Nach fast fünf Monaten U-Haft: Kachelmann frei - Zweifel an Vergewaltigung
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Nach fast fünf Monaten U-HaftKachelmann frei - Zweifel an Vergewaltigung

Wettermoderator Jörg Kachelmann wird aus der U-Haft in Mannheim entlassen. Eine entsprechende Haftbeschwerde hatte Erfolg – wegen Zweifeln an den Aussagen des Opfers.

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amc/mlu/mdr

Jörg Kachelmann ist frei – zumindest bis zum Prozess am 6. September: Der dritte Strafsenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe hat der Haftbeschwerde von Jörg Kachelmanns Anwälten stattgegeben. Der Wettermoderator darf offenbar bald die Justizvollzugsanstalt Mannheim verlassen. Er kommt damit knapp einen Monat vor Prozessbeginn frei.

Der Entscheid des Oberlandesgerichts bringt eine Wende im Fall Kachelmann. Denn laut des zuständigen 3. Strafsenats sei der «dringende Tatverdacht nicht mehr gegeben». Da das mutmassliche Opfer, das auch als Nebenklägerin auftritt, die einzige Belastungszeugin sei, stehe Aussage gegen Aussage. Die Vorinstanz, das Landgericht Mannheim, ging bisher von einem «dringenden Tatverdacht» aus und lehnte Haftentlassunganträge ab.

Verletzungen möglicherweise selbst zugefügt

In der Begründung geht das Oberlandesgericht sogar noch weiter. Es stellt auch die Aussage des mutmasslichen Opfers Sabine W. in Frage. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie eine Falschaussage gemacht habe, möglicherweise aus Rache. So habe sie bei einem bedeutsamen Randgeschehen zunächst eine unzutreffende Aussage gemacht. Sogar die Verletzungen von Sabine W. zieht das Gericht in Zweifel: Aufgrund der bisherigen Untersuchungen sei es möglich, dass sie sich die Verletzungen selbst hätte zufügen können. Mit dem Wegfall des Tatverdachts sieht das Gericht auch die Frage der Fluchtgefahr nicht mehr gegeben. Offenbar erfolgt die Freilassung Kachelmanns ohne Auflagen. Das bedeutet, dass er auch in die Schweiz ausreisen könnte.

Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock hatte bis kurz vor 13 Uhr noch keinen Kontakt zu Jörg Kachelmann. Er begrüsst aber die Freilassung seines Klienten. «Wir freuen uns alle jetzt», sagte der Jurist verschiedenen Nachrichtensendern. «Ich bin nicht dazu da, Vorwürfe zu machen. Ich bin Strafverteidiger, mein Beruf ist es, ungerecht einsitzende Gefangene aus der Untersuchungshaft zu holen und das ist uns heute Gott sei Dank gelungen», sagte Birkenstock. Man bereite sich jetzt konzentriert weiter auf die Hauptverhandlung vor. «Und was wir da vorhaben und tun, das werden wir dann, wenn die Hauptverhandlung beginnt, umsetzen», kam er Fragen nach der Strategie zuvor.

Spannung vor der Justizvollzugsanstalt

Vor der Justizvollzugsanstalt Mannheim haben sich bereits Dutzende Journalisten versammelt. Die Medienleute belagern den Eingang, durch welchen Jörg Kachelmann jeden Moment kommen soll. Sein Anwalt kündigte zwar bereits an, dass sich der Wettermoderator nicht äussern werde. Beim letzten öffentlichen Auftritt hatte sich Kachelmann bereits einmal geäussert, weshalb die Hoffnung besteht, einige Worte vom Wettermoderator zu erhaschen. Kachelmann sass die letzten viereinhalb Monate in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt.

In einer repräsentativen Umfrage in Deutschland äusserten 45 Prozent der Befragten Zweifel am Vergewaltigungsvorwurf. Sie glauben nicht, dass Kachelmann seine Ex-Freundin Sabine W. vergewaltigt habe. Kachelmann hatte bisher immer seine Unschuld beteuert. Es gab aber auch immer wieder Indizien gegen den Wettermoderator.

Der Wendepunkt?

Experten äusserten gegenüber den Medien nun bereits, dass der heutige Gerichtsentscheid die Wende im Fall Kachelmann sein könnte. «Wenn das Gericht nun den Tatverdacht nicht mehr als gegeben sieht, ist es praktisch ein wegweisender Entscheid für den Prozess», sagte Strafexperte Christian Lange gegenüber «n-tv.de». Für Wettermoderator Kachelmann scheinen sich damit die Aussichten für den Prozess zu verbessern.

Bis zum Prozessbeginn am 6. September bleibt Kachelmann nun auf freiem Fuss. Er war am 20. März auf dem Frankfurter Flughafen festgenommen worden und befand sich seitdem in Untersuchungshaft – wegen Fluchtgefahr. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen ihn erhoben wegen besonders schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Demnach soll er seine Freundin am 9. Februar in deren Schwetzinger Wohnung mit einem Messer am Hals verletzt und mehrmals gedroht haben, sie zu töten. Im Fall einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren. Kachelmann bezeichnet sich als unschuldig. (amc/mlu/mdr/sda/dapd)

Die Gründe für eine U-Haft

Die Voraussetzungen für eine Untersuchungshaft in Deutschland sind laut deutscher Strafprozessordnung ein dringender Tatverdacht oder ein besonderer Haftgrund. Unter Letzterem versteht man etwa Wiederholungsgefahr, die besondere Schwere der Tat oder Fluchtgefahr.

Wenn eine dieser Voraussetzungen nicht mehr besteht, muss der Beschuldigte aus der Untersuchungshaft freigelassen werden. Ausserdem ist der Haftbefehl aufzuheben, wenn die weitere Untersuchungshaft unverhältnismässig lange ist – etwa, wenn der Beschuldigte schon so lange in Haft ist, dass er auch bei einer Verurteilung nicht mehr viel Strafe zu verbüssen hätte.

Der Beschuldigte kann jederzeit eine Haftprüfung beantragen. Dann entscheidet das Gericht, ob der Haftbefehl aufzuheben ist. Wurde der Haftbefehl wegen Fluchtgefahr erlassen, so muss er ausgesetzt werden, wenn auch mildere Mittel ausreichen – etwa die Leistung einer Kaution. (sda)

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