20.05.2016 03:57

Tamara Funiciello (26)

«Juso soll der SP auch mal auf die Finger hauen»

Tamara Funiciello (26) scheut sich nicht davor, auf der Polit-Bühne zu provozieren. Nun will sie das als Juso-Präsidentin auf nationaler Ebene tun.

von
Katrin Freiburghaus
Jungsozialistin Tamara Funiciello sieht Provokation als wichtiges Mittel, um auf politische Themen aufmerksam zu machen.

Jungsozialistin Tamara Funiciello sieht Provokation als wichtiges Mittel, um auf politische Themen aufmerksam zu machen.

20 Minuten/kaf

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie in die Politik wollen?

Der Entschluss fiel spontan. 2012 hatte ich an der Universität Bern eine Vorlesung, an der diskutiert wurde, dass Menschen sich immer weniger in der Gesellschaft engagieren. Ich dachte mir: «Stimmt. Wer, wenn nicht wir, wann, wenn nicht jetzt?», nahm mein Handy hervor und wurde Juso-Mitglied. Aber ich war davor auch schon politisch geprägt: Ich komme aus einer politischen Familie, meine Eltern waren eigentlich immer ausserparlamentarisch aktiv. Ich war schon Gewerkschaftsmitglied, bevor ich Juso-Mitglied wurde.

Gab es prägende Erlebnisse in Ihrem Leben, die sie zur Politik geführt haben?

Es gab viele kleine Erlebnisse, die mich geprägt haben. Zum Beispiel im Ausgang, wenn ich betatscht werde, obwohl ich Nein sage. Auch mein Migrationshintergrund hat einen grossen Einfluss. Wenn jemand «dumme Ausländer» sagt, denke ich mir: «Gehts noch?!» Die Passfarbe hat nichts mit meiner Identität zu tun. Kultur kennt keine Landesgrenzen – ich habe schliesslich auch nicht die gleiche Kultur wie Christoph Blocher.

Worin sehen Sie die Aufgabe der Juso?

Rosa Luxemburg sagte mal: «Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.» Das ist das Herz und die Seele der Juso: Wir wollen die Welt verändern. Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr Vermögen als die restlichen 99 Prozent zusammen. Das ist nicht gerecht, deshalb will die Juso den Kapitalismus überwinden. Ich rege mich auf, wenn Leute wie Ex-Juso-Präsident David Roth hinterfragen, ob das wirklich in das Parteiprogramm der SP gehört.

Sie gelten als ruppig und provokativ. Stört Sie dieser Ruf?

Nein. Ich provoziere ja nicht, um zu provozieren, sondern um politische Inhalte zu setzen. Es stört mich auch nicht, in der Politik weiterhin mit guten Provokationen aufzufallen. Gerade als Juso-Präsidentin ist es wichtig, das zu sagen, was sich sonst niemand traut. Viele denken, ich könne keine Kompromisse eingehen. Das stimmt nicht: Ich gehe Kompromisse ein – wenn sie politisch sinnvoll sind. Das sieht man zum Beispiel in meinen Verhandlungen mit Arbeitgebern, die ich als Gewerschaftssekretärin führe.

Haben Sie keine Bedenken, mit Ihren provokativen Auftritten die SP zu verärgern?

Die Juso soll der Mutterpartei auch mal auf die Finger hauen und sagen: «So nicht!» Wir müssen schauen, dass die SP nicht zu mittig wird – was sie zurzeit ist. Sie geht Kompromisse ein, die nicht richtig sind. Es ist ein massgeblicher Teil der Juso, ihr das zu zeigen.

Sie sprachen sich schon für kürzere Arbeitszeiten aus. Wie ist das mit der 25-Stunden-Woche genau gemeint?

Ich bin erstaunt, dass das Thema so grosse Wellen schlägt – sogar eine russische Zeitung hat mich dazu befragt. Es ist eine alte Forderung, die auf zwei Fragen basiert: Warum arbeite ich und für wen? Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der auf die Bedürfnisse der Menschen im Zentrum stehen statt der Profit. Seit den 60er-Jahre gab es einen enormen technischen Fortschritt – trotzdem arbeiten wir noch genau gleich lange wie damals. Und wem nützt das? Nicht uns, sondern dem einen Prozent, das eh schon reich genug ist. Eine 25-Stunden-Woche zum gleichen Lohn wäre viel logischer– und würde erst noch mehr Arbeitsplätze schaffen.

Sie haben ja einen steilen Aufstieg hingelegt. Wo wollen Sie politisch hin?

Mit geht es nicht um eine politische Karriere, sondern darum, etwas zu verändern. Und die Juso muss die Bewegung sein, die zum Umdenken anregt. Ich will sagen können, was ist und ändern, was mich stört.

Wer ist Tamara Funiciello?

Tamara Funiciello wurde am 20. März 1990 in Bern als Tochter eines italienischen Fabrikarbeiters und einer Schweizer Kauffrau geboren. Sie hat einen jüngeren Bruder. Die Familie lebte mehrere Jahre in Italien, bevor sie im Jahr 2000 wieder in die Schweiz zog. Neben ihrem polititschen Engagement studiert Funiciello Geschichte und Sozialwissenschaften an der Universität Bern und arbeitet als Gewerkschaftssekretätrin bei der Unia in Bern.

Nun will Tamara Funiciello Präsidentin der Juso Schweiz werden. Neben ihr bewarb sich Samira Marti (BL) um die Nachfolge des aktuellen Präsidenten Fabian Molina. Die Wahl findet am 18. Juni statt.

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