Aktualisiert 05.05.2015 13:44

FlugsicherheitKameras sollen Piloten im Cockpit überwachen

Die Internationale Luftfahrtbehörde schlägt zur Verhinderung von Abstürzen eine Videoüberwachung von Piloten vor. Diesen passt das gar nicht.

von
K. Wolfensberger
Sollen Piloten im Cockpit bald von Kameras überwacht werden? Nein, sagt der Verband Aeropers.

Sollen Piloten im Cockpit bald von Kameras überwacht werden? Nein, sagt der Verband Aeropers.

149 Personen riss Co-Pilot Andreas Lubitz mit sich in den Tod, als er diesen Frühling eine Germanwings-Maschine in den französischen Alpen zum Absturz brachte, um Selbstmord zu begehen. Das Unglück hat Flugsicherheitsexperten auf den Plan gerufen. Sie fordern eine Verbesserung der Sicherheitsmassnahmen an Bord, damit solche Katastrophen in Zukunft verhindert werden können.

Eine neue Forderung ist dabei die Einführung von Videokameras in den Cockpits der Flugzeuge. Wie das «Wall Street Journal» unter Berufung auf Insiderquellen berichtet, will vor allem die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO eine entsprechende Verschärfung der Überwachung in die Wege leiten. Als Sonderorganisation der UNO ist das Ziel der ICAO, ein nachhaltiges Wachstum des globalen Zivilluftfahrtsystems zu fördern.

Piloten leisten Widerstand

Die Piloten sind alles andere als begeistert, ihre Gewerkschaften und Verbände in den verschiedenen Ländern leisten massiven Widerstand. Thomas Steffen vom Schweizer Pilotenverband Aeropers erklärt, dass der Verband jeder Massnahme, die die Flugsicherheit erhöht, offen gegenüber steht, eine Kamera die Sicherheit in den Cockpits grundsätzlich aber nicht erhöhe. «Eine Kamera im Cockpit verhindert keinen einzigen Flugunfall», so Steffen.

Mit der Einführung von Kameras in den Cockpits wird laut Kritikern unter Umständen die Privatsphäre der Piloten verletzt. Das Risiko einer Zweckentfremdung der Aufnahmen sei hoch. Im Katastrophenfall, oder sogar nach einem normalen Flug, sei beispielsweise von einer widerrechtlichen Veröffentlichung auf Portalen wie Youtube oder durch Boulevard-Medien zu rechnen. Um dies zu verhindern, sollen auch weiterhin nur klassische Flugschreiber, die so genannten Black Boxes, eingesetzt werden, fordert Steffen. Sie beinhalten unter anderem einen Stimmenrekorder und ermöglichen es mittels Tonbandaufnahmen, die Momente vor einem Unglücksfall nachzuvollziehen.

Kosten sind zu hoch

Trotz dieser Kritik möchten die Befürworter der Überwachung nicht aufgeben. In den USA forderte Christopher Hart, der Vorsitzende der Nationalen Behörde für Transportsicherheit NTSB, eine Einführung der Kameras, notfalls ohne Gesichtsaufnahme, um die Privatsphäre der Piloten zu gewähren.

Auch diese abgeschwächte Forderung provozierte umgehend eine Antwort der Piloten. Martin Chalk, Präsident der Internationalen Dachgewerkschaft IFALPA, der auch Aeropers angehört, sagte laut «Wall Street Journal»: «Das Geld für Sicherheit ist schon beschränkt genug. Es sollte besser für wirklich sinnvolle Massnahmen ausgegeben werden.» Eine Installation von Kameras sei eine «Überreaktion, die die Sicherheit nicht verbessert».

Herr Richter*, bringen Kameras im Cockpit etwas?

Die Massnahme wurde bereits nach dem 11.September 2001 von der US-Flugaufsichtsbehörde ins Spiel gebracht. Doch scheiterte das Vorhaben an dem energischen Widerstand der Pilotenverbände, die sich zu Unrecht ausspioniert fühlten. Selbst wenn der juristische Weg geebnet wäre, so kann eine Kamera bei der späteren Rekonstruktion eines Unfalls nur wenig zusätzliche Informationen liefern, die man nicht schon durch die anderen Aufzeichnungsgeräte bekommt.

Warum geht das nicht?

Um exakt zu erfassen welcher Schalter gedrückt wurde - dies auch bei Nachtflügen mit einem Minimum an Beleuchtung - müsste diese Kamera Ultra-HDF aufzeichen, was bei einer Aufzeichnungsdauer von mehreren Stunden ein Speicherproblem aufwirft. Gerade im Fall der Gemanwings ist es mehr als fraglich, dass mit einer Cockpit-Cam dieses Unglück hätte vermieden werden können.

Kameras erhöhen die Sicherheit also nicht?

Beim Thema der Dauerüberwachung der Piloten bin ich skeptisch. Dem Gedanken der Sicherheit wäre weitaus mehr Rechnung getragen, wenn man Piloten die nicht mehr fliegen können oder wollen jederzeit eine Umstiegsmöglichkeit innerhalb des Unternehmens eröffnen würde, sodass der Druck einen kritischen Gesundheitszustand verscheiern zu müssen, gesenkt wird.

Mit welchen Problemen kämpfen Piloten sonst noch?

Auch muss der ständige Kreislauf des immer kostengünstigeren Piloten einmal durchbrochen werden. Dass viele Piloten massiv unter Druck stehen und nicht wenige bereits den Weg "Pay-to-Fly" beschreiten, also bei einer Airline quasi umsonst fliegen, nur damit sie ihre Fluglizenzen behalten, ist gerade bei kleineren Airlines keine Seltenheit mehr.

*Jan-Arwed Richter ist Flugsicherheitsexperte.

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