Glaubenskrieg im Netz: «Kampfchristen» wüten auf Facebook
Aktualisiert

Glaubenskrieg im Netz«Kampfchristen» wüten auf Facebook

Moderne Kreuzritter ziehen im Internet in die Cyber-Schlacht gegen Muslime. Wer sich ihnen entgegenstellt, wird beleidigt, belästigt oder gar mit dem Tod bedroht.

von
Oliver Wietlisbach

Sie nennen sich Crusader (zu Deutsch Kreuzritter) und kennen nur eine Mission: dem Islam in der Schweiz Einhalt gebieten. Die Crusader-Gruppe auf Facebook ist geheim, nur der harte Kern der Minarett-Gegner hat Zugang zu ihr. Und dieser harte Kern hat es in sich. «Wer etwas gegen Rassismus schreibt, wird gleich massengemeldet und mundtot gemacht», sagt Szenekenner Fabian M.*, der die Aktivitäten der Crusader und anderer Anti-Islam-Gruppen seit längerem beobachtet. Einzelne Exponenten schrecken gar vor Morddrohungen nicht zurück.

Manche Mitglieder der Anti-Islam-Bewegung auf Facebook sehen sich als moderne Kreuzritter im hehren Kampf gegen eine fremde Religion. «Der Islam ist eine Bedrohung für den Weltfrieden. Erst seit die Muslime in unserer Schweiz sind, haben wir solche Probleme!», lautet der Tenor bei den Crusaders. Differenziert wird wenig: «Meiner Meinung nach gibt es gar keine moderaten Muslime. Das ist alles nur ein Täuschungsmanöver!», schreibt Mitglied David H.*: «Also was macht man mit etwas, das Probleme bereitet? Man entfernt es, ganz einfach!»

In dieses Weltbild passt auch sein Avatar in einem Internet-Forum. Das Profil-Bild zeigt einen Hund, der sein Geschäft auf die Kaaba in Mekka verrichtet. Darauf angesprochen erwidert David H.: «Ich scheiss auf diese Korannazis, die sind eine Plage für die Menschheit. Die kommen mit ihren mittelalterlichen Gesetzen hierher und wollen uns ihre Lebensart aufzwingen.»

Es wird zurückgemobbt

Die selbsternannten Kreuzritter geraten durch ihr rabiates Auftreten aber auch selbst ins Visier anderer Facebook-Nutzer. Wüste Wortgefechte, Verunglimpfungen und Drohungen sind nicht selten die Konsequenz. Laut Demian S.* - nach eigenen Angaben bekennender «National-Demokrat» - wurde im Internet dazu aufgerufen, die Namen und Adressen von Rechten auf der Webseite der linksextremen Antifa zu veröffentlichen. Selbst vor Cyber-Attacken gegen Online-Shops von unliebsamen Rechten würden einige Linke nicht halt machen.

David H. und andere Crusader sehen sich als Opfer von Facebook, da das soziale Netzwerk einseitig gegen Rechte vorginge, während Linke und Muslime geschont würden. Seit dem Artikel von 20 Minuten Online über «Fake-Profile und Massenmeldungen gegen Andersdenkende» vor einer Woche ist die Crusader-Gruppe anscheinend deaktiviert.

Beobachter Fabian M. schätzt die effektive Mitgliederzahl der Crusader auf 20 bis 30 Personen. «Einige Gruppen haben hohe Mitgliederzahlen, was eine grosse Schlagkraft suggeriert. Die meisten Nutzer sind aber in mehreren Gruppen aktiv und viele haben mehrere Fake-Profile», weiss er. Pseudo-Profile werden von Links und Rechts benutzt, um Andersdenkende bei Facebook anzuschwärzen und so die Sperrung von Profilen zu erwirken.

Politiker in Anti-Islam-Gruppen

Informationen, die der Redaktion von 20 Minuten Online vorliegen, legen nahe, dass sich der Jungpolitiker der streng religiösen Eidgenössischen Demokratischen Union (EDU) Matthias Kim Leng Teh an den Facebook-Meldeorgien beteiligt hat. In einer Anti-Islam-Gruppe wurde in seinem Namen dazu aufgerufen, die Administratoren des liberalen Club Helvétique massenzumelden (siehe obige Bildstrecke). Darauf angesprochen erwiderte Teh: «Hetze gegen andere Gruppen oder Aufrufe zu Gewalt lehne ich vehement ab.» Er könne sich an keine Aufrufe gegen Profile erinnern. Und der Jungpolitiker kontert: «Gegen mich wurde auch schon mit Fake-Profilen eine Hetzkampagne betrieben. Diese Personen habe ich selbstverständlich gemeldet und auch zum Melden aufgerufen.» Die Beweise gegen ihn könnten von einem Fake-Profil stammen, um ihm zu schaden, so Teh.

Primitive Fotomontagen gegen Andersdenkende

Auf Facebook ist längst nicht jeder das, was er vorgibt zu sein. «Es werden falsche Profile angelegt, um mit Andersdenkenden ‹Freundschaften› zu schliessen und sie auszuspähen», warnt Fabian M. Er hat 20 Minuten Online gezeigt, wie das Ehepaar Dario und Belinda M.* ein Fake-Profil einer jungen Muslimin angelegt hat, Freundschaft mit diversen Linken und Muslimen schloss, und die erschlichenen Fotos der neuen «Freunde» für primitive Fotomontagen benutzte. Die Bilder zirkulierten danach in mehreren geschlossenen und öffentlichen Gruppen (siehe Bildstrecke).

Auf die Frage, warum er sich als Politiker in solchen Gruppen tummelte und sich nicht von diesen diffamierenden Bildern distanzierte, antwortet Teh: «Primitive Fotomontagen lehne ich zutiefst ab und habe ich auch selber niemals erstellt.» Verantwortung für das Tun und Lassen seiner Facebook-«Freunde» könne er hingegen nicht übernehmen.

Den Hass der Facebook-Kreuzritter hat auch Bettina M.* auf sich gezogen. M. hatte sich wiederholt in der öffentlichen Gruppe «Kann dieses Minarett mehr Fans als die SVP haben?» gegen rassistische Parolen wie «dreckiges Muslimschwein» oder «Entfernt das Ungeziefer!» aufgelehnt. Mit ihrem Profilfoto wurden deshalb Fotomontagen gebastelt und veröffentlicht, um ihr zu schaden. «Was mich sehr verwundert, ist das Alter dieser Kampfchristen», sagt Bettina M., deren Facebook-Konto dreimal nach organisierten Massenmeldungen gesperrt wurde. «Es sind Frauen und Männer in den Vierzigern und Fünfzigern, Eltern – und viele verbringen Stunden damit, über mich und andere unliebsame Personen abzulästern oder die Profile zu melden, um uns mundtot zu machen.» Sie sei auch als fett und schlecht angezogen verleumdet worden. «Bei Teenagern könnte ich solches Verhalten noch verstehen, bei erwachsenen Menschen ist dies mehr als fragwürdig.»

Tim G.*, der den digitalen Bürgerkrieg im Internet verfolgt, findet es erschreckend, wie viele fanatische User - vom Neonazi über den linken Anarchisten bis zum islamistischen Jihadisten - Facebook für ihre Zwecke missbrauchen. «Ich wünschte mir eine Hotline oder Meldestelle, wo krasse Verstösse gegen die Facebook-Nutzungsbestimmungen direkt einem Sachbearbeiter gemeldet werden können.» David H. glaubt allerdings nicht an ein Ende des Cyber-Mobbings: «Auf Facebook wird sich nichts ändern. Zuckerberg interessiert es herzlich wenig, was da abgeht, Hauptsache die Kohle stimmt.»

* Name der Redaktion bekannt

Serie «Mobbing im Internet»

Dieser Artikel ist der Dritte in einer 20-Minuten-Online-Reihe zum Thema «Cyber-Mobbing». Bereits erschienen sind die Artikel zu den Themen «Fake-Profile und Massenmeldungen gegen andersdenkende Facebook-Nutzer» und «Drohungen und Beleidigungen auf Facebook». Weitere Artikel folgen in den nächsten Tagen.

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