Videos veröffentlicht: Juso kritisiert Polizei-Einsatz an Afrin-Demo
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Videos veröffentlichtJuso kritisiert Polizei-Einsatz an Afrin-Demo

Die Berner Juso hat Videos gesammelt, die zeigen sollen, dass die Polizei bei der Afrin-Demo übermässig Gewalt anwendete. Die Kapo und Reto Nause weisen die Vorwürfe klar zurück.

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ct

Die Berner Polizei schiesst mit Gummischrot auf die Demonstranten an der Afrin-Demo vom 7. April 2018. (Video:zvg/Juso)

«Die Polizei hat mit Gummischrot auf friedliche Demonstranten geschossen. Sie lügt, wenn sie sagt, das es wegen der Sachbeschädigungen war», sagt Jungpolitiker Jérémie Reusser. Das Juso-Vorstandsmitglied war bei der Afrin-Demo am Samstag selber dabei und kritisiert den Polizeieinsatz scharf. «Es war Kalkül, dass sie die Demonstranten in der Spitalgasse angehalten und den ÖV blockiert hatten. Sie liessen die Leute stundenlang eingekesselt stehen ohne Wasser oder die Möglichkeit, aufs WC zu gehen.»

Laut Reusser hätte die Polizei viel früher eingreifen können. «Stattdessen liessen sie uns gezielt in die Spitalgasse marschieren, machten hinten zu und begannen von vorne mit Gummischrot zu schiessen.» Dabei seien die Demonstranten friedlich geblieben und hätten bereits angekündigt, dass sie zur Reitschule gehen und die Demo dort auflösen wollten.

Drei Stunden im Kessel

Die Einkesselung sei aus strategischen Gründen erfolgt, glaubt Reusser. «Sie haben bewusst eine Einschränkung des Verkehrs provoziert. Und von der Heiliggeistkirche aus konnten sie gut in die Menge reinschroten – aus nächster Nähe – und wir konnten nicht zurückweichen.» Zu diesem Zeitpunkt sei keine Gewalt von den Demonstrierenden ausgegangen. «Wir wurden angegriffen, die Polizei schoss mit Kanonen auf Spatzen.»

Dann hätten die Eingekesselten drei Stunden lang dort stehen bleiben müssen. Das sehe man in den Videos: «Als sie mit dem Gummischrot begannen, war es noch taghell – als sie uns aus der Einkesselung holten, schon dunkel.» Das Rausholen aus dem Kessel sei zudem aggressiv verlaufen. Reusser: «Sie hätten uns auch bitten können, einfach mitzukommen. Keiner hatte zuvor Widerstand geleistet.» Seine Aussagen unterlegt er mit Videos.

«Die Polizei schoss mit Kanonen auf Spatzen»

Die Berner Juso stellt 20 Minuten exklusiv Videos zur Verfügung, die zeigen sollen, dass die Polizei bei der Afrin-Demo am Samstag übermässig Gewalt gegen Demonstranten angewendet haben soll.

Polizei holt Demonstranten aus der Einkesselung. (Video:zvg/Juso)

Die Juso wirft der Kapo zudem vor, Minderjährige zusammen mit Volljährigen eingesperrt zu haben und behauptet, minderjährige Frauen seien von männlichen Polizisten gefilzt worden.

Kapo dementiert

Polizeisprecher Christoph Gnägi weist die Vorwürfe zurück: «Als entlang der gesamten Umzugsroute wiederholt Sprayereien und Sachbeschädigungen festgestellt wurden, haben wir die Teilnehmenden mehrmals abgemahnt und den Umzug schliesslich gestoppt. Der Vorwurf, dass er aus Kalkül in der Spitalgasse gestoppt wurde, entbehrt jeglicher Grundlage.»

Es sei richtig, dass «aus Selbstschutz» kurzfristig Gummischrot eingesetzt werden musste, um Distanz zu halten. Die im Kessel verblieben 239 Personen, welche den Ort nicht vorher verlassen hatten, hätten sich nicht immer kooperativ verhalten. Gnägi: «Es kam zu Platzkundgebungen und Behinderungen der Polizeiarbeit. Auch leistete ein Teil der verbliebenen Personen Widerstand. Dies verzögerte die Arbeit vor Ort erheblich.»

In einem Kessel habe es in der Tat keine Toiletten. Gnägi: «Bei grösseren Problemen schauen wir aber im Einzelfall, was sich machen lässt. Gleiches gilt beim Trinkwasser, welches im Übrigen vor Ort verfügbar war. Wer grossen Durst hat und fragt, bekommt auch etwas zu trinken. Bei so vielen Personen ist es aber nicht möglich, jedem Bedürfnis zu entsprechen.» Übrigens habe es in den Polizeiräumlichkeiten für die Festgehaltenen einen Lunch und Getränke gegeben.

«Einsatz wie im Schulbuch»

Der Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause hat eine klare Meinung: «Der Einsatz ist gelungen, nur konnten leider erhebliche Sachbeschädigungen nicht verhindert werden, weil sie nicht sofort festgestellt wurden.»

Er sei zwar nicht vor Ort gewesen, aber immer zeitgerecht informiert worden. «Es war ganz klar, dass der Umzug aufgelöst werden musste. Es war ein Einsatz, wie es im Schulbuch steht.» Den Teilnehmern sei mehrmals die Gelegenheit gegeben worden, die Kundgebung zu verlassen. «Wer danach immer noch dabei ist, muss halt die Konsequenzen tragen.»

Über die Taktik könnten die Einsatzkräfte wohl besser entscheiden als die Juso, so Nause. «Die Polizei musste schliesslich gewährleisten können, dass man alle Gewalttäter anhalten kann. Wie, wo und wann sie das macht, liegt in ihrem Ermessen.» Zum Verhalten der Juso-Mitglieder sagt Reto Nause: «Es ist bedenklich, dass die Juso als politische Partei unseres demokratischen Systems die Gewalttäter in Schutz nimmt statt dass sie sich klar von ihnen distanziert. Die Jungpartei legitimiert damit deren Taten.»

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