiterhin deutlich ansteigen.»

Bisher habe es laut Siegenthaler viele Entlassungen im Gastgewerbe oder dem Detailhandel gegeben. Bald dürften aber auch mehr Exportfirmen betroffen sein. Siegenthaler erklärt: «Die Nachfrage nach Schweizer Gütern im Ausland ist eingebrochen. Das spüren jetzt vor allem exportorientierte Firmen wie in der Industrie.»

Junge können von Entlassungen betroffen sein

Der Konjunkturforscher erhofft sich für die zweite Jahreshälfte einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen. Von den kurzfristigen Folgen und Entlassungen könnten laut Siegenthaler aber vorwiegend junge Angestellte betroffen sein. «Diejenigen, die temporär angestellt sind oder weniger firmenspezifisches Wissen haben, müssen in Krisen meist als Erste gehen.» Zudem würden die Chancen von Neueinsteigern auf dem Arbeitsmarkt sinken, weil die Firmen einen Einstellungsstopp verhängen.

Weniger betroffen seien Angestellte in Branchen, die nicht stark auf die Konjunktur reagieren. Dies sei zum Beispiel in der öffentlichen Verwaltung der Fall oder in Firmen, bei denen man im Homeoffice den Betrieb aufrechterhalten könne. Wie am Dienstag bekannt wurde, schätzt die KOF die Kosten eines Lockdowns bis Juni auf rund 35 Milliarden Franken.

«Erschreckender Anstieg»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) spricht in einem Communiqué von einem «erschreckenden Anstieg der Arbeitslosigkeit». «Die Zahlen zeigen, dass selbst Firmen in zahlreichen Branchen, die nach wie vor arbeiten dürfen, viele Leute entlassen haben», schreibt der Verband. So passiere dies beispielsweise in Teilen der Industrie, der Verkehrsbranche und des Finanzsektors. «Dieses Verhalten der Firmen ist nicht akzeptabel.» Der SGB fordert, dass Arbeitgeber mit wirtschaftlichen Problemen Kurzarbeit einführen und die Corona-Entlassungen stoppen.

Ähnlich sieht man es bei Travail Suisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden. «Mit vorschnellen Entlassungen wird die wirtschaftliche Krise unnötig verstärkt», sagt Gabriel Fischer, Leiter Wirtschaftspolitik. «Erst wenn die wichtigen Fragen der Einkommenssicherung für alle Arbeitnehmenden geklärt sind, kann mit den Diskussionen über eine Exit-Strategie zur Abmilderung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Lockdowns begonnen werden», sagt Fischer.

29 Prozent der Erwerbstätigen in Kurzarbeit

Gemäss Seco waren Ende März rund 135'624 Personen bei der Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle (RAV) als arbeitslos gemeldet – ein Plus von 17'802 gegenüber dem Vormonat. Auch Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco, geht davon aus, dass die Arbeitslosenquote noch weiter zulegen wird.

Massnahmen wie Kurzarbeit dürften hingegen «das Schlimmste verhindern», so Zürcher. «Das Vehikel Kurzarbeit kann voraussichtlich eine Massenentlassungswelle in der Schweiz abwenden.» Bis Montag haben 131'000 Betriebe für etwa 1,45 Millionen Erwerbstätige Kurzarbeit beantragt. Das sind etwa 29 Prozent aller Erwerbstätigen in der Schweiz. Laut Zürcher könne diese Zahl im schlimmsten Fall bis auf 50 Prozent ansteigen.

Fehler gefunden?Jetzt melden.