Rauchen, Trinken, Übergewicht: «Kampagnen ändern das Verhalten der Leute nicht»
Aktualisiert

Rauchen, Trinken, Übergewicht«Kampagnen ändern das Verhalten der Leute nicht»

Viele Schweizer rauchen und sind übergewichtig. Ein Experte erklärt, weshalb Kampagnen wenig bringen und wie die Bevölkerung gesünder werden könnte.

von
Stefan Ehrbar
1 / 8
Die neuste Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt: Der Anteil der Raucher geht nicht mehr zurück und verharrt bei 27 Prozent – im europäischen Vergleich ein hoher Wert.

Die neuste Gesundheitsbefragung des Bundesamts für Statistik (BFS) zeigt: Der Anteil der Raucher geht nicht mehr zurück und verharrt bei 27 Prozent – im europäischen Vergleich ein hoher Wert.

iStock
Mit Kampagnen könne man dem nicht beikommen, sagt der Präventionsexperte Martin Hafen. «Lebensstile sind gelernt und stabil. Sie mit kommunikativen Massnahmen verändern zu wollen, ist wirkungslos.»

Mit Kampagnen könne man dem nicht beikommen, sagt der Präventionsexperte Martin Hafen. «Lebensstile sind gelernt und stabil. Sie mit kommunikativen Massnahmen verändern zu wollen, ist wirkungslos.»

Keystone/Lukas Lehmann
Die Kampagnen schafften aber ein Problembewusstsein auch in der Politik, so Hafen. Das zeige durchaus Resultate – etwa rauchfreie Orte.

Die Kampagnen schafften aber ein Problembewusstsein auch in der Politik, so Hafen. Das zeige durchaus Resultate – etwa rauchfreie Orte.

Alessandro Crinari

Obwohl sich die Mehrheit der Schweizer gesund fühlt, sind viele zu dick oder trinken zu viel. Was man dagegen tun könnte, erklärt der Präventions-Experte Martin Hafen.

Herr Hafen, die grosse Mehrheit der Schweizer schätzt ihren Gesundheitszustand als gut ein. Gleichzeitig rauchen viele oder sind übergewichtig. Wie passt das zusammen?

Hier wurde nach einer rückblickenden Einschätzung gefragt. Das ist recht ungenau. Wenn man etwa mit einer App fünfmal täglich abfragt, wie sich jemand fühlt, gibt es andere Ergebnisse. Hinzu kommt: Übergewicht etwa ist ein physischer Zustand und muss nicht unbedingt etwas mit dem Wohlbefinden zu tun haben.

Viele Schweizer rauchen und trinken zu viel oder sind übergewichtig. Trotz grossangelegter Kampagnen ändern sie ihr Verhalten nicht. Wieso?

Kampagnen haben auf individuelles Verhalten keine nachweisbare Wirkung. Lebensstile sind gelernt und stabil. Sie mit kommunikativen Massnahmen verändern zu wollen, ist wirkungslos. Meiner Meinung nach sollten wir Individuen auch nicht einschränken. Das sollten wir nur, wenn Dritte betroffen sind – etwa beim Passivrauchen.

Sollten wir also auf solche Kampagnen gleich ganz verzichten?

Nein, denn sie schaffen ein Problembewusstsein in der Öffentlichkeit und in der Politik. Das ist wichtig und hat durchaus zu Ergebnissen geführt – etwa rauchfreien Restaurants.

Übergewicht, Rauchen und Alkoholmissbrauch verursachen hohe Gesundheitskosten. Wie kann man dem beikommen?

Mit einer Änderung der strukturellen Rahmenbedingungen. Es ist in der Forschung unbestritten, dass nur das wirklich etwas bewirkt. Die Schweiz hat etwa im internationalen Vergleich sehr viele Raucher. Der Grund ist klar: Wir haben eines der laschesten Gesetze in Bezug auf Tabak. Der prominent vertretenen Industrie gelingt es immer wieder, auf die Regulierung Einfluss zu nehmen. Wirkliche Veränderung würde es nur geben, wenn die Preise steigen und die Verfügbarkeit sinken würde. Dasselbe bei der Ernährung: Ampelsysteme oder eine Zuckersteuer bringen viel, stossen aber auch auf viel Widerstand.

Es scheint widersprüchlich: Ausgewogene Ernährung und ein gesunder Lebensstil werden immer wichtiger. Trotzdem sind 42 Prozent übergewichtig oder fettleibig.

Das durchschnittliche Körpergewicht nimmt in der Schweiz weiter zu. Das hängt mit den Rahmenbedingungen zusammen. Vor 100 Jahren konsumierte ein Durchschnittsbürger ein Kilo Zucker pro Jahr. Heute sind es 50 Kilo. Insbesondere in verarbeiteten Nahrungsmitteln gibt es viel versteckten Zucker. Um Regulierungen zu verhindern, kämpft die Nahrungsmittelindustrie mit den gleichen Strategien wie die Tabakindustrie.

Dass vorbereitete Lebensmittel ungesund sind, ist nun aber kein Geheimnis. Wo bleibt die Eigenverantwortung?

Solches Essen ist zeitsparend, und das ist heutzutage für viele wichtig. Die Stressbelastung hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Schon bei den Schülern zwischen 12 und 16 Jahren gibt die Hälfte an, regelmässig gestresst zu sein. Stress erfordert Bewältigungsmöglichkeiten – und Essen oder Rauchen sind solche. Hinzu kommt, dass wir uns in einer hochmotorisierten Gesellschaft bewegen. Wir bewegen uns einen Bruchteil von dem, was unsere Vorgänger leisteten.

Was könnte man konkret tun?

Bleiben wir beim Beispiel Übergewicht: Man kann Kinder in Bewegungsprogramme schicken. Das bringt im Einzelfall vielleicht sogar etwas. Aber viel sinnvoller wäre es, die Quartierstrassen verkehrsfrei zu machen. Dann würden sich Kinder automatisch mehr bewegen. Wenn im Supermarkt an der Kasse nicht Süssigkeiten, sondern Äpfel zum Verkauf angeboten würden, wäre das ziemlich wirksam. Das sind Massnahmen, die sich auf die Anbieter konzentrieren, nicht auf die Individuen, und Rahmenbedingungen für einen gesunden Lebensstil ermöglichen.

Warum wird es nicht getan?

Betriebswirtschaftlich macht es weniger Sinn. Wir leben nun mal in einer kapitalistischen Gesellschaft, in der Profit wichtig ist. Massnahmen für die öffentliche Gesundheit haben es in der jetzigen Zusammensetzung des Parlaments schwer. Wir müssen aber auch aufpassen, dass unser Streben nach Gesundheit nicht zu einer Ideologie mit quasi religiösem Charakter verkommt. Wenn man schaut, wie heftig die Ideologien etwa beim Essen heute vertreten werden, ist etwas mehr Gelassenheit angebracht.

Martin Hafen

Der Präventions-Experte Martin Hafen ist Professor an der Hochschule Luzern und unterrichtet etwa zu Sozialpolitik und Prävention. Zu seinen Spezialgebieten gehört die Theorie von Prävention, Gesundheitsförderung und Früherkennung sowie die Gesundheitssoziologie.

Deine Meinung