Aufstieg der Jungen: Jungparteien machen den Alten Dampf
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Aufstieg der JungenJungparteien machen den Alten Dampf

Sie wollen Löhne von Politikern offenlegen, Offroader von der Strasse holen oder den Abzockern an den Kragen. Die Jungparteien sind heute einflussreicher denn je.

von
Jessica Pfister
Mit vereinten Kräften kämpften die Jungparteien 2009 gegen den biometrischen Pass. Nesa Zimmermann, Junge Grüne, Cedric Wermut, Ex-Präsident JUSO, Aline Haldemann, Junge Grüne, Roman Rutz, Junge EVP, Luca Urgese, Jungfreisinnige Basel Stadt, und Bernhard Zahner, Junge SVP (von links).

Mit vereinten Kräften kämpften die Jungparteien 2009 gegen den biometrischen Pass. Nesa Zimmermann, Junge Grüne, Cedric Wermut, Ex-Präsident JUSO, Aline Haldemann, Junge Grüne, Roman Rutz, Junge EVP, Luca Urgese, Jungfreisinnige Basel Stadt, und Bernhard Zahner, Junge SVP (von links).

Für Schlagzeilen sorgen die Jungparteien schon eine Weile – in der Vergangenheit aber nicht unbedingt für positive. So erhitzten die Jungsozialisten mit einer völlig ausser Kontrolle geratenen Hausbesetzerparty in Baden die Gemüter. Die Junge SVP strapazierte die Nerven der Mutterpartei mit einem Comic, dass den Bundesrat verunglimpfte. Und für den Nacktprotest der Jungen Grünen gegen die Verhaftungsmethoden der Polizei hatten die meisten nur ein müdes Lächeln übrig.

Heute sieht die Lage anders aus. Die Jungparteien sind kein mühsames Anhängsel mehr, sondern haben sich zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft entwickelt. Sie stemmen gemeinsam – ohne die Unterstützung der Mutterparteien – Referenden, wie beispielsweise jenes gegen die biometrische Pässe oder lancieren Volksinitiativen, wie letzte Woche zur Offenlegung der Politikerlöhne.

«Ältere Garde ist träge geworden»

Der Zürcher Politgeograf Michael Hermann erklärt den zunehmenden Einfluss der Jungparteien vor allem mit der veränderten politischen Kultur: «Heute geht es in der Politik vermehrt darum, Aufmerksamkeit zu gewinnen, originell und frech zu sein.» Die Jungparteien hätten in den letzten Jahren die richtige Mischung zwischen frechen Aktionen und hochprofessionellem Politcampaigning gefunden und so an Respekt bei den Mutterparteien gewonnen. «Deshalb und weil die älteren Garden träge geworden sind, können die Jungen auch vermehrt Druck ausüben.»

Das tun sie weniger in den traditionellen Institutionen wie dem Parlament oder der Kantonsregierung, sondern mit Initiativen oder an Parteitagen. So wie die Juso, auf deren Antrag die SP am letztjährigen Parteitag die Überwindung des Kapitalismus wieder ins Parteiprogramm aufgenommen hat. Oder ein Jahr zuvor, als sie sich mit ihrer Initiative «1:12 – Für gerechte Löhne» am Parteitag gegen andere Vorschläge durchsetzen konnten. Die SVP liess sich bei der Weiterführung und Ausdehnung der Personenfreizügigkeit von ihrer Jungpartei umstimmen. Damals fasste die Mutterpartei die Nein-Parole erst, nachdem die JSVP zusammen mit den Schweizer Demokraten das Referendum zustande gebracht hatte.

«Junge brauchen gewisse Narrenfreiheit»

Auf den Einfluss der Jungparteien angesprochen, meint SVP-Präsident Toni Brunner: «Die Jungpartei ist für uns die ideale Ergänzung.» Bei gewissen politischen Themen nütze es der Partei, wenn sich die Jungen engagieren. «Manchmal überzeugt die direkte unverblümte Sprache der Jungen einfach mehr als die diplomatischen Worte der Älteren», ist er überzeugt. Da sei es auch nicht tragisch, wenn man nicht immer einer Meinung sei. «Die Jungen brauchen eine gewisse Narrenfreiheit. Sie dürfen auch mal über das Ziel hinausschiessen oder Fehler machen.» Die Jungpartei solle ja auch ein Lernumfeld sein. Wobei es auch dort Grenzen gebe. «Grundsätzlich honorieren wir es aber, wenn sich die Jungen engagieren, sei es auf der Strasse oder in der Regierung», so Brunner.

SP-Präsident Christian Levrat freut sich ebenfalls über die erstarkte Jungbewegung. «Für uns ist die Juso einerseits eine Kaderschmiede und andererseits ein wichtiger Teil der linken Bewegung.» Gerade bei den Diskussionen über die Abzocker sei es dem Einsatz der Jungen zu verdanken, dass die SP bei diesem Thema heute so gut aufgestellt sei. «Aber klar gefallen mir nicht alle Aktionen. Die Hausbesetzung im Aargau goutierten wir zum Beispiel überhaupt nicht.»

Wermuth, Reinmann & Co. haben den Jungen ein Gesicht gegeben

Mit dabei an dieser Hausbesetzung war Cédric Wermuth. Der ehemalige Juso-Präsident, der aufgrund seiner provokativen Aktionen oftmals als «Enfant terrible» der Partei bezeichnet wurde, ist sicher mit ein Grund für den Erfolg der Jungpartei. Unter der Leitung des mediengewandten 25-jährigen Aargauers hat die Juso ihre Mitgliederzahl in den letzten Jahren auf 2500 verdoppelt.

Doch nicht nur Wermuth hat den Jungparteien ein Gesicht gegeben. Lukas Reimann von der SVP konnte mit seinem Einsatz gegen das Verbot von Pokerturnieren punkten und Bastien Girod von den Grünen mit seinem Engagement gegen die Offroader. Heute sitzen sie beide als Vertreter der Mutterparteien im Nationalrat und auch Wermuth will im Herbst den Sprung in die grosse Kammer schaffen. Für Christa Markwalder und Christian Wasserfallen, die beide auch noch als Nationalräte im Vorstand der Jungfreisinnigen aktiv sind, ist klar: «Die Parteien haben gemerkt, dass die Jungen die Zukunft sind.»

Jungsozialisten und Junge SVP mit stärkstem Profil

Für Politgeograf Michael Hermann sind es vor allem die Parteien an den rechten und linken Polen, die ein eigenständiges Profil haben. «Die Jungsozialisten sind klar links orientiert, linker noch als die Mutterpartei SP.» Die Mitglieder der Jungen SVP besetzen laut Hermann mehr Kernthemen der SVP wie beispielsweise die Ausländerproblematik. Dafür seien sie weniger wirtschaftsfreundlich als die Mutterpartei. «Die Jungfreisinnigen waren früher linker positioniert als die FDP, haben sich beispielsweise stark für die europäische Bewegung eingesetzt. Heute jedoch politisieren sie fast schon rechtsliberal.» Als wenig eigenständig bezeichnet der Politologe die Jungen Grünen, weil sie sich stark an der Mutterpartei orientieren. Keine klare Linie erkennbar sei ausserdem bei der Jungen CVP. «Sie ist womöglich vor allem für diejenigen attraktiv, die sich für eine Arbeit in den klassischen Institutionen interessieren.»

Michael Hermmann ist Polit-Geograf und leitet das Institut Sotomo. Das Institut ist auf die Analyse und Visualisierung von politischen Einstellungen und sozialräumlichen Entwicklungen spezialisiert.

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