Aktualisiert 15.01.2015 09:43

Islam in der Schweiz

Junge Muslime wettern gegen Imame

In den letzten Jahren sind in der Schweiz rund hundert muslimische Jugendorganisationen entstanden. Schweizer Muslime beobachten diese Entwicklung mit Sorge.

von
Romana Kayser
In den letzten Jahren sind in der Schweiz rund hundert neue muslimische Jugendorganisationen entstanden, davon rund ein Dutzend ausserhalb der Kontrolle muslimischer Gemeinden. (Archivbild: Mitglieder der Vereinigung der Islamischen Jugend Schweiz (VIJS) an einer Podiumsdiskussion der Jungen SVP)

In den letzten Jahren sind in der Schweiz rund hundert neue muslimische Jugendorganisationen entstanden, davon rund ein Dutzend ausserhalb der Kontrolle muslimischer Gemeinden. (Archivbild: Mitglieder der Vereinigung der Islamischen Jugend Schweiz (VIJS) an einer Podiumsdiskussion der Jungen SVP)

Für viele jugendliche Muslime in der Schweiz ist die Religion in den letzten Jahren zunehmend ins Zentrum gerückt. Darauf deuten die fast hundert neuen Jugendorganisationen hin, die in jüngster Zeit gegründet worden sind, wie der «Tages-Anzeiger» am Mittwoch schreibt. Während sich rund 80 Gruppen innerhalb muslimischer Vereine oder Moscheen gebildet haben, agieren rund ein Dutzend Jugendorganisationen auf eigene Faust. Der Grossteil ihrer Mitglieder sind Secondos, die in der Schweiz aufgewachsen sind.

Warum dieser Trend zu mehr Religiosität? «Vor allem nach dem Minarett-Verbot waren plötzlich alle Moscheen voll», sagt Sahla Nabi, Präsidentin der muslimischen Studentenorganisation MSAZ (siehe Box). Seither seien junge Muslime viel religiöser geworden. Zudem stellten sich viele junge Secondos in der Schweiz Fragen über ihre eigene Identität und Zugehörigkeit. Die religiösen Wurzeln würden hierbei eine grosse Rolle spielen. «In der globalisierter Gesellschaft ist die Religion für immer mehr junge Menschen ein wichtiger identitätsstiftender Faktor», so Nabi.

Keine Alternative für Jugendliche

In den traditionellen Moscheen würden sich die jungen Schweizer Muslime allerdings nicht wohl fühlen: «In vielen Moscheen werden die Predigten auf Albanisch, Bosnisch oder Türkisch gehalten», sagt Nabi. Die Jugendlichen aber würden die Predigten und Vorträge lieber in der hiesigen Sprache hören. In verschiedenen Jugendorganisationen würden deshalb auch Vorträge auf Deutsch gehalten. «Die gemeinsame Sprache ist für Jugendliche zentral.»

Nabi kritisiert: «Ältere Imame reden oft an uns jungen Muslimen vorbei, gehen zu wenig auf die Bedürfnisse der Jugendlichen ein und binden sie nicht in die Vereine mit ein.» Zudem böten nur wenige Moscheen soziale Aktivitäten wie Fussballturniere, Wanderungen oder Events an. Hier springen die Jugendorganisationen ein: «Die Jugendlichen brauchen eine Alternative in ihrer Freizeit, die die Moscheen kaum bieten.»

«Moscheen haben Anschluss zu Jungen verpasst»

Atef Shanoun, Präsident des Islamischen Vereins An'Nur in Winterthur, räumt ein, dass Jugendliche in zahlreichen Moscheen gegenüber den Älteren häufig das Nachsehen hätten. «Viele Leiter von muslimischen Vereinen oder Moscheen können nicht viel mit den Jungen anfangen.» Jugendliche fühlten sich unverstanden. «Viele Moscheen und Vereine haben den Anschluss zu den Jungen verpasst.» Er selbst versuche bewusst, die Jungen in seinem Verein zu integrieren, etwa indem er sie im Vorstand einsetzt. «Man muss bei den Jungen ansetzen – sie sind die Zukunft.»

Für Mustafa Memeti, Imam des Muslimischen Vereins Bern, hingegen, liegt der Fehler nicht bei den Moscheen, wenn sich die Jugend dort nicht abgeholt fühlt. «Die Jugendlichen verlangen von uns Imamen, dass wir in unseren Predigten auch über Politik und Aktualitäten sprechen», sagt er. «Ich bin aber der Meinung, dass die Imame Religion und Politik strikt trennen sollen.»

Shanoun begrüsst das zunehmende religiösen Engagement von Jugendlichen. «Es ist schön, wenn die Jungen aktiv sind und sich selber organisieren.» Allerdings hält er klar fest, dass er dies nur innerhalb der islamischen Gemeinden befürwortet. «Wenn die Jugendlichen alleine und abseits der Gemeinde agieren, kann es gefährlich werden», warnt Shanoun. Junge könnten sich so schnell radikalisieren. «Das Schlimmste ist, wenn die Jungen falsche Ideologien umsetzen wollen und im Namen des Islams Sachen machen, die dann dem ganzen Bild der Schweizer Muslime schadet.»

«Die Jungen sollen sich mit echtem Leben befassen»

Auch Memeti bereitet die zunehmende Religiosität der Jugendlichen Sorgen. Er kritisiert insbesondere Moschee- unabhängige Jugendvereine: «Dort haben wir keinerlei Kontrolle und wissen nicht, mit wem die Jugendlichen in Verbindung stehen», sagt er. Er kritisiert auch, dass für viele Jugendliche die islamischen Jugendvereine und Organisationen immer mehr zum zentralen Lebensinhalt werden: «Die Jungen sollten sich mehr mit ihrem echten Leben befassen, sonst verlieren sie den Bezug zur Realität.» Wenn sie religiöse Unterstützung brauchten, könnten sie in die Moschee kommen.

Die MSAZ teilt die Sorgen von Memeti und Shanoun nicht – im Gegenteil: «Jungendgruppen, die öffentlich wahrnehmbar sind, haben eine positive Wirkung auf die jungen Muslime», sagt Nabi. Die Jugendlichen würden in die Gesellschaft eingebunden, lernten Verantwortung zu übernehmen und ihre Identität werde gefördert. «Dadurch werden sie weniger anfällig für falsche Ideologien.»

Der Muslimische Studentenverein Zürich (MSAZ) ist ein eigenständiger

Hochschulverein der Universität Zürich. Er wurde im Jahr 2012 durch mehrere Studierende gegründet. Der MSAZ ist eine bunt gemischte Gruppe aus verschiedenen Nationen und hat mittlerweile ca. 130 Mitglieder (Doktoranden, Master- und Bachelorstudierende). Der Verein organisiert öffentliche Vorträge, soziale Aktivitäten und ist im interreligiösen Dialog tätig.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.