Juppé nach Nicht-Wahl: «Es würde euch freuen, wenn ich verrecke»
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Juppé nach Nicht-Wahl: «Es würde euch freuen, wenn ich verrecke»

Politik ist nichts für zarte Gemüter. Den Schlag in die Magengrube, den der französische Superminister Alain Juppé gerade einstecken musste, kann aber selbst die Hartgesottensten der Branche umhauen.

«Es würde euch wohl freuen, wenn ich verrecke», raunzte Juppé am Montag eine Gruppe Reporter an, die ihn nach seinem Wohlbefinden fragte.

In der Tat war die Frage ausgesprochen überflüssig. Schliesslich hatte der 61-Jährige gerade eine der schwärzesten Stunden seiner Karriere hinter sich. Erst vor einem Monat war dem Expremier nach zwei Jahren im Exil die grandiose Rückkehr auf die Pariser Politik-Bühne gelungen. Staatspräsident Nicolas Sarkozy ernannte ihn zur Nummer zwei seiner Regierung und zum Staatsminister für Umwelt, Energie und Transport. Das ist einer der wichtigsten Posten, die Sarkozy zu vergeben hatte.

Doch weil er bei der Parlamentswahl in seinem Wahlkreis in Bordeaux scheiterte, muss Juppé sein Amt niederlegen. Nur wer ein Mandat erobert, darf regieren. Das ist in Frankreich Tradition, und Sarkozy hatte vor der Parlamentswahl klar gestellt, dass er sich daran halten werde.

Um die tragische Dimension von Juppés neuerlichem Sturz zu erfassen, muss man seine Vorgeschichte kennen. Altpräsident Jacques Chirac hatte den Expremier (1995 bis 1997) zu seinem eigenen Kronprinzen ernannt. Er ist «der Beste unter uns», sagte Chirac einst über den brillanten Strategen.

Doch 2004 kam der tiefe Fall: Juppé wurde wegen einer Parteifinanzierungsaffäre (er hatte Scheinarbeitsverträge im Pariser Rathaus zu Gunsten seiner damaligen Partei RPR gebilligt) zu 14 Monaten auf Bewährung verurteilt. Er musste sein Amt als Bürgermeister von Bordeaux niederlegen und verlor das passive Wahlrecht. Der Mann, der schon vom Élysée-Palast geträumt hatte, verzog sich als Gastprofessor nach Quebec. Er liess die Zeit nicht ungenutzt: In Kanada kam ihm nach eigenen Angaben die tiefe Einsicht, dass die Welt nur durch eine ökologische Revolution zu retten sei.

Erst vor zehn Monaten war Juppé mit der abermaligen Eroberung des Rathauses von Bordeaux der Schritt zurück in die Politik gelungen. Er machte damals schnell klar, dass seine Ambitionen nicht in der westfranzösischen Gironde enden. In Arcachon am Atlantik traf er sich mit dem damaligen Innenminister Nicolas Sarkozy zum Essen. Offiziell stellte er sich aber erst im Januar hinter die Kandidatur des einstigen Widersachers.

Als einziger Minister durchgefallen

Dass sein neuer Posten, der ihm wie auf den Leib geschneidert war, in Gefahr war, darüber war sich Juppé im Klaren. «Bis zur Parlamentswahl bin ich nur Interimsminister», sagte er vor zwei Wochen. Unermüdlich tourte er mit dem Fahrrad und zu Fuss durch Bordeaux, um Wähler zu mobilisieren, um sie von seiner ökologischen Mission zu überzeugen. «Es wird seine Früchte tragen», gab er sich noch am Samstag siegessicher. Ein Irrtum: Am Sonntag eroberte die Sozialistin Michèle Delaunay die langjährige Hochburg der Konservativen denkbar knapp mit 50,9 Prozent der Stimmen. Juppé ist der einzige Minister des Kabinetts, der durchfiel.

Für Sarkozys Regierung ist der Verlust eine kalte Dusche, die ganze Arithmetik droht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Am Montag blieb noch offen, wie das Schwergewicht des Kabinetts ersetzt werden könnte. Medien spekulierten, Wirtschaftsminister Jean-Louis Borloo könne seinen Platz einnehmen. Selbst im Lager der politischen Gegner wurde Juppés Niederlage mit Bedauern aufgenommen. «Im derzeitigen Kabinett war er der Beste, den man für den Posten des Umweltministers haben konnte», sagte die Umweltpolitikerin Corinne Lepage von der Zentrumspartei Modem. Staatssekretär Eric Besson forderte gar, im Fall Juppé müsse Sarkozy eine Ausnahme machen und an ihm festhalten.

Der Gestürzte selbst lehnte am Montag jeden Kommentar zu seiner politischen Zukunft ab. Am Sonntagabend hatte er seinen Rücktritt vom Ministerposten angekündigt. Offen liess er dabei, ob er seinen Bürgermeisterposten in Bordeaux behalten will. Mit einer baldigen Rückkehr nach Paris rechnet (vorerst) niemand. (dapd)

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