Bancomat-Eltern: Junge Schweizer haben mehr als genug Geld
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Bancomat-ElternJunge Schweizer haben mehr als genug Geld

Verzicht ist ein Fremdwort: Die meisten Jugendlichen haben genug oder mehr als genug Geld, so eine neue Studie. Dies, obwohl die Hälfte von ihren Bancomat-Eltern lebt.

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Die Schweizer Jugend ist verwöhnt: «Wir haben genug Geld», sagen mehr als drei Viertel von 1020 Befragten im Alter zwischen 15 und 21 Jahren aus den drei grossen Sprachregionen. 46 Prozent geben sogar an, mehr als genug Geld zu haben. Dies zeigt eine neue Juvenir-Jugendstudie, die im Auftrag der Jacobs Foundation von Prognos durchgeführt wurde.

«Genug heisst konkret: Die Hälfte der Schweizer Jugendlichen hat mehr als 500 Franken im Monat zur Verfügung», sagt Tobias Kaspar, Projektleiter Juvenir der Stiftung. Genug bedeute auch, dass Verzicht für die meisten Jugendlichen ein Fremdwort sei – und zwar dank ihren Eltern. 76 Prozent aller Jugendlichen habe praktisch noch nie auf etwas verzichten müssen: «Solange Jugendliche zuhause leben, mangelt es ihnen an nichts.»

Deutschschweizer Jugendliche sind früher selbstständig

Und das sind viele: Über die Hälfte der Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren ist laut der Studie noch voll von den Eltern abhängig und muss einzig fürs Vergnügen selbst aufkommen. Gerade mal 17 Prozent der Jugendlichen berappen ihr

Leben vollständig mit selbstverdientem Geld. Zwar nehme die finanzielle Selbstständigkeit mit dem Alter zu, dennoch sei ein selbstfinanziertes Leben bis ins Alter von 21 Jahren die Ausnahme, so Kaspar.

Die finanzielle Abnabelung vom Elternhaus findet in den drei Sprachregionen nicht gleichzeitig statt: In der Westschweiz und im Tessin stehen mit 21 Jahren gerade mal 10 Prozent respektive 11 Prozent auf den eigenen Füssen – in der Deutschschweiz sind es 21 Prozent. «Die Mehrheit der Jugendlichen sieht darin, dass sie vom Geld der Eltern lebt, keinen Widerspruch», sagt Kaspar.

Wohnen, ÖV und Ausgang sind zu teuer

Obwohl die Jungen in der Regel diese Kosten nicht selbst tragen müssen, beteiligen auch sie sich an der aktuellen Diskussion um die hohen Preise für Wohnen, Service public und Krankenkassen: Zu teuer finden sie vor allem die Miete für eine eigene Wohnung und die Ausgaben für die Mobilität und dabei insbesondere diejenigen für den öffentlichen Verkehr. Zudem schmälern die hohen Eintritts- und Getränkepreise den Spass am Ausgang, geben 76 Prozent der Befragten an. «Das bedeutet aber nicht, dass sie darauf verzichten», so Kaspar.

Das müssen sie dank ihren Eltern auch nicht. «Während früher das Sackgeld noch der Normalfall war, stecken heute viele Eltern ihren Kindern wie Bancomaten nach Bedarf Geld zu», sagte Gregor Mägerle, Leiter der Schuldenprävention der Stadt Zürich schon im Januar zu 20 Minuten.

Bancomat-Eltern wollen keinen Streit

Laut Experten sind Bancomat-Eltern, die ihren Kindern regelmässig Beiträge zahlen, ein ziemlich verbreitetes Phänomen. Das Thema Schulden interessiere die Jungen nicht, da sie der Meinung seien, dass ihre Eltern bei einem Engpass sowieso einspringen.

Gründe für dieses Verhalten der Eltern sind unter anderem, dass sie somit einem Streit mit ihren Kindern aus dem Weg gehen und ihre Liebe erkaufen können. Die heutige Konsumgesellschaft allgemein und ein fehlendes Bewusstsein seien ebenfalls dafür verantwortlich.

Frau Affolter*, wie viel Geld sollten Jugendliche monatlich von ihren Eltern bekommen?

Marianne Affolter: Das kann man nicht pauschal sagen. Wir bei Pro Juventute sind der Meinung, dass ein junger Mensch den Betrag erhalten sollte, den er für seine Ausgaben benötigtden sogenannten Jugendlohn. Dazu gehören etwa Kleider, Schuhe, Unterhalt für ein Mofa oder ähnliches, Freizeitgestaltung, Handy, Ausgang und Fahrtkosten mit dem ÖV. Wichtig ist, dass der Jugendliche aber diesen Betrag auch einteilen lernt. Wenn ihm das Geld also zu früh ausgeht, dürfen ihm die Eltern nicht einfach den Betrag wieder aufstocken.

Laut der Studie haben die meisten Jugendlichen genug oder sogar mehr als genug Geld zur Verfügung. Wird die heutige Jugend von ihren Eltern verzogen?

Das mag bei gewissen Familien der Fall sein. Aber: Genug Geld haben ist per se nichts Schlechtes. Entscheidend ist, dass die Eltern ihren Kindern beibringen, dass sie auch selbst auf etwas sparen und somit auf andere Dinge verzichten müssen.

Wo liegen die Gefahren, wenn Junge immer genug Geld haben?

Wenn Jugendliche immer alles erhalten, ohne selbst Opfer zu bringen, sind sie nicht genügend vorbereitet auf die Zukunft. Irgendwann müssen sie auf eigenen Füssen stehen und ihre Lebenshaltungskosten wie Miete oder Krankenkasse von ihrem eigenen Lohn zahlen. Das ist dann problematisch, wenn sie nicht gelernt haben, ihr Geld einzuteilen oder auf etwas zu sparen. Im schlimmsten Fall geraten sie in die Schuldenfalle – aus dieser wieder herauszukommen ist äussert schwierig.

Wie bereiten Eltern ihre Kinder richtig vor, damit das nicht geschieht?

In erster Linie müssen sie sich gemeinsam mit ihren Kindern mit dem Thema Geld und Konsum auseinanderzusetzen und ihnen Finanzkompetenz vermitteln. Geld planen oder einteilen zu können und sich über seinen Konsum bewusst zu sein, sind wichtige Werte. Jugendliche haben ein Recht darauf, das richtig zu lernen.

Ab wann sollte ein Jugendlicher denn finanziell selbstständig sein?

Das hängt von der individuellen Situation ab, etwa, ob Jugendliche bereits einen Lehrlingslohn erhalten, oder ob sie bis Mitte Zwanzig studieren und wenig eigenes Geld verdienen. Wichtig ist, dass Jugendliche gemäss ihrer eigenen Situation und ihren finanziellen Möglichkeiten selbstständig mit dem Geld umgehen können, das ihnen zur Verfügung steht.

*Marianne Affolter ist Kommunikationsleiterin bei Pro Juventute

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