Abschlussbericht: Kampusch-Entführer handelte alleine
Aktualisiert

AbschlussberichtKampusch-Entführer handelte alleine

Es ist definitiv: Das internationale Expertenteam zum Fall Kampusch kommt zum Schluss, dass Entführer Wolfgang Priklopil «mit hoher Wahrscheinlichkeit» ein Einzeltäter war.

von
kle
Herbert Anderl, Ex-Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, BKA-Präsident Jörg Ziercke und Christian Pilnacek, Sektionschef im Justizministerium, bei der Präsentation des Abschlussberichts zum Fall Kampusch.

Herbert Anderl, Ex-Generaldirektor für öffentliche Sicherheit, BKA-Präsident Jörg Ziercke und Christian Pilnacek, Sektionschef im Justizministerium, bei der Präsentation des Abschlussberichts zum Fall Kampusch.

Der finale Abschlussbericht zum Fall Kampusch ist am Montag in Wien präsentiert worden. Ein Expertenteam bestehend aus Ermittlern des FBI und des deutschen BKA sind zum Schluss gekommen, dass der Entführer von Natascha Kampusch ein Einzeltäter war. «Die Evaluierung hat ergeben, dass Wolfgang Priklopil die Entführung mit hoher Wahrscheinlichkeit alleine durchgeführt hat», sagte der Präsident des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke.

Die Experten, die den Fall seit Juli 2012 nochmals unter die Lupe genommen hatten, haben sich «eindeutig für die Einzeltäter-Theorie ausgesprochen». Zwar sei ein endgültiger Beweis nach wissenschaftlichen Kriterien nicht möglich, «weil Herr Priklopil nicht mehr am Leben ist», so Ziercke, doch Verbindungen zu Rotlicht-, Sado-Maso- oder Pädophilenszene «konnten trotz umfangreicher Ermittlungen nicht festgestellt werden».

Zeugin ist «glaubwürdig», aber ...

Der neue Bericht stellt dabei die Aussage der einzigen Augenzeugin im Fall, Ischtar A., infrage. Das damals zwölfjährige Mädchen hatte am Tag der Entführung behauptet, zwei Männer im weissen Minivan gesehen zu haben, in den Kampusch am 2. März 1998 verschleppt wurde. Ermittler Ziercke bezeichnete ihre Aussage als «subjektiv glaubwürdig», dennoch habe sich das Mädchen mit anderen Angaben «objektiv geirrt».

U-Ausschuss-Kampusch-PK

Denn laut der Kommission habe A. das Auto des Entführers mit einem anderen Wagen verwechselt, den sie wenig später an einer Kreuzung gesehen habe und in dem tatsächlich zwei Männer gesessen seien. Für die Einzeltäter-Theorie spricht auch die Tatsache, dass weder in Priklopils Auto noch in seinem Haus an der Heinestrasse 60 in Strasshof Hinweise auf weitere Täter gefunden worden sind. Untersucht wurde ausserdem, ob es Hinweise darauf gibt, dass bei Priklopils Tod Fremdverschulden im Spiel war. Auch das wurde laut Ziercke aber verneint.

Es gab Ermittlungspannen

Was die Kommission dennoch feststellen konnte sind «Ermittlungspannen und Fehleinschätzungen». «In einzelnen Stadien» der Polizeiarbeit seien Hinweise auf Priklopil nicht nachgegangen worden, so Ziercke. So wurde der Hundeführer, der zwei Wochen nach der Entführung den weissen Minivan vor dem Haus des Täters beobachtet hatte, nie Ernst genommen. Ob Kampusch jedoch früher hätte befreit werden können, sei fraglich. Wahrscheinlich hätten die Polizisten das Verlies, in dem das Mädchen festgehalten wurde, wohl auch bei einer Hausdurchsuchung ohne konkreten Hinweis nicht gefunden.

Die Evaluierungskommission führte 84 Befragungen durch. Ausserdem wurden 18 verschiedene Tatorte besucht. Besonders kritisch an den Ermittlungen ist allerdings, dass weder Natascha Kampusch noch der Freund des Entführers, Ernst H., befragt worden sind. Ziercke meinte an der Pressekonferenz, dass dies «angesichts der ohnehin vorliegenden Protokolle nicht erforderlich» gewesen sei.

Beteiligt waren an der Untersuchung sechs Vertreter des österreichischen Innenministeriums, drei des Justizministeriums sowie vier ausländische Experten des BKA und FBI.

Deine Meinung