Staatsanwalt : Kachelmann soll für vier Jahre ins Gefängnis
Aktualisiert

Staatsanwalt Kachelmann soll für vier Jahre ins Gefängnis

Jörg Kachelmann hat sich nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft einer besonders schweren Vergewaltigung schuldig gemacht. Man glaube den Schilderungen des angeblichen Opfers.

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feb

Der Wettermoderator Jörg Kachelmann soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft ins Gefängnis kommen. Sie forderte am Mittwoch vor dem Landgericht Mannheim eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten wegen besonders schwerer Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Darauf steht eine Mindeststrafe von fünf Jahren Haft. Milderungsgründe sieht die Staatsanwaltschaft wegen der Nachteile, die Kachelmann wegen der Medienberichte und Persönlichkeitsverletzungen erlitten habe. Der Rechtsanwalt des mutmasslichen Opfers hat sich dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft angeschlossen und fordert ebenfalls eine Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten.

Oberstaatsanwalt Oskar Gattner hatte am Mittwoch zum Ende des mehrstündigen Plädoyers der Staatsanwaltschaft erklärt, Kachelmann habe sich im Sinne der Anklage schuldig gemacht. Es gebe «keine vernünftigen Zweifel», dass sich das Tatgeschehen so wie von der Nebenklägerin geschildert zugetragen habe.

«Verdrehte Wahrheit»

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge schöpfte bei seinem Plädoyer aus dem Vollen. So unterstellte Oltrogge dem Wettermoderator, er verdrehe die Wahrheit. Kachelmanns Version des besagten Abends - Sex, Essen, Streit, Verlassen des Hauses - stimme so nicht. Es sei zuerst gegessen worden, dann sei ein Streit ausgebrochen, worauf es zur angeblichen Vergewaltigung gekommen sein soll.

Der Staatsanwalt zeigte an mehreren Beispielen auf, dass Kachelmann nicht die Wahrheit gesagt habe. Kachelmann habe zwar tatsächlich Erlebtes zu Protokoll gegeben, allerdings handle es sich dabei mehr als einmal um Dinge, die er mit anderen Frauen erlebt habe, nicht aber mit dem mutmasslichen Vergewaltigungsopfer Sabine W.

Kachelmann hat SMS gelöscht

Weiter habe Kachelmann hunderte SMS auf seinem Handy gespeichert, die er zum Teil vor Jahren bekommen habe. Genau die SMS von Sabine W. aber seien gelöscht worden, auch die einer Schweizer Geliebten. Diese sagte in Zürich zum Fall aus und belastete Kachelmann laut Medienberichten. Deshalb kommt der Staatsanwalt zum Schluss, Kachelmann habe gezielt gewisse Spuren, die Hinweise auf Zeit und Ablauf des Geschehens an jenem Abend hätten geben können, verwischt.

Die Aussagen von Sabine W. zu dem Streit mit Kachelmann hätten einen hohen Erlebnisgehalt. Dies sei nicht vereinbar mit einer vorsätzlichen Lüge, sagte Staatsanwalt Werner Mägerle vor Gericht. Zwar habe die Frau in einigen Punkten gelogen, das bedeute aber nicht, dass sie ansonsten die Unwahrheit gesagt habe, fügte Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge hinzu.

In dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft wurden zudem weitere Details bekannt, die Kachelmann aus Sicht der Anklage belasten. Oltrogge zitierte aus früheren Vernehmungen des mutmasslichen Vergewaltigungsopfers zum angeblichen Ablauf des Geschehens in der Tatnacht. Als Sabine W. den 52-Jährigen dabei auf andere Frauen angesprochen habe, habe Kachelmann ihr nach längerem Schweigen letztlich erzählt, dass er einen Frauenhass habe und «dass er krank ist und verrückt, wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde». Er sei auch schon beim Psychologen gewesen.

Laut den von Oltrogge verlesenen Vernehmungsprotokollen hatte die 38-jährige Ex-Freundin - als sie wusste, dass sie nicht seine einzige Frau war - Kachelmann aufgefordert zu gehen. Nach einer Weile habe Kachelmann jedoch einen Blick bekommen, der «eiskalt, böse und starr» gewesen sei. Dann sei er in die Küche gegangen, habe ein Messer genommen, sie an den Haaren gepackt, ihr das Messer an den Hals gedrückt und gesagt: «Halt die Klappe oder du bist tot.» Dann habe er sie auf das Bett geworfen und vergewaltigt. Sie habe «Todesangst» bekommen und habe gebetet: «Lieber Gott, bitte lass mich das überleben.»

«Es war zu arg, was er wollte»

Die Staatsanwaltschaft hält es für ausgeschlossen, dass sich Sabine W. selber Verletzungen mit einem Messer zugefügt habe. Auch sei es nicht möglich, sich derart blaue Flecken zuzufügen, wie sie Sabine W. nach dem angeblichen Vorfall davon trug. Weiter haben gemäss Oltrogge vier «ehemalige Frauen» Kachelmanns ausgesagt, es sei bei sexuellen Handlungen zu «Grenzverletzungen gekommen». Der Wettermann habe sich über das Übliche hinweggesetzt, es sei zu arg gewesen, was er wollte, berichtete eine Zeugin.

Mutmassliches Opfer beim Plädoyer anwesend

Die Staatsanwaltschaft ging auch auf die Erinnerungslücken von Sabine W. zum mutmasslichen Vergewaltigungsgeschehen ein. Staatsanwalt Werner Mägerle erklärte dies in seinem Plädoyer damit, dass das Kerngeschehen für sie «die Bedrohung mit dem Tod, nicht der Geschlechtsakt war». Es leuchte ein, dass die Aufmerksamkeit auf das Vergewaltigungsgeschehen dann eingeschränkt gewesen sei. Dass sie sich an das Streitgespräch so detailliert erinnere, lasse sich mit der These einer bewussten Falschaussage nicht in Einklang bringen.

Wenige Minuten nach Beginn des Plädoyers von Oltrogge hatte es eine Auseinandersetzung zwischen Verteidigung und Staatsanwaltschaft gegeben. Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn sagte, Oltrogge wolle den Angeklagten mit Angaben aus dessen Privatleben blossstellen, in dem er aus einem SMS-Verkehr zwischen Kachelmann und dem mutmasslichen Opfer vor der fraglichen Nacht zitierte.

Der Verteidiger beantragte deshalb den Ausschluss der Öffentlichkeit. Nach einstündiger Beratung zwischen den Verfahrensbeteiligten stellte Schwenn seinen Ausschluss-Antrag zurück. Die Staatsanwaltschaft sicherte zu, weitere personenbezogene Zitate vorher anzukündigen.

Sabine W. war beim Plädoyer der Staatsanwaltschaft erstmals seit langer Zeit wieder persönlich bei der Hauptverhandlung anwesend. Sie trug eine schwarze Bluse, violette Hose und - im Gegensatz zu früheren Auftritten - kein Halstuch. Kachelmann folgte den Plädoyers der Staatsanwälte mit offensichtlichem Interesse. Er machte Notizen und hatte sein iPad dabei.

20 Minuten Online-Reporter Amir Mustedanagic berichtet laufend aus Mannheim vom Prozess

Stimmen vor dem vorletzten Prozesstag

Deshalb wurde die Verhandlung unterbrochen

(feb/sda)

Eine Nacht, zwei Versionen

Die 38-jährige Radiomoderatorin Sabine W. beschuldigt Wettermoderator Jörg Kachelmann, sie am 9. Februar 2010 nach einem Streit in ihrer Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und vergewaltigt zu haben. Kachelmann hingegen sagte in seiner einzigen Aussage, die er am 24. März 2010 vor dem Ermittlungsrichter machte, sie hätten einvernehmlich Sex gehabt. Danach habe es einen Streit gegeben und er habe seine vielen Parallelbeziehungen gestanden. Sie hätten sich in der Nacht einvernehmlich getrennt und er sei am Folgetag zu den Olympischen Spielen nach Vancouver geflogen.

Die Glaubhaftigkeit von Sabine W. ist höchst umstritten. Die Ex-Freundin hat zwar den Streit in dieser Nacht ausführlich geschildert, beim Vergewaltigungsgeschehen aber zahlreiche Erinnerungslücken. Die Aussagepsychologin liess es in ihrem Gutachten offen, ob ihre Tatschilderung auf tatsächlichem Erleben beruht oder nicht. Gelogen hatte die 38-Jährige tatsächlich allerdings im Vorfeld: Sie hatte in der fraglichen Nacht Kachelmann mit einem Flugticket konfrontiert, das seinen Namen und den einer anderen Frau trug. Flugschein und ein Schreiben mit dem Satz «Er schläft mit ihr» habe an diesem Tag im Briefkasten gelegen, sagte sie ihm. Dass sie das Ticket schon Monate vorher anonym erhalten und den zusätzlichen Satz selbst geschrieben hatte, verschwieg sie ihm. Ebenso, dass sie unter falschem Namen bereits Kontakt zu der Nebenbuhlerin aufgenommen hatte. Bei ihrer Anzeige am folgenden Morgen blieb sie bei dieser falschen Version. Erst zwei Monate später korrigierte sie nach den entsprechenden Ermittlungen der Polizei die falsche Vorgeschichte.

Verletzungen sind kein sicherer Beweis

Sabine W. hatte am Morgen nach der angeblichen Tat Verletzungen am Hals und ausgedehnte blaue Flecke an den Oberschenkeln. Vor allem diese Verletzungsspuren dürften für die Vertreter der Anklage entscheidend sein. Dass die Halsverletzungen von dem angedrückten Messer stammen - wie sie angibt - , ist laut Gutachten möglich, aber nicht sicher. Auch am sichergestellten Messer gibt es keine eindeutigen Beweise. Die Frau gibt an, sie habe nach der Tat aufgeräumt und das Messer noch einmal angefasst. Auf dem Griff befindet sich eine Mischspur, die Kachelmann nicht eindeutig zuzuordnen ist.

(AP)

Wie kann der Prozess ausgehen?

Das Gericht hat im Prozess gegen Jörg Kachelmann zwei Möglichkeiten: Entweder die Richter verurteilen den Wettermoderator oder sie sprechen ihn frei. Bleiben den Richter nach den Plädoyers noch Zweifel, müssten sie Kachelmann aus Mangel an Beweisen freisprechen. Diesen Freispruch wird gerne Freispruch zweiter Klasse genannt.

Im Falle einer Verurteilung drohen Kachelmann bis zu 15 Jahre Haft.

Im Falle eines Freispruchs hat er Anspruch auf finanzielle Entschädigung. Die Höhe wird aufgrund des erlittenen Vermögensschadens errechnet. Der Wettermoderator könnte also den Ausfall von Moderationen und Aufträgen einverlangen. Hinzu kommt ein allfälliger Schadenersatz, welchen Kachelmann einklagen müsste. Dies ist allerdings - im Falle eines Freispruchs sehr wahrscheinlich - sein Anwalt hat es jedenfalls bereits angekündigt.

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