Aktualisiert 02.10.2012 15:32

«Vatileaks»-Prozess

Kammerdiener beruft sich auf «tiefen Glauben»

Im Prozess gegen den ehemaligen Kammerdiener des Papstes bereut dieser, das Vertrauen des Heiligen Vaters missbraucht zu haben. Dass er vertrauliche Papiere gestohlen habe, liege an seinem «tiefen Glauben».

In der Enthüllungsaffäre «Vatileaks» hat der angeklagte frühere Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, die alleinige Verantwortung übernommen. Der 46- Jährige gab am Dienstag vor dem vatikanischen Tribunal zu, vertrauliche Dokumente aus den päpstlichen Gemächern kopiert und weitergegeben zu haben.

Dies berichteten vom Vatikan zugelassene Prozessbeobachter nach der Verhandlung. Dem Familienvater wird schwerer Diebstahl vorgeworfen; dafür drohen ihm bis zu vier Jahre Haft.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft gab Gabriele seinen tiefen Glauben als Tatmotiv an. Es sei sein Verlangen gewesen, «Bosheit und Korruption» innerhalb der katholischen Kirche aufzudecken, wurde er in der Anklageschrift zitiert. Auch wenn der Diebstahl der Dokumente falsch sei, fühle er sich doch vom Heiligen Geist inspiriert, «die Kirche wieder auf den richtigen Pfad zu bringen.»

«Was den schweren Diebstahl betrifft, fühle ich mich nicht schuldig», sagte Gabriele den Beobachtern zufolge. «Aber ich fühle mich schuldig, das Vertrauen missbraucht zu haben, das der Heilige Vater in mich gesetzt hatte.»

Zuerst nicht an Weitergabe gedacht

Gabriele sagte, er habe keine Mittäter gehabt und kein Geld bekommen. Er glaube aber nicht, dass er in den vergangenen Jahren der einzige gewesen sei, der Dokumente an die Presse gegeben habe.

Die Unterlagen habe er zunächst für sich selbst kopiert, ohne an eine Weitergabe zu denken. Er habe sich ein genaueres Bild über die Vorgänge im Vatikan machen wollen, über die er Unbehagen verspürt habe. Dieses Unbehagen hätten andere im Vatikan geteilt, mit denen er darüber auch gesprochen habe.

Später ging er offenbar dazu über, zwei Kopien zu fertigen. Er habe im Zweifelsfall nachweisen wollen, welche Dokumente von ihm stammen. Er habe darüber seinem Beichtvater gebeichtet.

Dass er einen auch auf Papst Benedikt XVI. ausgestellten Scheck über 100 000 Euro und einen Goldklumpen genommen habe, bestritt Gabriele. Ein wertvolles Buch habe er nur seinen Kindern zeigen wollen.

Angeblich in der Haft misshandelt

Vatikanische Ermittler hatten nach Gabrieles Festnahme im Mai in dessen Wohnung 82 Kisten mit Dokumenten sichergestellt, darunter den Scheck.

Der Polizei des Heiligen Stuhls warf Gabriele vor, ihn in Haft misshandelt zu haben. Die ersten Wochen nach seiner Festnahme habe er in einem winzigen Raum verbringen müssen, in dem rund um die Uhr Licht gebrannt habe, sagten Gabriele und sein Anwalt vor Gericht. Ein Richter ordnete eine Untersuchung an.

Derzeit steht der Angeklagte unter Hausarrest. Eine allfällige Haftstrafe müsste er in einem italienischen Gefängniss absitzen. Gabriele hofft jedoch darauf, von Benedikt XVI. begnadigt zu werden. Der verheiratete Vater dreier Kinder, der vatikanischer Staatsbürger ist, war einer der wenigen Menschen mit Zugang zu den päpstlichen Privaträumen.

Privatsekretär Gänswein im Zeugenstand

Neben Gendarmen und einer Hausdame aus dem päpstlichen Haushalt trat der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein in den Zeugenstand. Er habe bis kurz vor der Festnahme Gabrieles keinen Verdacht gehabt, sagte Gänswein. Er habe keine Dokumente vermisst.

Die Verhandlung soll an diesem Mittwoch mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt werden. Die Plädoyers werde es jedoch an einem anderen Tag geben. Spekuliert wird, dass bereits am Samstag ein Urteil gesprochen werden könnte.

Der Prozess hatte am Samstag begonnen. Neben Vertretern der Vatikan-Medien «Osservatore Romano» und Radio Vatikan sind nur acht Journalisten zugelassen. (sda/dapd)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.