Glorias grosses Glück: Käufliche Freiheit
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Glorias grosses GlückKäufliche Freiheit

Das ist die Geschichte einer jungen Frau aus Nigeria, die in Genua als Prostituierte versklavt wird – und dank eines Schweizers auf wundersame Weise ihre Freiheit wiedererlangt.

von
Christian Schmidt

Ich hatte Tom seit dem 14. März 1973 nicht mehr gesehen. Bis zu diesem Tag waren wir die besten Freunde gewesen, zusammen in der Schule, zusammen in der Disco, zusammen in der Toilette, wo wir die Länge unserer Penisse verglichen. Aber dann verliebten wir uns in dieselbe Frau, Tom machte das Rennen, und mit dem ersten Kuss zwischen ihr und ihm endete unsere Freundschaft. Nun haben wir uns kürzlich wieder getroffen. Zufällig, im Zug nach Genua, 40 Jahre danach. Ich hatte keine Ahnung, dass Tom in Italien lebt. Die Hafenstadt Genua mit ihren hellen und dunklen Seiten ist für ihn, den bildenden Künstler, seit langem Ort der Inspiration. Nach einem Besuch in der Schweiz war er nun auf dem Weg in seine Wahlheimat. Und Tom hatte keine Ahnung, dass auch ich regelmässig an die ligurische Küste fahre. Für mich ist Genua die Stadt zum Schreiben und Leben. Wir hatten einst die selbe Frau geliebt, nun liebten wir die selbe Stadt.

Irgendwann, der Gotthard kam näher, hatten wir uns genug über Alltag, Beruf und unser einstiges gemeinsames Hobby – das Frisieren von Mopeds – unterhalten, und so kam das Thema Frauen auf. Wir liessen Erinnerungen aufleben, ich erzählte von einer langen Beziehung, Affären in Indien und Rumänien und meiner nun gefundenen grossen Liebe; Tom gab Details aus seinem Liebesleben bekannt, durchaus spannend, aber nicht sensationell. Bis er mit jener Geschichte herausrückte, die ich nun mit seinem Einverständnis erzähle. Einige Details sind zu Toms Schutz verfremdet.

«Your shoelaces are loose»

Die Geschichte beginnt im Oktober 2005 in Genua, an einem jener Vorwintertage, wie sie für Ligurien typisch sind. Laue Brise, hellblauer Himmel, das Meer poco mosso. Tom war mit dem Bus unterwegs von der Porta Principe zur Piazza de Ferrari, und neben ihm stand eine ausserordentlich schöne Frau. Natürlich war sie ihm aufgefallen, sie lachte laut in ihr Handy, und unter dem Arm trug sie ein paar Kataloge, die darauf schliessen liessen, dass sie irgendetwas mit Kunst zu tun hatte. Tom schätzte sie auf knapp dreissig. Als der Bus heftig hüpfte, berührten sich die beiden. Kurz darauf nahm die Frau das Telefon vom Ohr und sagte: «Your shoelaces are loose.»

Diese so romantische Version des Beginns dieser Beziehung erzählte Tom, als er Gloria knapp zwei Jahre später zum ersten (und letzten) Mal in die Schweiz brachte und seiner Mutter vorstellte. Er hatte an dieser Geschichte gefeilt und sich bemüht, sie möglichst glaubhaft auszuschmücken. Insbesondere legte er Wert darauf, dass Gloria die eigentliche Auslöserin der Beziehung gewesen war: «Ich kam mir so besser vor, weniger angreifbar. Meine Mutter ist mit dem Glauben an diese Version gestorben.» Doch was er damals auftischte, ist weitgehend erfunden. Zutreffend daran ist nur, dass Gloria gerne lacht und viel telefoniert. Zudem arbeitete sie tatsächlich in einer Kunstgalerie, aber erst später.

Die Eleganz einer Königin

Die Wahrheit lautet ganz anders. Im Herbst 2005 war Tom eingeladen worden, in Rom an einem Theaterprojekt über den Untergang eines Flüchtlingsschiffes mitzuarbeiten. Der Seelenverkäufer war nahe der sizilianischen Küste von einem anderen Schiff gerammt worden und gesunken, ohne dass die italienische Regierung sich bemühte, die Verantwortlichen zu finden und die Umstände der Havarie zu klären. Die Leichen – über 300 – lagen weiterhin auf dem Meeresgrund. Nun nahmen sich ein paar NGOs zusammen mit Kunstschaffenden und berlusconikritischen Politikern der Sache an.

Deshalb fuhr Tom in die Hauptstadt Italiens. Wie er wusste, arbeitete auch sein Freund Claudio am Projekt. Allerdings war Claudio nicht nur beruflich an der Sache interessiert. Seine Lebenspartnerin war auf einem ähnlichen Schiff von Afrika nach Europa gekommen, weshalb er mehr über die Zusammenhänge und Hintergründe des Schlepperwesens wissen wollte. Die Lebenspartnerin war mit dabei bei diesem Treffen, und sie liess sich von ihrer Freundin begleiten. Das war Gloria. «Gloria gefiel mir auf Anhieb», erinnerte sich Tom. «Der Blick ihrer dunklen Augen machte mir weiche Knie, sie hatte ein verschmitztes Lachen, und wenn sie sich bewegte, tat sie das mit der Eleganz einer Königin.» Wie Claudios Partnerin stammte auch sie aus der Umgebung von Benin, der Hauptstadt des Bundesstaates Edo in Nigeria. Aber das wusste Tom damals noch nicht.

«Ich war damals ungebunden …»

Während der Arbeiten für das Theaterprojekt beobachtete Tom Gloria. Das heisst, er beobachtete sie unentwegt. Nicht nur aufgrund ihrer Schönheit. Er versuchte vielmehr herauszufinden, ob es zutraf, was er vermutete. «Claudio hatte seine Partnerin vor bald zwei Jahren in der Altstadt von Turin kennen gelernt – in einer jener Gassen, in die man nur als Mann geht. Auf die erste kurze Begegnung folgte eine zweite und eine dritte, schliesslich entstand eine Beziehung, zuerst nur flüchtig, dann immer enger. Als Claudios Geliebte von ihren Zuhältern mehrmals zusammengeschlagen wurde, einmal mit lebensbedrohlichen Verletzungen, konnte Claudio sie überzeugen, ihre Arbeit aufzugeben und zu ihm zu ziehen. Er hatte mir die Geschichte am Telefon erzählt. Sie hatte ihn viel Nerven gekostet und sie kostete ihn immer noch viel Nerven, aber sie machte ihn auch glücklich.» Tom ging davon aus, dass Gloria ihr Leben auf die gleiche Art verdiente.

Nachdem die Arbeiten dieses Tages abgeschlossen waren, reiste Tom zurück nach Genua. Claudio und die beiden Frauen begleiteten ihn zum Bahnhof. «Wir waren zwei ältere weisse Männer und zwei junge schwarze Frauen. Ein Bild, das ich von Reisen in Afrika sattsam kannte und immer verabscheut hatte. Aber nun, da ich selbst mitbeteiligt war, sah das ganz anders aus. Ich war damals ungebunden und musste die Situation nur mit meiner eigenen Moral diskutieren. Diese konnte ich, wie ich zu meinem Erstaunen feststellte, ziemlich problemlos in Schach halten.» Tom merkte, wie sein Herz heftiger zu schlagen begann. Kurz vor der Abfahrt des Zuges tauschten die beiden ihre Telefonnummern, und Gloria erzählte, dass auch sie in Genua lebe. Das gefiel Tom ausgezeichnet, es schien ihm mehr als ein Zufall zu sein.

«I just wanted to hear your voice»

«Du hast Dich schon immer vom Testosteron leiten lassen», sagte ich, mit Unterton. Draussen flogen die Berge der Leventina vorbei; die rollende Minibar kam, und wir kauften uns Croissants. Früher hatte Tom jeweils Ranglisten erstellt, wie gut oder wie schlecht ihm die Mädchen seiner Umgebung gefielen, und er scheute sich nicht, ihnen ihre Position auch kundzutun. Nun schien er aber eine Geschichte angezettelt zu haben, die den Rahmen seiner bisherigen Abenteuer eindeutig sprengte.

In den nächsten Wochen begann sich der Kontakt zu vertiefen. Gloria rief zuerst sporadisch, dann fast täglich auf Toms Handy an, das heisst, sie liess einmal klingeln und wartete, bis er zurückrief. So konnte sie Kosten sparen. Gloria war sehr oft traurig, was sie zwar nicht sagte, aber Tom konnte es hören. Wenn er fragte, «what are you doing?», so antwortete sie jeweils: «Nothing». Das hiess, sie hing irgendwo herum. Oder sie war zuhause und schaute sich nigerianische Musikvideos an. Es gab nie viel zu sagen. Meistens sagte sie nur: «I just wanted to hear your voice», worauf Tom jeweils antwortete: «I think of you». Damit war das Gespräch beendet.

Die Treffen blieben flüchtig

Bald genügten die Anrufe nicht mehr, und sie begannen sich zu verabreden. Zuerst nur spontan auf einen Kaffee, dann auch zu Mittagessen. Am beliebtesten waren aber Barbesuche um Mitternacht. Tom arbeitete in seinem Atelier, bis Gloria sich meldete, dann ging er durch die schlafende Stadt zu irgendeiner Ecke, die sie vorgegeben hatte. «Nightwalk», hatte er ihr auf seinem Handy als Klingelton zugeordnet, das passte perfekt. Sie unterhielten sich bis es Zeit war, nach Hause zu gehen. Alleine.

Die Treffen blieben flüchtig, trotzdem wurde die Beziehung intensiver und begann Tom immer mehr zu beschäftigen. Die Unterhaltung blieb jedoch auf dem Niveau von Smalltalk. Tom versuchte zwar immer wieder, Gloria auszuhorchen, aber sobald er zu eindringlich über ihre Herkunft und ihr Tun in Genua fragte, schwieg sie ihn an. Nachts trage sie Zeitungen aus, das bringe ihr etwas Geld, sagte sie, und die Black Community von Genua unterstütze sie. Aber das konnte nicht alles sein. Das spürte Tom, und es brachte ihn so durcheinander, dass er eines Tages die Ungewissheit nicht mehr aushielt.

Sie hatten sich beim Chinesen nahe der Piazza Caricamento zum Mittagessen verabredet. Gloria kam elegant in einem hellblauen Rollkragenpullover, rote Lippen, grosse goldene Ohrringe, und sie hatte sich neue Haarteile einflechten lassen. Sie sah unglaublich aus. Wie üblich bestellte sie «Riso con Gamberi», und wie üblich ass sie schnell. Dann verabschiedete sie sich, Tom blieb noch dreissig Sekunden sitzen, dann folgte er ihr.

Dort stehen die Frauen in der typischen Position

Gloria ging vom Chinesen die Via San Luca entlang parallel zum Hafen. Dann bog sie nach rechts in die Via della Maddalena. Tom kannte die Gasse. Sie liegt im ältesten Teil der Altstadt, wo noch manche Häuser ohne fliessend Wasser sind und gelbe Schilder auf Ratten hinweisen; sie ist schmal und dunkel, gesäumt von kleinen Handwerkerbetrieben, Coiffeurs und winzigen Lokalen zum Online-Versenden von Geld. Von der Via della Maddalena zweigen links und rechts noch schmalere und noch dunklere Gassen ab, und dort stehen die Frauen in der typischen Position: angewinkeltes Bein. Gloria ging zwar in keine Seitengasse, aber sie begann die Via della Maddalena auf und ab zu gehen, in einem seltsamen Schlendergang, den Tom bei ihr noch nie gesehen hatte. Männer mit hochgestelltem Kragen schauten sie an. Sie tat zwar, als interessiere sie das nicht, als aber einer sie ansprach, nickte sie. Dann ging sie davon, und der Typ folgte ihr in zehn Meter Abstand. Wie ein Hund.

Also doch.

«Spätestens an diesem Punkt hättest du doch die Beziehung abbrechen müssen. Aber wie ich dich kenne, hast du dich für das Gegenteil entschieden.» Die Vertrautheit der Jugend war zwar immer noch da, aber Tom machte es mir nicht leicht, in ihm den alten Freund wiederzuerkennen. Wir hatten uns offenbar in verschiedene Richtungen entwickelt. «Warum wolltest du dich unbedingt auf ein so verqueres Abenteuer einlassen?» Tom schaute aus dem Fenster auf den Comersee. «Ich weiss es nicht», antwortete er. «Gloria gefiel mir. Wir konnten zusammen lachen. Ich war einsam, sie war einsam. Weshalb also sollte ich sie fallen lassen? Nur weil sie ihren Körper verkaufte? Ich hatte sie weder als Prostituierte kennen gelernt noch sah ich in ihr eine Prostituierte.»

«I am not used to that»

Als Gloria an diesem Abend anrief, wusste Tom nicht, wie er reagieren sollte. Er hatte mehr erfahren, als nicht nur ihr, sondern auch ihm lieb sein konnte. Also entschied er sich – seinem Charakter entsprechend – für den Angriff als beste Lösung. Aus dem Nichts heraus verblüffte er Gloria mit der Frage, ob sie bei ihm übernachte. Sie schwieg einen Moment, antwortete schliesslich «ok» und hing auf. Eine Viertelstunde später rief sie erneut an und erklärte, sie sei bereit. Allerdings, fügte sie an, bei einem fremden Mann zu übernachten widerspreche ihrer Erziehung und auch ihrer Überzeugung. «I am not used to that.» Aber sie komme trotzdem.

Der Satz erstaunte Tom. Stunden zuvor hatte er sie mit einem wildfremden Mann weggehen sehen. Ihren Körper mehrmals täglich zu verkaufen, war offenbar mit ihrer Moral vereinbar; als Unverheiratete auswärts zu übernachten aber nicht. Diese Haltung habe sie über die gesamte Zeit ihrer Beziehung immer wieder vertreten, sagt Tom. Und er habe, wenn das Thema aufgekommen sei, jeweils einen hässlichen Streit angezettelt, aber sie sei stur geblieben. Sie sagte jeweils nur: «Don't be angry. It's not my fault.» Wessen dann?, fragte Tom zurück. Aber das verstand sie nicht.

Dann kroch sie unter die Decke

Doch an diesem ersten Abend gab es keine weitere Diskussion. Tom holte Gloria ab, und sie drückte ihm ihre kleine Tasche in die Hand, darin Pyjama, Zahnbürste und frische Kleider. Sie schwiegen auf dem Weg. Wenig unterschied die beiden von einem Paar, das nach einem langen Arbeitstag erschöpft zusammen nach Hause geht. In der Wohnung angekommen, schaute Gloria sich kurz um, ging ins Bad und liess kommentarlos die Badewanne einlaufen. Sie schob ihre Haare unter ein Netz und setzte sich ins Wasser – bei offener Tür. Tom verstand das als Einladung.

Nun sah er Gloria zum ersten Mal nackt. Sie war schön, aber seltsamerweise berührte ihn der Anblick nicht wie erwartet. Es war nun klar, dass Gloria in Not war, und diese Not musste gross sein. Das liess für Erotik keinen Raum. Gloria schien auch keinen Gedanken daran zu verschwenden, sie tat, als sei seine Anwesenheit völlig normal, und so verhielten sie sich wie Bruder und Schwester. Bevor sie zu Bett gingen, legte Gloria ihre Kleider so perfekt zusammen, als würden sie im Schaufenster eines Modegeschäfts ausgestellt. Dann kroch sie unter die Decke, schlotterte, legte ihren Kopf auf seine Schulter und begann ihm nach wenigen Sekunden ins Ohr zu schnarchen. Tom blieb unbeweglich liegen und amüsierte sich. Irgendwann in den frühen Morgenstunden lagen beide wach. Im Nachbarhaus lief wie jede Nacht der Fernseher und warf bunte Lichtkaskaden über die Gasse. Tom schaute zu Gloria hinüber, und als er das Weiss ihrer Augen schimmern sah, sagte er: «I know what you are doing in Genova». Gloria blieb still liegen, atmete tief, dann fragte sie nur: «Why?»

Natürlich hatte ich die Frauen gesehen …

In den kommenden Monaten trafen sie sich meistens einmal wöchentlich; es spielte sich so ein. Kam Gloria nach der Arbeit zu Tom, kochte er für sie, oft das gleiche Menü: Tagliatelle mit Lachs. Das liebte sie. Anschliessend setzte sie sich in die Badewanne, und Tom wusch ihr den Rücken. Selten blieb sie, häufig ging sie nach Hause.

Inzwischen hatte der Zug Genua erreicht. Wir stiegen aus, blieben aber auf dem Perron stehen, Tom erzählte solange weiter, bis es zu regnen begann. Dann verabschiedeten wir uns, allerdings nicht ohne Verabredung für den nächsten Tag. «Du weisst noch lange nicht alles», sagte Tom. Ich ging ins Hotel, schaute über die Dächer der Altstadt und dachte nach. Natürlich kannte ich die Via della Maddalena. Eines der besten Restaurants von Genua befindet sich in der Nähe, und an der Gasse selbst gibt es ein kleines Theater mit Livekonzerten. Natürlich hatte ich die Frauen gesehen, und ich fragte mich, ob eine davon wohl Gloria gewesen war.

24 Stunden später trafen wir uns in einer neu eröffneten Bar am Vico Falamonica, liessen uns in den Ledersesseln nieder, bestellten einen First Flush aus Darjeeling und knüpften dort an, wo wir aufgehört hatten: Gloria in der Badewanne. «Das mit der Badewanne wurde zur Gewohnheit», sagte Tom. Und so habe begonnen, was er inzwischen als «unsere Badewannen-Gespräche» bezeichne.

Ein Bauch wie ein Sommerhimmel voller Kondensstreifen

Bei einer der ersten dieser Unterhaltungen sprach Gloria erstmals über ihre Herkunft. Sie sei die älteste Tochter einer Bauernfamilie. Sechs Kinder. Die Mutter bei der Geburt des siebten Kindes gestorben. Der Vater lungenkrank. Sie und ihr ältester Bruder führten die Farm. Das hiess, am Morgen früh mit zwei Plastikkanistern in den Händen und einem Krug auf dem Kopf am Fluss Wasser holen. 45 Minuten hin und wieder 45 Minuten zurück, 30 Kilo pro Person. Danach ging es bis in die Dunkelheit aufs Feld. Gloria zeigte Tom ihre Hände. Noch jetzt, knapp ein Jahr nach ihrer Ankunft in Italien, waren sie voller Schwielen.

Im Verlaufe des nächsten Badewannengesprächs erklärte Gloria die verschiedenen Narben an ihrem Körper. Der grosse Schnitt an ihrem rechten Bein: verursacht von einem abgewiesenen Freier, der sie mit seinem Auto zu überfahren versucht hatte, irgendwo unten am Hafen. Passanten brachten Gloria ins Spital. Die Narben an ihrem Bauch, mehrere parallel nebeneinander: von einer «Operation» in Nigeria herrührend, durchgeführt von einem Naturheiler. Und da waren die Narben der Blinddarmoperation, zwei Mal wiederholt, weil die inneren Blutungen nicht aufgehört hatten. Insgesamt sah ihr Bauch aus wie ein Sommerhimmel voller Kondensstreifen: lange Gerade, die aus verschiedenen Richtungen kommen, einmal schmal, einmal breit, und irgendwo schneiden sie sich. Aber das waren Äusserlichkeiten. Wie verletzt war ihr Inneres? «Meistens sass sie unbeweglich im heissen Wasser, die Arme um die Beine geschlungen, den Kopf auf den Knien. Ich versuchte mir auszumalen, was sie jeden Tag durchmachte. Wie sie mit den Männern verhandelte. 50 Euro gegen 10 Minuten Fleisch. Wie sie sich auszog, wie der Freier sich auszog. Der Geruch der Männer. Ihre Unterwäsche. Wahrscheinlich liessen sie die Socken an.»

Nach jedem Bad behandelte Gloria ihre Geschlechtsteile mit einer schmerzlindernden Salbe. Toms las den Beipackzettel. Seinen Einwand, die Salbe sei für Schleimhäute nicht geeignet, ja sogar schädlich, überging sie.

Niemand setzte sich für Gloria ein

In einem dritten Badewannengespräch – Tom sass wie üblich auf der Toilettenschüssel – erzählte sie die Vorgeschichte ihrer Flucht nach Europa. Eines Tages, noch in Nigeria, hatte eine fremde Frau die Familie besucht, ausgestattet mit allen wichtigen Statussymbolen: teuer gekleidet, Gold an allen Fingern, schickes Handy, und vorgefahren war sie im Mercedes. Diese Frau, sie liess sich mit «Madame» ansprechen, kam gezielt zu Gloria; denn sie wusste, wie es um die Familie stand: Mutter tot, Vater krank, kein Schulgeld für die Geschwister. Niemand, der verdient. Europa sei das Paradies, erklärte die «Madame». Sie könne dafür sorgen, dass Glorias Familie bald auch reich sei. Man müsse ihr nur vertrauen. Sie könne Gloria nach Italien bringen, wo sie als Haushaltshilfe bei reichen Weissen arbeiten werde, geregelter Alltag, gute Behandlung, alles. Aber, fügte die «Madame» an, das habe natürlich seinen Preis. Für die «Reise und Betreuung» von Gloria verlange sie 50 000 Euro, in Raten zurück zu zahlen.

Gloria willigte ein. Es blieb ihr gar nichts anderes übrig. Der Druck seitens der Familie und Verwandten war übermächtig; alle hofften irgendwie von ihrem Exodus zu profitieren. Sie war die Auserwählte, sie hatte das grosse Los gezogen. Bedenken äusserte niemand, oder anders gesagt, niemand setzte sich für Gloria ein; denn im Herbst 2004, als sie ihre Heimat verliess, war überall in Nigeria bekannt, dass die jungen schwarzen Frauen in Europa nicht als Haushaltshilfen arbeiten, sondern zur Prostitution gezwungen werden. Das nahmen die Familien bewusst in Kauf, darauf war das ganze System ausgerichtet, und so schickten die Eltern ihre Töchter in die schlimmsten Abgründe der modernen Sklaverei.

«Mir kam es gelegen, dass Gloria in Not war»

Nun war Gloria seit über einem Jahr in Italien, gekommen mit einem Schlauchboot, das vier Tage ohne Benzin und Wasser in der sengenden Hitze zwischen Libyen und Lampedusa trieb; neben ihr verwesten die Toten. Gloria war alsbald von lokalen Vertreterinnen ihrer «Madame» nach Norditalien gebracht und dort ins Gewerbe eingeschleust worden, doch ihre Schulden hatten sich seither kaum verringert. Sie leistete sich den Luxus, nicht jeden Freier zu akzeptieren, und das sprach sich herum. Das war zwar glücklicherweise ein gesunder Instinkt, der sie vor dem totalen psychischen und physischen Ruin bewahrte, aber ihr Einkommen sank und sank. Bald konnte sie keine Schulden mehr zurückzahlen, sie konnte die Familie nicht mehr unterstützen, und schliesslich war sie nicht einmal mehr in der Lage, die Miete für ihren Arbeitsraum zu zahlen.

«Mir kam es gelegen, dass Gloria in Not war», sagte Tom. «Das gab mir die Chance, sie von ihrem Job abzubringen.» Tatsächlich schwebte Gloria in Gefahr. In Italien wird durchschnittlich jede Woche eine nigerianische Prostituierte ermordet, meistens von Freiern, aber auch von den sogenannten «Bros». Diese «Bros» arbeiten im Auftrag der lokalen «Madames» und treiben das Geld ein. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht, von Vergewaltigung über Hiebe mit dem Ledergürtel bis zu schwersten Verletzungen. «Ein grauenhaftes Business, Gloria war mittendrin und ... »

Er zählte seine guten Taten auf wie ein Büsser

« ... und du musstest ihr helfen. Der grosse Weisse rettet die kleine Schwarze. Aber nur, weil du sie nicht länger mit einer Horde anderer Männer teilen wolltest! Sowas willst du mir als humanitäre Aktion verkaufen?» Tom lachte und schüttelte den Kopf. Wir hatten uns schon früher gestritten, allerdings ging es damals um die Qualität irgendwelcher Rockbands und nicht um ethische Fragen. «Die anderen Männer waren mir egal», sagte er. «Sie lebten für mich auf einem anderen Planeten.» Dann lehnte er sich etwas vor: «Und Sex hatten wir damals nicht, also hör auf damit. – Aber retten? Ja, da ist was dran. Ich zahlte damals bereits das Schulgeld von Glorias kleinen Geschwistern, ich hatte der Familie einen Wassertank spendiert, der ältere Bruder konnte mit meiner Hilfe eine Lehre als Schreiner beginnen, und auch das Begräbnis von Glorias Grossmutter ging auf meine Kosten. Ohne, dass ich Gloria auch nur berührt hätte.» Er zählte seine guten Taten auf wie ein Büsser, der auf dem Beichtstuhl sitzend um seine Absolution bangt.

Tom begann nach Wegen zu suchen, wie er Gloria aus diesem Leben heraushelfen konnte. Er begann mit verschiedenen kirchlichen und amtlichen Stellen Kontakt aufzunehmen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den schwarzen Sklavinnen beizustehen. Am meisten überzeugte ihn schliesslich das Progetto Sunrise, eine Institution der Stadtverwaltung von Genua. Die Eintretenden kommen in eine klosterähnliche Institution und werden dort im Rahmen eines mehrstufigen Prozesses resozialisiert. Zusätzlich zu Italienischunterricht und psychologischer Betreuung erhalten sie eine rudimentäre Berufsausbildung als Coiffeuse, Schneiderin oder in Hauspflege. Zudem wird ihr Aufenthalt in Italien legalisiert. Sie erhalten ein Permesso di Soggiorno und von der nigerianischen Botschaft einen neuen Pass. Wer sich zusätzlich bereit erklärt, die Namen der «Madames» und ihrer Verbindungsleute preis zu geben, wird in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen.

Juju sass ihr im Nacken

Tom schien das Konzept des Progetto Sunrise einleuchtend. Gloria kam raus aus der Gosse, sie wurde betreut, sie erhielt eine Ausbildung und damit die Chance auf ein neues Leben. Insgesamt konnte sie nur gewinnen. Seiner Meinung nach. Aber er hatte sich getäuscht. Oder anders gesagt: Tom hatte keine Ahnung, unter welch grossem psychischen Druck Gloria stand. Der lange Atem des Juju sass ihr im Nacken.

Bevor Gloria Nigeria verlassen hatte, stellte die nette Frau mit dem Mercedes sicher, dass sie zu ihrem Geld kommen würde. Dazu organisierte sie einen Juju-Priester. Juju-Priester sind in Nigeria ebenso angesehene wie gefürchtete Männer, denn sie stehen mit allen möglichen Göttern in Verbindung und können mit ihrer Geisteskraft töten – auch über Distanz hinweg. Doch als Teil des Systems kooperieren sie allzu oft mit den Menschenhändlern. Der Priester verlangte die Abschnitte von Glorias Fingernägeln, ihre Unterwäsche und ihre abrasierten Schamhaare. Zudem schnitt er sie mit einem Messer, um an ihr Blut zu kommen. Das alles vermischte er und vergrub es in einem Topf. Gleichzeitig musste Gloria schwören, dass sie die 50 000 Euro bis zum letzten Cent abzahlen und niemals Schwierigkeiten machen werde. Andernfalls werde der Fluch der Götter sie einholen, und dieser sei schlimmer als sie es sich vorstellen könne. Das wirkte, und es wirkte immer noch. Gloria hatte eine unglaubliche Angst vor dieser Verheissung. Brachte Tom das Gespräch auf das Thema, begann sie augenblicklich zu zittern, klagte über Kopfschmerzen und versteckte sich unter der Bettdecke.

«I am ready»

Tom versuchte Gloria über Monate zu überreden, ihren Job aufzugeben, aber sie wollte nichts davon hören. Doch die Zeit lief für Tom. Polizisten in Zivil hatten sie an der Via della Maddalena kontrolliert und für zwei Tage ins Gefängnis gesteckt, weil sie – ausser einem plump gefälschten Pass – keine Papiere besass. Tom blieb nichts anderes übrig, als eine auf Migrationsfragen spezialisierte Anwältin zu engagieren, damit Gloria nicht umgehend abgeschoben wurde. Dann verschwand eine ihrer besten Freundinnen spurlos, was ihr schlaflose Nächte bereitete. Aber eine Vermisstenmeldung aufzugeben traute sie sich nicht. Das musste Tom tun, was ihm seitens der Polizei einige unangenehme Fragen eintrug. Die Freundin wurde eine Woche später in einem abgelegenen Bauernhof gefunden, gefesselt und blutend. Das alles setzte Gloria sehr zu. So sehr, dass sie schliesslich ihr Leben auf den Kopf stellte.

Am 5. März 2006 spielte morgens um elf Uhr Toms Handy den «Nightwalk». Es war Gloria, zu einer für sie total unüblichen Zeit. Üblicherweise schlief sie bis in den frühen Nachmittag. Tom, in der Schweiz unterwegs für eines seiner Projekte, befürchtete Ärger; zu oft war Gloria in eine missliche Lage geraten und er musste ihr beistehen. Aber sie sagte nur: «I am ready».

Bereits am nächsten Tag reiste Tom zurück nach Genua, um Gloria zum Aufnahmegespräch zu begleiten. Im Büro des Progetto Sunrise wartete ein Team aus Frauen, unter ihnen eine ehemalige nigerianische Prostituierte, nun als Sozialarbeiterin tätig. Obwohl der Empfang sehr herzlich war, geriet Gloria in Panik und wollte zuerst davonlaufen, anschliessend stellte sie auf stur und sass in sich zusammengesunken da, wie eine Maus umzingelt von Katzen. Erst nach langem Zureden begann sie zu erzählen, ganz leise, unter Tränen, aber präzise und ohne Lücken. Als sie offenlegen musste, an wen sie bezahlt, schickte man Tom nach draussen.

Er spielte seine Macht skrupellos aus

An diesem Abend tranken die beiden eine Flasche Wein. Gloria tanzte ausgelassen zu Frankie Lymons «Why do Fools Fall in Love», dann gingen sie leicht betrunken ins Bett – und kamen sich zum ersten Mal näher. Das heisst, sie waren erstmals nackt. Es war ein vorsichtiges Abtasten und Erkunden einer fremden Welt. «Wir schliefen nicht miteinander», sagt Tom. Gloria habe wohl nur herausfinden wollen, ob sie überhaupt noch irgendetwas empfinde, und dazu habe sie ihn gebraucht. Das sei jedenfalls sein Eindruck gewesen.

«Aha, du warst also auch noch ihr Sextherapeut!» Aber Tom überhörte meinen Zynismus und starrte versunken auf die silberne Schale mit dem weissen und braunen Zucker. Ich beobachtete ihn und las in seinem Gesicht, dass es ihm mit seinem Engagement für Gloria offenbar tatsächlich ernst gewesen war. Und so verkniff ich mir die Bemerkung, dass man sein Tun auch ganz anders sehen kann. Dass er seine Macht gegenüber einem afrikanischen Bauernmädchen ziemlich skrupellos ausspielte. Dass er die Rollen vermischte: Hilfe in Sex ausarten zu lassen, ist hochgradig verboten.

Dann klopfte Gloria an das riesige grüne Doppeltor

Am nächsten Morgen stand Gloria bei Sonnenaufgang auf und machte sich bereit zu gehen. Von der Werft im Hafen her war die Sirene des Schichtbeginns zu hören. Bereits draussen im Hausgang, drehte Gloria sich nochmals um und sagte: «I love you». Tom sagte erstaunt «Grazie!», schloss die Tür und begann zu heulen. «Ich wusste, dass es nicht zutraf. Wieso sollte Gloria mich lieben? Das passte überhaupt nicht zu ihr. Dazu war sie viel zu konservativ. Ihre Vorbestimmung war ein junger schwarzer Mann aus der selben Gegend in Nigeria, der aus der selben sozialen Schicht stammte und den selben Dialekt sprach. Gleichzeitig war sie viel zu unabhängig und eigenwillig, um sich wirklich für mich zu interessieren. Trotzdem taten ihre Worte gut.» Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Tom den Eindruck, dass er einem Menschen in Not entscheidend geholfen hatte.

Zwei Tage später trat Gloria ins Progetto Sunrise ein. Tom brachte sie früh morgens mit dem Taxi zu den Sorelle auf die Salita degli Angeli, weit oben über der Stadt, abgelegen, einsam, mit Blick über das Mittelmeer bis in die Cinque Terre und bis nach Frankreich. Sie umarmten sich, dann klopfte Gloria an das riesige grüne Doppeltor, es öffnete sich einen Spalt, und weg war sie.

Tom ging zurück in die Stadt, holte sich die Zeitung und setzte sich unten am Hafen auf eine Bank. Er fühlte sich gleichzeitig glücklich wie auch verlassen, und in dieser Stimmung sinnierte er über sein Leben und Lieben, «solange, bis ich schliesslich den vielleicht dümmsten Entscheid meines Lebens fällte. Vielleicht war es auch einer der besten». Tom entschloss sich, Glorias Schulden zu begleichen und ihr den Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Mit der Leiterin des Progetto Sunrise hatte er das Thema Schuldentilgung bereits früher diskutiert, mit dem Ergebnis, dass sie dringend davon abriet. Tom würde damit nur die Maschinerie des Frauenhandels schmieren. Das Geld sei verloren und nütze ausser der nigerianischen Mafia niemandem. Ob Tom wirklich so blöd sei und eine kriminelle Vereinigung unterstützen wolle?

Es war eine ehrbare Tätigkeit, und darauf war sie stolz

Tom wollte. «Es war mir egal, was ich damit auslöste. Ich wollte Gloria helfen. Ich wollte sie vom Juju-Fluch befreien und ihr wieder die Möglichkeit zu geben, zu atmen. Ich wollte weder an Zusammenhänge denken noch mich für das wirtschaftliche Gefälle zwischen Nord und Süd verantwortlich fühlen. Ich sah ihre Not, sie war gross, und alles andere ging mich nichts an.»

Allerdings setzte Tom den Entscheid nicht sofort um. Er wartete, bis Gloria das Progetto Sunrise erfolgreich absolviert hatte und er sicher sein konnte, dass sie wirklich mit ihrer Vergangenheit gebrochen hatte. Das dauerte über ein Jahr. In dieser Zeit begann Gloria auch zu arbeiten. Die Frauen des Progetto Sunrise hatten ihr eine Stelle in einer Kunstgalerie vermittelt. Keine besonders anspruchsvolle Tätigkeit: Gloria musste das Geschäft hüten und Telefonanrufe beantworten. Aber sie hatte zu tun, es war eine ehrbare Tätigkeit, und darauf war sie stolz.

Irgendwann in dieser Zeit schliefen die beiden das erste Mal miteinander. Gloria war an einem freien Nachmittag zu Tom gekommen. Es war Winter. Frierend legten sie sich ins Bett und suchten eine DVD aus. Aber der Film war langweilig. An Details möge er sich nicht erinnern, sagte Tom. Was bedeute, dass es keine sonderlich aufregende Begegnung gewesen sei. «Aber wie konnte ich etwas Anderes erwarten von einer Frau, die schon mit 30 Jahren genug Geschlechtsverkehr bis an ihr Lebensende gehabt hatte? Zudem war ich alles andere als ihr Traummann. Und sie war auch nicht meine Traumfrau. Wir mochten uns, aber wir liebten uns nicht. Mich faszinierte das Abenteuer, und Gloria hatte in mir einen Troubleshooter. Doch das wars.» Und ohne Einbezug der Herzen, so traditionell dachte Tom, gab es für ihn keinen guten Sex.

Die Geldübergabe an «Madame»

Dann wurde es wieder Sommer. Gloria stand inzwischen kurz vor dem Austritt aus dem Progetto Sunrise, und sie würde nun bald wieder selbst für ihr Leben verantwortlich sein. Das war für Tom der richtige Zeitpunkt, um sein Versprechen umzusetzen. So ging er eines Tages auf die Bank und hob das nötige Geld ab. Es war genug, um den Fuhrpark von Glorias «Madame» in Nigeria zu erweitern – nicht mit einem neuen Mercedes, aber einer guten Occasion. 30 000 Euro. Tom schnürte die Scheine mit einem roten Band zusammen, kaufte ein Spielzeugschwein, lud ihm das Päckchen auf den Rücken und stellte es mitten in seine Wohnung. «Ich wollte der Sache etwas ihren Ernst nehmen».

Als Gloria das Schwein und seine Last entdeckte, sank sie auf die Knie und begann so laut zu heulen, dass Tom die Fenster schliessen musste. An der Höhe des Stapels hatte sie sofort erkannt, wofür das Geld gedacht war. Bereits am nächsten Tag fuhr sie nach Milano, um das Geld der lokalen Vertreterin ihrer «Madame» zu übergeben. Sie war unterwegs, um fast das gesamte Vermögen von Tom in den Rachen der unersättlichen nigerianischen Menschenhandelsmafia zu werfen, mit dem einzigen Erfolg, dass der Fluch gegen sie aufgehoben und der Tontopf mit ihrer Unterwäsche und ihren Schamhaaren zurück in ihr Elternhaus gebracht würde.

«Ein teurer Topf», sagte ich, aber Tom liess sich nicht provozieren und überging die Bemerkung. Draussen hatte es wieder zu regnen begonnen, und das Wasser schoss über das Kopfsteinpflaster der steilen Gasse. Der Kellner kam und stellte eine Kerze auf den Tisch.

«Genua ohne Gloria ist wie ein Leben mit Liebe»

Die Übergabe gelang. In beiden Exemplaren der rudimentären Buchhaltung, die Gloria und die Zuhälterin unabhängig voneinander geführt hatten, stand als Saldo nun eine blanke «0». Gloria reiste noch am selben Tag zurück nach Genua. Sie kam gegen zwei Uhr morgens an der Porta Principe an, Tom holte sie ab, und sie fuhren in ihre Wohnung, wo sie das Plastikschwein auf den Fernseher stellte. Sie taufte es «Freedom». Es thronte fortan dort oben, und es steht immer noch dort, wie Tom kürzlich gesehen hat. Für Gloria symbolisiert es ihr neues Leben.

Das Ende der Beziehung kam ziemlich abrupt. Gloria ging immer mehr ihre eigenen Wege, sie arbeitete weiterhin in der Galerie, hatte keine Schulden mehr und war nun bereit für eine Beziehung, bei der auch eine Heirat möglich war. Tom war es recht. «Ich war nicht eifersüchtig, im Gegenteil. Unsere Zeit war abgelaufen, ich sehnte mich nach einer Liebe, die aus dem Herzen kommt.» Tom ging sogar soweit, dass er ein grosses Blatt an die Wand seines Ateliers heftete, darauf der Satz: «Genua ohne Gloria ist wie ein Leben mit Liebe.» Er hatte genug.

Kein «Nightwalk»

Das letzte Mal als Paar trafen sich die beiden im Sommer 2007. Sie hatten in einer Bar etwas gegessen, nun setzten sie sich auf einen der Granitsockel gleich neben dem Springbrunnen auf der Piazza de Ferrari. Gloria baumelte mit den Beinen und schwieg. Tom schwieg auch, aber irgendwie kam Streit auf. Über eine Nichtigkeit, wie es Paare so an sich haben: ein Streit um zu streiten. Das wars. Als alles und nichts gesagt war, verabschiedeten sie sich. So, wie es mittelgute Freunde tun, Küsschen auf die Wange. Sie ging in die eine Richtung davon, Tom in die andere. Als Tom am nächsten Tag in die Schweiz fuhr, rief sie nicht wie üblich an. Das Telefon lag auf dem Sitz neben ihm, kein «Nightwalk».

Fünf Jahre vergingen, bis Tom Gloria das nächste Mal sehen sollte. Tom war in der Zwischenzeit nach New York gezogen und hatte versucht, dort Fuss zu fassen, jedoch ohne grossen Erfolg. Nun war er zurückgekehrt, allerdings passte ihm die Schweiz immer noch nicht, und so verlegte er seinen Wohnsitz wieder ans Mittelmeer. Und so kam es, dass er sich im Januar 2012 zum ersten Mal wieder mit seiner einstigen Geliebten verabredete.

Sie trafen sich vor einem der grossen Einkaufszentren. Anfänglich erkannte Tom Gloria kaum. Sie trug die Haare kürzer als sonst, mit violetten Meshes. Zudem war sie nicht mehr die schlanke Königin, sondern kräftig in die Breite gegangen. Und sie kam nicht allein. An ihrer Hand ging «Zaza», ihre kleine Tochter. Gloria ist seit bald zwei Jahren verheiratet. Mit Dave. Er stammt aus der selben Gegend wie sie. Er spricht den selben Dialekt.

Wichtigste Destination: Italien

Von ihrer Vergangenheit will Gloria nichts mehr wissen. Anders als Claudios Lebenspartnerin fehlt ihr der Mut, gegen diese Form der modernen Sklaverei anzukämpfen. Ihre Freundin hat ein Buch über ihre Zeit als Prostituierte geschrieben, und Claudio lancierte eine Website, auf der sich ehemalige Freier outen und alle anderen Männer davon abzuhalten versuchen, mit ihren sexuellen Bedürfnissen den Frauenhandel zu unterstützen. Der Erfolg ist allerdings bescheiden. Jedes Jahr kommen weiterhin 6 000 Frauen aus Afrika nach Europa und werden zur Prostitution gezwungen. Wichtigste Destination: Italien.

Ende Mai 2012 ist Gloria nun zum ersten Mal seit acht Jahren nach Hause gereist. Um ihren Vater und ihre Geschwister zu treffen; um ihren Mann und ihre Tochter zu präsentieren. Sie brachte Geschenke mit, was alle vor Freude jubilieren liess. Endlos war die Zahl der Päckchen, die sie aus ihrem Koffer zog. Aus dem armen Bauernmädchen ist tatsächlich geworden, was die «Madame» einst angekündigt hatte: eine erfolgreiche Europäerin. Den ultimativen Beweis dafür präsentierte Gloria ganz zufällig. Plötzlich klingelte es in ihrer Tasche, und sie zog ihr Handy hervor. Ein Blackberry, das aktuell hippste Statussymbol in ihren Kreisen. Die Geschwister versuchten es ihr aus der Hand zu reissen, und sie liess sie lächelnd gewähren. Weil sie sich das leisten kann. Das alles erzählte sie Tom am Telefon. «Es ist so heiss in Afrika,» sagte sie.

«Ich kann nicht die ganze Welt retten»

Und niemand auf dieser kleinen Farm irgendwo im Bundesstaat Edo wird je erfahren, wie das Leben in Europa für schwarze Menschen wirklich ist. Was es heisst, auf dem Weg übers Meer fast zu ertrinken. Was es heisst, den Körper an ungewaschene, betrunkene und grobe Männer zu verkaufen. Was es heisst, in einem kaum heizbaren Loch zu hausen. Was es heisst, monatelang auf die Erneuerung der Aufenthaltsbewilligung zu warten, und wenn sie endlich kommt, ist sie bereits wieder abgelaufen. Niemand wird je erfahren, was Gloria wirklich durchgemacht hat. Und Gloria wird sich auch davor hüten, mit der Wahrheit herauszurücken. Entscheidend ist, den Schein zu wahren. Den Vorstellungen zu genügen. Dem Klischee. Und so wird auch niemand erfahren, dass Gloria ihr Blackberry nicht selbst gekauft hat. Auch nicht ihr Mann.

Ich ahnte, was nun kommen würde. Also sagte ich: «Europa ist eine Lüge, und du arbeitest aktiv daran, dass sich das nicht ändert und auch nie ändern wird. Wie kannst du nur?» Tom zuckte mit den Schultern. «Ich kann nicht die ganze Welt retten», antwortete er, «aber ich kann einen einzelnen Menschen retten. Glorias Weg aus der Hölle hat mich viel gekostet, doch ich bereue keinen Cent. Noch heute, nach sieben Jahren, bedankt sie sich bei jedem Telefon dafür. ‹You saved my life›, sagt sie jeweils. Das ist es, was mich rettet.»

Tom hatte das Blackberry gekauft.

Der Text «Käufliche Freiheit» erschien zuerst im Magazin «Reportagen» (Nummer 6). «Reportagen» ist erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

Magazin «Reportagen» (Nummer 6), das soeben erschienen ist.

«Reportagen» ist ein im Oktober 2011 lanciertes Magazin, das sich voll auf Reportagen fokussiert: Sechs Mal pro Jahr erzählen herausragende Autoren und Autorinnen Geschichten aus aller Welt. «Reportagen» ist erhältlich in Buchhandlungen und am Bahnhofskiosk.

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