Aktualisiert 02.10.2012 05:37

Schwulenrechte

Kalifornien verbietet Homo-Therapie

Als erster US-Bundesstaat untersagt Kalifornien seinen Psychotherapeuten, die Behandlung gegen Homosexualität bei Minderjährigen. Solche Therapien seien schädliche Quacksalberei.

von
Martin Suter

Jerry Brown musste nicht zweimal überlegen. Am Sonntag unterschrieb der Gouverneur von Kalifornien ein im August verabschiedetes Gesetz gegen die so genannte «gay conversion therapy» - Therapie zur Umwandlung von Homosexuellen - bei unter 18-Jährigen. Psychiater und Psychologen dürfen ab nächstem Jahr nicht mehr versuchen, Minderjährige mit homosexuellen Neigungen mittels therapeutischen Massnahmen zu Heterosexuellen umzupolen.

Solche Therapien hätten «junge Menschen in Depressionen und zum Selbstmord getrieben», schrieb Brown auf Twitter. In einer zweiten Botschaft tweetete er: «Diese Praktiken haben keine Grundlage in der Wissenschaft oder Medizin, und sie werden jetzt in den Abfallkorb der Quacksalberei verbannt.»

Studie zu Erfolg der Therapien wurde zurückgezogen

Das kalifornische Verbot setzt einen vorläufigen Schlussstrich unter eine heftige Diskussion auf einem Feld, wo sich Wissenschaft, Politik und Religion um die Vorherrschaft streiten. Lange Zeit galt als wissenschaftlich akzeptabel, Homosexualität als psychische Störung anzusehen, die sich behandeln lasse. William Masters and Virginia Johnson, zwei moderne Pioniere der Sexualkunde, betrieben in den 70er Jahren ein Forschungsprogramm zur Konversionstherapie. In einem Buch behaupteten sie, ihre Anstrengungen hätten in 70 Prozent der Fälle zum Erfolg geführt.

Doch seither sind die Resultate von Masters und Johnson angezweifelt worden. Die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung hob die Klassifikation der Homosexualität als Erkrankung schon 1973 auf. Heute erklärt die Vereinigung, dass die «reparative Therapie» mit grossen Risiken behaftet sei. Sie könne zu «Depressionen, Angstzuständen und selbstzerstörerischem Verhalten» führen. Erst im April musste eine neue Studie, die angeblich Erfolge der Therapien zeigen sollte, wegen inhaltlicher schwerer Fehler zurückgezogen werden.

«Unechte homosexuelle Gefühle

Als der demokratische Abgeordnete Ted Lieu das Gesetz gegen Konversionen bei Minderjährigen vorschlug, meldete der Kalifornische Psychologenverband anfänglich Widerstand an. Die Therapeuten waren dagegen, dass sich das Parlament in die klinische Praxis einmischt. Als der Gesetzestext präzisiert wurde, zog der Verband seine Opposition jedoch zurück.

Zu den Befürwortern einer «Behandlung» von Homosexuellen gehören viele konservative religiöse Vereinigungen. Sie sind aber aus Gründen der Glaubensfreiheit nicht von dem neuen Gesetz betroffen. Unter Psychologen glaubt nur eine kleine Minderheit, dass homosexuelle Neigungen in der Kindheit als Folge von psychischen Verletzungen oder sexuellem Missbrauch entstehen. Einer von ihnen, der Familientherapeut David Pickup, sagte zur «New York Times»: «Wenn Buben sexuell missbraucht wurden und später unechte homosexuelle Gefühle hochkommen, müssen wir ihnen sagen: Nein, wir können euch nicht helfen.»

Scharlatane und Schrottwissenschaft

Schwulenorganisationen und andere Befürworter des Gesetzes kritisieren die Gegner als Scharlatane. «Die Reparative Therapie ist eine Schrottwissenschaft, die religiöse Auffassungen stützen soll», sagte Wayne Besen von der Gruppe «The Truth Wins Out» (Die Wahrheit wird obsiegen) zur «Times». Im kalifornischen Parlament bezeugten mehrere Betroffene, wie zerstörerisch solche Behandlungen sein können.

Ryan Kendall, einem der Zeugen, wurde im Alter von 13 Jahren gesagt, seine Sexualität sei eine Wahl und könne korrigiert werden. Die nachfolgende Therapie, erzählte er CNN, «führte bei mir zu Perioden der Obdachlosigkeit, des Drogenmissbrauchs und dazu, dass ich mich ein Jahrzehnt lang umbringen wollte.»

Vertreter von Schwulenorganisationen sehen das Gesetz als Meilenstein auf dem Weg zur vollständigen Gleichberechtigung. Parlamentarier in anderen US-Gliedstaaten haben bereits angekündigt, dem Beispiel Kaliforniens nachfolgen zu wollen.

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