Versuch: Kalter Entzug für Facebook-Junkies
Aktualisiert

VersuchKalter Entzug für Facebook-Junkies

800 Studenten einer US-Universität wagten einen Versuch: Eine Woche ohne Facebook. Dabei gingen einige der Probanden durch die entdigitalisierte Hölle.

von
Runa Reinecke
Face-to-Face statt Facebook: wer weniger digital Kommuniziert, trifft seine Freude auch im wahren Leben. (Bild: Keystone)

Face-to-Face statt Facebook: wer weniger digital Kommuniziert, trifft seine Freude auch im wahren Leben. (Bild: Keystone)

«Ich habe nur noch drei Rüebli im Kühlschrank», «mein Meersäuli hat Blähungen» oder «drei meiner zehn Socken haben ein Loch»: Nichts ist unwichtig genug, um es der Facebook-, beziehungsweise Twitter-Gemeinde vorzuenthalten. Ob man an jeder der alltäglichen Belanglosikeiten seiner «Freunde» teilhaben möchte, spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle. Hauptsache, man ist dabei. Dass dabei sein - zumindest für einen Teil der User - alles ist, zeigt ein Versuch der Harrisburg University of Science and Technology in Pennsylvania, USA: 800 Studenten durften sich über einen Zeitraum von einer Woche in keiner Online-Community aufhalten. Sieben lange Tage ohne Facebook, Twitter und Co - kein Problem? Von wegen: «Die meisten der Teilnehmer verhielten sich wie Raucher, die nach der Vorlesung unbedingt eine Zigarette rauchen wollten», erzählte der Direktor der Hochschule, Eric Darr, auf Anfrage von «Foxnews.com».

Darr beobachtete aber auch andere Phänomene: Einige der Probanden entdeckten wieder die Vorzüge der Face-to-Face-Kommunikation, während sie zuvor ausschliesslich auf digitalem Wege kommunizierten. So mancher Studierende berichtete von einer Entschleunigung seines Alltags und weniger Stress.

Für 300 Franken das «Leben» hergegeben

Eine ähnliche Erfahrung machten Schweizer Facebook-Poweruser, die über einen Monat an einer Studie der Zürcher Werbeagentur Rod-Kommunikation teilnahmen. Die Agentur «kaufte» 50 Digital-Junkies vorübergehend das Passwort ab und änderte es. So hatten die Probanden über vier Wochen keinen Zugriff auf ihr Profil. «Wir wollten aus der Sicht einer Werbeagentur analysieren, welchen emotionalen Stellenwert Massenmedien wie Facebook in der Gesellschaft haben», erklärte David Schärer, Mitinhaber von ROD-Kommunikation gegenüber 20 Minuten Online.

Während sich die Studienteilnehmer zunächst schwer mit der Drosselung des digitalen Mitteilungsbedürfnisses taten, kamen die Probanden nach und nach besser mit ihrer Situation klar. So erzählte eine Teilnehmerin, sie habe durch den Facebook-Entzug mehr fürs Studium gelernt. Auch bei anderen Mitwirkenden zeigte der Versuch, dass die frei gewordenen Ressourcen nicht etwa für den Konsum anderer Massenmedien wie TV verwendet, sondern eher für konstruktive Projekte genutzt wurden.

Auch die Studenten der Harrisburg University konnten von ihrem Versuch profitieren, wie Eric Darr beschreibt: «Die Teilnehmer haben herausgefunden, dass der ausufernde Konsum der Social-Communities das Leben beherrschen kann.»

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