Frau für böse Jungs: «Jungen Machos muss ich den Tarif durchgeben»

Publiziert

Frau für böse Jungs«Jungen Machos muss ich den Tarif durchgeben»

Sefika Garibovic bringt Buben bei, Mädchen nicht «Huren» zu schimpfen. Sie sagt: Weder Therapien noch Repressionen nützten etwas, nur eine strenge Nacherziehung.

von
D. Pomper
Sefika Garibovic arbeitet mit schwierigen Jugendlichen: «Die Jungs entwickeln mit zehn, elf Jahren schon eine enorme sexuelle Energie und wissen nicht wohin damit.»

Sefika Garibovic arbeitet mit schwierigen Jugendlichen: «Die Jungs entwickeln mit zehn, elf Jahren schon eine enorme sexuelle Energie und wissen nicht wohin damit.»

Frau Garibovic, zu Ihnen kommen Kinder, die Mädchen als Schlampen bezeichnen und sie sexuell belästigen. Was sind das für Buben?

Lassen Sie mich ein Beispiel schildern. Bei mir war kürzlich ein 13-jähriger Junge in Behandlung, halb Balkan-stämmig, halb Italiener. Er hat Mädchen in der Schule beschimpft, sie zwischen den Beinen, an den Brüsten und am Hintern betatscht, hat versucht, ein Mädchen in einen Busch zu zerren, er hat den Unterricht gestört, Lehrer angegriffen, randaliert und geklaut.

Warum hat sich der Junge so verhalten?

Das sind Kinder, die zu Hause nicht erzogen werden. Eltern vergöttern ihre Kleinen von Geburt an und lassen ihnen alles durchgehen. Das Thema Sexualität wird zu Hause tabuisiert. Die Jungs entwickeln mit zehn, elf Jahren schon eine enorme sexuelle Energie und wissen nicht wohin damit. Dann beginnen sie damit, Mädchen zu belästigen. Ihnen ist oft nicht klar, dass sie damit Grenzen überschreiten, weil sie ihnen nie aufgezeigt wurden.

Was heisst das konkret?

Ich habe den Jungen zu Hause besucht, um zu schauen, wie es da so abläuft. Er ist am Sonntagmorgen vom Ausgang nach Hause gekommen und hat die Türe mit den Füssen aufgekickt. Er ist reingetrampelt und hat zu seiner Mutter gesagt: «Hey, was läuft hier eigentlich? Wo ist mein Frühstück, du alte Tussi?» Dann hat er zu seinem Vater gesagt: «Warum nimmst du dir nicht eine andere? Sie macht ja nicht mal ihre Aufgaben richtig.» Die Eltern haben kein Wort gesagt.

Und was haben Sie gemacht?

Das, was man schon lange hätte machen sollen: Ich habe ihm mal richtig den Tarif durchgegeben. Ich habe ihn gepackt, gesagt, dass er sich die Hände waschen, Platz nehmen und mich dann anständig begrüssen soll. Ich sei wegen seines unsäglichen Verhaltens im Auftrag der Schule da. Spure er nicht, würde ich die Polizei rufen. Nach einer heftigen Protestaktion hat er tatsächlich nachgegeben. Dann begann ich mit der Nacherziehung. Nach neun Monaten verhielt sich der Junge normal und dankte mir mit Tränen in den Augen. Er ist jetzt ein Gentleman.

Schwierige Jugendliche können aber auch beim Psychologen behandelt werden …

Schauen Sie, junge Täter werden heutzutage behandelt wie Tiere in einem Streichelzoo. Kein Jugendlicher nimmt einen Psychologen ernst, weil er ihm nur zuhört und ihm nicht sagt, was Sache ist. Eine strenge Nacherziehung bringt tausendmal mehr als all diese Interventionen von Sozialarbeitern, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten, die zehntausende Franken kosten. Ich plädiere dafür, alle Therapien abzuschaffen. Diese Timeouts und Heimaufenthalte sind ein Witz. Diese Jungen sind nicht krank! Sie haben einfach keine Ahnung von Anstand und Moral. Das muss ihnen mal einer klipp und klar sagen. Auch den Eltern. Aber das macht niemand – aus falsch verstandener Toleranz.

Politiker plädieren für härtere Strafen. Bringt das Jugendliche zur Vernunft?

Weder diese Weichspüler-Massnahmen wie Therapien noch Repressionen wie Anzeigen, Bussen oder Heimeinweisungen bringen was. Wird ein Jugendlicher bestraft, steigt nur sein Ansehen in der Clique. Zum Umdenken bewegen sie ihn damit nicht.

Sollten auch die Schulen und Lehrer mehr intervenieren?

Natürlich! Kürzlich war ich in Bern in einer 6. Klasse. Dort lernte ich ein türkisches Mädchen kennen. Es trug falsche Wimpern, hatte knallrote Lippen, sich in ein Korsett gezwängt und trug Schuhe mit hohen Absätzen. Ich war schockiert und konfrontierte die Lehrerin. Sie sagte, dass sich Lehrpersonen nicht in die Erziehung der Eltern einmischten und diese respektierten. Dabei sollten sie bereits in der pädagogischen Ausbildung lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Andererseits ist es nicht Aufgabe der Lehrer, Problemjugendliche nachzuerziehen. Dafür braucht es Profis.

Was bringen Sie den Problemjugendlichen denn konkret bei?

Zuerst einmal verschaffe ich mir bei ihnen Respekt als Autoritätsperson. Ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Im Gegenzug schenke ich ihnen mein Vertrauen und höre den Jungs zu. Dann zeige ich ihnen, wie sie mit ihren sexuellen Bedürfnissen umgehen können, und bringe ihnen bei, dass es falsch ist, Mädchen zu beschimpfen oder sie sogar zu belästigen. Sie lernen, wie man mit Mädchen umgeht. Sie lernen, dass ihr Glied nicht ihr Verhalten steuern darf, sondern dass sie ihr Verlangen kontrollieren müssen. Man muss ihnen grundlegende Anstandsregeln beibringen.

Inwiefern spielt der kulturelle Hintergrund eine Rolle?

Ich behandle vorwiegend Buben aus dem Balkan, aber auch Türken, Italiener, Portugiesen und Schweizer. Letztere sind in der Minderzahl. Gerade Kinder aus dem Balkan tendieren dazu, sich in Banden zu organisieren, was den Gruppendruck erhöht. Dass die Religion, oder im Speziellen der Koran, eine Rolle spielt, bezweifle ich. Es gibt genauso viele christliche, buddhistische oder atheistische auffällige Kinder. Eine patriarchale Erziehung kann ich ebenso wenig feststellen. Diese Kids werden nicht patriarchal erzogen. Sondern gar nicht.

Sefika Garibovic ist Coach, Expertin für Nacherziehung, systemisch orientierte Therapeutin und Dozentin mit eigener Praxis in Zug, wo sie seit Jahren mit schwierigen Kindern und Jugendlichen arbeitet. Sie hat an der Universität Luzern und an der Fachhochschule St. Gallen studiert. Zurzeit studiert sie an der Univerität Basel Sexualtherapie- und Sexualmedizin.

Deine Meinung