Just say nei

Aktualisiert

Just say nei

Das Berner Oberland als Hort des
Rock'n'Roll? Ju! Die Thuner Szene präsentiert in einem Buch ihre unbändige Spielfreude.

«Mir war wichtig zu zeigen, dass all die Leute, die hier Sound machen, aus irgendwelchen Kuhkäffern kommen», erzählt Herausgeber Jörg «Jot» Amstutz. Er selbst spielt in der Band Uristier. «Normalerweise bist du bei den Schützen oder den Hornussern. Wie um Gottes willen entwickelst du da eine Leidenschaft für Stromgitarren? Ich meine, Schwanden, wo ich herkomme, zählt gerade mal 600 Nasen.»

Auf welch verschlungenen Wegen der Rock'n'Roll in den frühen Neunzigern auch ins Oberland gefunden hat, davon erzählen die Mitglieder der Thuner Szene gleich selber im beigelegten Interviewheft, in dem sie ausgiebig zu Wort kommen. Im eigentlichen Buch gehört der Platz dann den «Tonnen von Fotos», die Jot als Abschlussarbeit an der Berner Hochschule für Künste gebunden hat – damals noch standesgemäss in schwarzem Gaffa-Tape, dem «Schweizer Sackmesser der Rockszene».

Gedruckt heisst das Buch nun «Toiletcore, Rosettenpunk und Gentlemenrock». Zusätzlich gibts noch einen Sampler, auf dem sich Thuner Bands wie Tight Finks, Unhold, Fuckadies oder Aziz die Ehre geben: Sie brettern gehörig mit ihrer Mischung aus Punk/HC, Metal, Stonerrock und «Gölä für böse Leute», wie sich Uristier selbst beschreiben.

Das Wichtigste aber ist die Einstellung der Szene. Hier spielt keiner fürs grosse Geld. Stattdessen versteht man Rock'n'Roll als olympische Disziplin: Mitmachen ist wichtiger als Gewinnen. «Irgendwann haben wir begriffen, dass wir nicht darauf warten können, entdeckt zu werden», so Jot. Deshalb hat man sich selbst organisiert, gemeinsam die Handvoll Fans beglückt und via befreundete Bands im Ausland Kontakte über die Landesgrenzen hinweg geknüpft.

«Wir sind privilegiert», erzählt er weiter, «für uns muss es nicht rentieren. Wir fahren aus Plausch mal nach Spanien oder nach Tschechien. Da kommen dann vielleicht nur zehn Leute, aber das Erlebnis ist das Wichtigste. Da tauscht man sich dann auch intensiv aus, wenn man nach dem Konzert in einem Plattenbau landet, sich mit irren Tschechenschnäpsen die Lampe füllt und über die Zeit des Sozialismus diskutiert.»

Inzwischen hat die Thuner Szene mit Subversiv Records ihr eigenes Label, und Jot hofft, mit dem Buch andere Szenen in der Schweiz zum Selbermachen inspirieren zu können. Zu viele Bands identifizierten sich in der Schweiz über ihr technisches Equipment statt über die Leidenschaft. Aus diesem Grund habe er auch nicht tolle Bühnenfotos ins Buch gerückt, sondern eben Schnappschüsse von unterwegs. Die machen den Charme von «Toiletcore…» aus, dokumentieren sie doch den unbändigen, räudigen Spass, den einem eine Rock'n'Roll-Hundsverlochete bereiten kann. Mehr Dreck brauchts nicht.

Silvano Cerutti

DAS BUCH

Der Sammelband «Toiletcore, Rosettenpunk und Gentlemenrock» von Jörg Amstutz kann für 60 Franken über www.swissunderground.com oder im gutsortierten, musikfreundlichen Buchhandel bezogen werden.

Deine Meinung