Von Ehepaar ausgebeutet: Junge Nannys mussten täglich 16 Stunden schuften
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Von Ehepaar ausgebeutetJunge Nannys mussten täglich 16 Stunden schuften

Ein Ehepaar soll vier junge Frauen aufs Übelste ausgebeutet haben. Sie mussten für Kost und Logis als Nannys und Haushaltshilfe sieben Tage in der Woche von 7 bis 23 Uhr arbeiten.

von
Stefan Hohler
Lynn Sachs
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Ein Ehepaar steht ab dem 9. Dezember vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, mehrere Nannys ausgebeutet, bedroht und ihnen gegenüber gewalttätig gewesen zu sein.

Ein Ehepaar steht ab dem 9. Dezember vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, mehrere Nannys ausgebeutet, bedroht und ihnen gegenüber gewalttätig gewesen zu sein.

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Die jungen Frauen mussten während sieben Tagen von frühmorgens bis spät in die Nacht arbeiten.

Die jungen Frauen mussten während sieben Tagen von frühmorgens bis spät in die Nacht arbeiten.

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Darum gehts

  • Ein Ehepaar aus dem Bezirk Winterthur muss sich ab 9. Dezember vor Gericht verantworten.

  • Es soll Nannys eingestellt und ausgebeutet haben und gegenüber den Frauen handgreiflich geworden sein.

  • Eine Expertin sagt, dass diese Umstände kein Einzelfall seien.

Es ist dicke Post, was in der Anklageschrift dem Ehepaar aus Südosteuropa alles vorgeworfen wird. Der Mann und seine Frau, um die 40 Jahre alt, stehen bald wegen Menschenhandel, Wucher, Drohung und weiterer Delikten vor dem Bezirksgericht Winterthur. Das Paar aus dem Bezirk Winterthur beschäftigte vom November 2015 bis April 2017 mindestens vier junge Frauen illegal als Nannys und Haushaltshilfe und nutze deren finanzielle Notlage brutal aus.

Die jungen Frauen mussten während sieben Tagen von frühmorgens bis spät in die Nacht arbeiten. So heisst es in der Anklageschrift, dass sie in einer «übermässigen Art den Haushalt machen mussten, mehrmals täglich staubsaugen, das Badezimmer putzen, die Küche schrubben, die Möbel polieren und nachts den Abfall heraustragen». Lohn erhielten die Nannys kaum oder gar nicht, den Pass nahm das Paar einem der Mädchen weg. Zum Schlafen hatten die Nannys eine Matratze auf dem Boden im Zimmer der drei Kinder, auf die sie aufpassen mussten.

Handgreiflichkeiten und Beleidigungen

Das Ehepaar schreckte auch nicht vor Handgreiflichkeiten und Beleidigungen zurück. In einem Fall soll der Ehemann eine der Nannys zu Oralverkehr gezwungen haben, als sich seine Frau in ihrem Heimatland befand. Er drohte der Nanny, dass er sie umbringen würde, falls seine Ehefrau davon erfahren würde. Zudem bedrohte der Mann einen Beamten, als dieser ihm eine Parkbusse ausstellte. Die beiden Beschuldigten sassen rund einen Monat lang in Untersuchungshaft. Die Strafanträge wird die Staatsanwältin am Prozess bekannt geben. Dieser ist auf drei Tage angesetzt.

«Die Frauen haben Angst, Hilfe zu holen»

Szasa Schaefer unterhält die Plattform Nannyverein.ch und arbeitet selbst als Nanny. Ihrer Ansicht nach sind die beschriebenen Umstände kein Einzelfall. «Oft kennen die Nannys, die im Haus der Familie wohnen, ihre Rechte nicht, weil sie aus fremden Ländern kommen. Die fehlenden Sprachkenntnisse und das Abhängigkeitsverhältnis zur Familie sind Gründe, warum sie sich kaum wehren können», sagt Schaefer. Laut Schaefer kann über die Zustände und die hohe Dunkelziffer von ähnlichen Fällen nur spekuliert werden. «Es ist wichtig, dass die Familien und die Nannys wissen, dass sie in einem Arbeitsverhältnis stehen, welches mit Rechten und Pflichten für beide Seiten verbunden ist.»

Laut Doro Winkler, Sprecherin Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, sind Personen, die in Privathaushalten arbeiten und wohnen, Ausbeutungssituationen mehr ausgesetzt. «Sie sind isoliert und haben kein soziales Netzwerk, an das sie sich wenden können.» Falls die Nannys ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz arbeiten, sind sie noch verletzlicher: «Die Frauen haben Angst, Hilfe zu holen, da sie befürchten, selbst kriminalisiert zu werden», so Winkler.

Update vom Mittwochmorgen: Die Gerichtsverhandlung wurde abgesagt. Der neue Termin steht noch nicht fest.

Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und in Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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