Günstiger ÖV: Juso fordert 1-Franken-Tagespass für die Region

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Günstiger ÖVJuso fordert 1-Franken-Tagespass für die Region

Ob ZVV, Ostwind oder Libero: Geht es nach der Juso, sollen Tageskarten für regionale Verkehrsverbünde nur noch einen Franken kosten. Für die SVP eine «Schnapsidee». 

von
Nicolas Meister
Daniel Graf
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Die Juso fordert vom Bund die Einführung eines 1-Franken-Tickets. Konkret sollen Tagespässe bei regionalen Verkehrsverbünden nur einen Franken kosten.

Die Juso fordert vom Bund die Einführung eines 1-Franken-Tickets. Konkret sollen Tagespässe bei regionalen Verkehrsverbünden nur einen Franken kosten.

20min/Michael Scherrer
Damit wolle man nicht nur mehr Leute in den öffentlichen Verkehr locken, sondern Bürgerinnen und Bürger auch finanziell entlasten, sagt Juso-Präsident Nicola Siegrist.

Damit wolle man nicht nur mehr Leute in den öffentlichen Verkehr locken, sondern Bürgerinnen und Bürger auch finanziell entlasten, sagt Juso-Präsident Nicola Siegrist.

JUSO Schweiz
Die Idee stösst bei SP-Nationalrat Matthias Aebischer grundsätzlich auf Zustimmung, zu Stosszeiten sollte dieses Ticket aber ungültig sein, um eine Überlastung zu verhindern.

Die Idee stösst bei SP-Nationalrat Matthias Aebischer grundsätzlich auf Zustimmung, zu Stosszeiten sollte dieses Ticket aber ungültig sein, um eine Überlastung zu verhindern.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Die Juso fordert vom Bund die Einführung eines regionalen Tagestickets für einen Franken. Ziel ist es, dass mehr Leute auf den ÖV umstiegen, sagt Juso-Präsident Nicola Siegrist.

  • Davon halten SVP und FDP wenig. SVP-Nationalrat Walter Wobmann sagt, dass das eine chancenlose «Schnapsidee» sei.

  • Grundsätzlich positiv beurteilt SP-Nationalrat Matthias Aebischer die Idee. Zu Stosszeiten sollte das Ticket aber ungültig sein, um eine Überlastung zu verhindern.

Der Bund solle im Rahmen des 175. Jubiläums der Schweizer Bahn ein neues Ticket im öffentlichen Verkehr einführen, fordern die Jungsozialisten. Konkret solle ein Tagespass in einem regionalen Verkehrsverbund wie dem ZVV nur noch einen Franken oder ein Monatsabo entsprechend 30 Franken kosten, sagt Nicola Siegrist, Präsident der Juso. «Der Schweizer ÖV zählt zu den besten weltweit, doch die Nutzung ist immer noch zu tief.» Mit dem 1-Franken-Ticket erhofft sich die Juso, mehr ÖV-Nutzende zu gewinnen und dadurch auch einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Das 1-Franken-Ticket soll zeitlich begrenzt als Pilotprojekt getestet werden. 

«So könnte auch das Portemonnaie der Bürgerinnen und Bürger entlastet werden. Denn die aktuell hohen Sprit- und Energiepreise sowie die Inflation machen vielen finanziell zu schaffen», sagt Sigrist. Im Gegensatz zum 9-Euro-Ticket in Deutschland sei das 1-Franken-Ticket nicht als Ferienangebot, sondern für den Alltag gedacht. «Ein ähnliches Modell existiert bereits in Teilen Österreichs.» Das 1-Franken-Ticket wäre auf regionale Verkehrsverbünde beschränkt. Eine Zugreise von Bern nach Zürich würde weiterhin gleich viel kosten.

Die Idee stösst bei SP-Nationalrat Matthias Aebischer grundsätzlich auf Zustimmung: «Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, müssen wir die Leute auf den ÖV bringen.» Aebischer würde die Idee aber noch verfeinern: «Viele regionale Züge sind zu den Stosszeiten jetzt schon überfüllt. Man könnte die 1-Franken-Tickets beispielsweise während einer Stunde am Morgen und am Nachmittag für ungültig erklären, um die Leute dazu zu bringen, den ÖV nicht zu den Hauptverkehrszeiten zu nutzen.»

Auch, dass die Idee als Pilotprojekt geplant ist, begrüsst Aebischer. Das Geld dafür sei beim Bund vorhanden. «Wenn wir die Klimaziele erreichen wollen, muss der Bund Geld in die Hand nehmen.»

«Autobahnprojekte verschieben oder Krisengewinner besteuern»

Für die finanziellen Einbussen der Verkehrsunternehmen solle der Bund aufkommen, so Siegrist. «Das wäre problemlos aus den eigenen Mitteln machbar. Andernfalls könnten auch Gelder für den Ausbau der Autobahn umgelagert werden. Oder der Bund erhebt eine sogenannte Windfall-Tax, eine Steuer auf Krisengewinner wie zum Beispiel Fossilunternehmen.»

Konkret würde das bedeuten, dass ein Jahresabonnement des Zürcher Verkehrsverbundes nicht mehr 2226 Franken, sondern nur noch 365 Franken kostete. Mehrere angefragte Verkehrsverbünde und die Branchenorganisation Alliance Swisspass sprechen gegenüber 20 Minuten von einer «erheblichen finanziellen Mehrbelastung für den Steuerzahlenden».

Würdest du auf den öffentlichen Verkehr umsteigen, wenn ein Tagesticket nur noch einen Franken kostete?

«Schnapsidee der Kommunisten»

Davor warnt auch SVP-Nationalrat Walter Wobmann. Die Idee der Juso kommt bei ihm schlecht an. «Das ist eine weitere Schnapsidee der Kommunisten, die man nicht ernst nehmen kann.» Bereits heute werde der öffentliche Verkehr zu über 50 Prozent von den Steuerzahlenden finanziert. «Für die durch das 1-Franken-Ticket verursachten Mehrkosten muss schlussendlich wieder die öffentliche Hand, sprich die Steuerzahlenden, aufkommen.» Damit schade man den Bürgerinnen und Bürgern mehr, als man ihnen helfe, sagt Wobmann.

Ausserdem könne ein 1-Franken-Ticket zu einer Überlastung des öffentlichen Verkehrs führen, wie es auch in Deutschland mit dem 9-Euro-Ticket der Fall war. «Und die ÖV-Kapazitäten jetzt auszubauen, ist schlichtweg nicht möglich.» Das bestätigt ZVV-Mediensprecher Thomas Kellenberger. «Sollte eine Nachfragesteigerung eintreten, so könnte das im ZVV vor allem in der Hauptverkehrszeit auch mit Problemen verbunden sein, da dort die Auslastung bereits sehr hoch ist.» Dies hätte dann eine deutliche Abnahme der Qualität des öV zur Folge, so Kellenberger.

«Überlastung des öffentlichen Verkehrs droht»

Auch FDP-Nationalrat Kurt Fluri hält von der «ideologischen Verkehrsidee» der Juso wenig. «Das würde zu einer Überlastung des öffentlichen Verkehrs führen, wie es bereits beim 9-Euro-Ticket in Deutschland der Fall ist.» Dadurch wichen Leute, die beruflich auf den öffentlichen Verkehr angewiesen seien, öfters auf das Auto aus. «Und genau das will man ja verhindern.» Solche Angebote nutzten die Leute grösstenteils für die Freizeit und nicht im Alltag, so Fluri.

Dass zur Finanzierung des 1-Franken-Tickets etwa Ausbauprojekte der Autobahn verlagert werden sollten, sei falsch, so Fluri. «Bei der Engpassbeseitigung zu sparen, hilft dem öffentlichen Verkehr nicht und die Staus belasten die Umwelt weiterhin.»

«Das Benzin müsste teurer werden, nicht der ÖV günstiger»

Interview mit Verkehrspsychologe Urs Gerhard

Was halten Sie von der Idee?

Urs Gerhard*: Aus psychologischer Sicht wäre es sinnvoller, das Benzin zu verteuern, als den so schon günstigen ÖV noch günstiger zu machen. Psychologen sprechen seit Jahren davon, dass der Liter Benzin fünf Franken kosten müsste, um die Menschen wirklich zum ÖV zu bringen. Wird der ÖV weiter verbilligt, fehlt Geld für Investitionen. Die Stärken des Schweizer ÖV liegen aber insbesondere darin, engmaschig, schnell, sauber und zuverlässig zu sein. Das kostet.

Sollen die Menschen überhaupt mehr ÖV fahren?

Das wäre zur Erreichung der Klimaziele sicher wichtig. Noch besser wäre es aber, wenn wir die Mobilität insgesamt reduzieren könnten, also etwa wieder näher beim Arbeitsort wohnen würden. Denn es ist nicht zu vernachlässigen, dass auch der ÖV Strom braucht und Lärm verursacht. Es gäbe eine interessante Alternative, doch die hat ein psychologisches Problem. 

Welches?

Viele Schweizerinnen und Schweizer haben Hemmungen, das Velo etwa zur Arbeit zu nehmen. Es hat einfach kein gutes Image, wenn man es etwa mit Holland vergleicht. Gerade in städtischen Gebieten könnten der Ausbau von Velowegen und Imagekampagnen für die Benutzung des Velos weiter zur Entlastung der Strassen und zur Erreichung der Klimaziele beitragen.

*Urs Gerhard ist Verkehrspsychologe an der Uni Basel.  

Urs Gerhard, Verkehrspsychologe der Uni Basel. 

Urs Gerhard, Verkehrspsychologe der Uni Basel. 

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