Tamedia-Nachbefragung: Junge und Frauen liessen Rentenreform abstürzen
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Tamedia-NachbefragungJunge und Frauen liessen Rentenreform abstürzen

Innenminister Alain Berset gelang es nicht, die Frauen und Jungen auf seine Seite zu ziehen. Sie lehnten die Altersvorsorge 2020 deutlich ab.

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daw
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Sieger: Die Jungfreisinnigen Maja Freiermuth und Andri Silberschmidt kämpften gegen die Rentenreform.

Sieger: Die Jungfreisinnigen Maja Freiermuth und Andri Silberschmidt kämpften gegen die Rentenreform.

Keystone/Manuel Lopez
Das Abstimmungsergebnis im Überblick.

Das Abstimmungsergebnis im Überblick.

Es werde nicht einfach, eine neue, mehrheitsfähige Vorlage aufzugleisen, sagt Bundesrat Alain Berset nach der Niederlage.

Es werde nicht einfach, eine neue, mehrheitsfähige Vorlage aufzugleisen, sagt Bundesrat Alain Berset nach der Niederlage.

Keystone/Peter Schneider

Nach mehr als 20 Jahren ohne Reform scheiterte am Wochenende auch die Altersreform 2020 vor dem Volk – obwohl Bundesrat Alain Berset (SP) landauf, landab für den Kompromiss geweibelt hatte.

Nun zeigt die Tamedia-Nachbefragung im Detail, wie das Nein zustande gekommen ist. Zwei Befunde stechen ins Auge: Sowohl die Jungen als auch die Frauen verweigerten dem Bundesrat ihre Gefolgschaft.

Männer hätten Ja gestimmt

So stimmten nur 42 Prozent der Frauen der Reformvorlage zu, der am Sonntag gut 47 Prozent der Stimmbürger zustimmten. Würden nur Männer abstimmen, hätten dagegen beide Vorlagen das Volksmehr geschafft. Die markante Differenz bei den Geschlechtern deuten die Politologen Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen als Opposition der Frauen gegen die Erhöhung des Rentenalters.

Für die Reform setzte sich Natascha Wey, Co-Präsidentin der SP-Frauen, ein. Der hohe Nein-Anteil der Frauen überrascht sie nicht. «Der Widerstand gegen die Erhöhung des Frauenrentenalters war gross, trotz der AHV-Erhöhung und den Verbesserungen für Teilzeitarbeitende.» Für einige sei der Kompromiss zu weit gegangen. Bei der Neuauflage der Reform werde man darum auf substanzielle Kompensationen zugunsten der Frau beharren.

Nur 43 Prozent der Jungen für die Reform

Auch bei den jüngeren Stimmbürgern fielen die AHV-Vorlagen durch: Nur 43 Prozent der 18- bis 34-Jährigen stimmten der Reform und der Mehrwertsteuervorlage zu. Deutlich stärker war die Unterstützung bei den über 50-Jährigen und bei den Rentnern. Letztere nahmen die Rentenreform mit 53 Prozent Ja an.

Erfreut über das Resultat ist Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen: «Es zeigt, dass sich die Jungen mit der Vorlage auseinandergesetzt haben. Sie haben erkannt, dass es widersinnig ist, die AHV auszubauen, wenn die demografische Entwicklung in eine andere Richtung zeigt.»

Auch die Jungen seien bereit, ihren Preis zu bezahlen. Aber: «Sie brauchen die Sicherheit, dass ihr Opfer auch dafür sorgt, dass sie irgendwann eine Rente bekommen. Das war bei der abgelehnten Vorlage nicht der Fall.»

SVP-Wähler stimmten fast geschlossen Nein

Offensichtlich gewirkt hat die Kampagne der bürgerlichen Gegner: 84 Prozent der SVP-Wähler und 61 Prozent der FDP-Wähler legten ein Nein in die Urne. Bei der CVP-Basis folgten 2 von 5 Wählern ihrer Partei nicht und stimmten Nein. Bei SP und Grünen lehnten gut 25 Prozent der Wähler die Rentenreform ab.

Akademiker sagten eher Ja

Die Umfrage zeigt zudem einen klaren Stadt-Land-Graben. Städter haben die Erhöhung der Mehrwertsteuer und die Reform der Altersvorsorge angenommen (55% bzw. 53% Ja). Auf dem Land lag der Ja-Stimmen-Anteil markant tiefer (47% bzw. 43% Ja).

Gut kam die Reform der Altersvorsorge bei Personen mit einem Uni-Abschluss an: 63 Prozent der Akademiker sagten Ja. Stimmbürger, die eine Lehre oder ein Handelsdiplom als höchsten Abschluss haben, waren skeptischer: 60 Prozent stimmten Nein.

Einigkeit bei der Ernährungssicherheit

Das wuchtige Ja zum Bundesbeschluss über die Ernährungssicherheit lässt sich leicht erklären: Es fand bei den Wählern aller Parteien eine deutliche Mehrheit.

10'050 Personen aus der ganzen Schweiz haben zwischen dem 22. und 24. September online an der Tamedia-Nachbefragung zu den eidgenössischen Vorlagen vom 24. September teilgenommen. Die Umfragen werden in Zusammenarbeit mit den Politikwissenschaftlern Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1.7 Prozentpunkten. Weitere Informationen unter tamedia.ch/umfragen

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