Corona-Medikament – Kann Covid-Hoffnung Molnupiravir das Erbgut verändern?
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Corona-MedikamentKann Covid-Hoffnung Molnupiravir das Erbgut verändern?

Das Medikament Molnupiravir wird als «Gamechanger» in der Covid-19-Pandemie gefeiert. Doch es gibt neben einem Haken auch Indizien, dass ein Inhaltsstoff das Erbgut schädigen kann. Was steckt dahinter?

von
Fee Anabelle Riebeling
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Anfang Oktober veröffentlichten der US-Pharmahersteller Merck & Co und sein Partner Ridgeback Biotherapeutics gute Nachrichten: Ihr antivirales Medikament Molnupiravir halbiere bei Covid-19-Patientinnen und -Patienten das Risiko für schwere Verläufe. 

Anfang Oktober veröffentlichten der US-Pharmahersteller Merck & Co und sein Partner Ridgeback Biotherapeutics gute Nachrichten: Ihr antivirales Medikament Molnupiravir halbiere bei Covid-19-Patientinnen und -Patienten das Risiko für schwere Verläufe.

AFP
Das Präparat wurde sogleich von vielen zum «Gamechanger» erklärt. Einige Schweizer Politikerinnen und Politiker forderten bereits, dass das Medikament Molnupiravir beschafft wird.

Das Präparat wurde sogleich von vielen zum «Gamechanger» erklärt. Einige Schweizer Politikerinnen und Politiker forderten bereits, dass das Medikament Molnupiravir beschafft wird.

via REUTERS
«Der Bundesrat sollte das Medikament schnell reservieren, damit die Schweiz es auch frühzeitig bekommt», sagt SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer.

«Der Bundesrat sollte das Medikament schnell reservieren, damit die Schweiz es auch frühzeitig bekommt», sagt SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer.

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Darum gehts

  • Das antivirale Medikament Molnupiravir halbiert laut den Herstellern das Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei Covid-19.

  • Während erste Politikerinnen und Politiker bereits fordern, dass der Bund das Medikament beschafft, sind noch einige Fragen offen.

  • Unter anderem ist noch offen, ob das Präparat das menschliche Erbgut verändern kann.

«Wir sind optimistisch, dass Molnupiravir als Teil der weltweiten Bemühungen im Kampf gegen die Pandemie ein wichtiges Medikament werden kann», erklärte Merck-Chef Robert Davis anlässlich der guten Resultate, die das antivirale Medikament in ersten Studien erzielt hat (siehe Box). Erste Politikerinnen und Politiker in der Schweiz fordern bereits, dass der Bund das Medikament beschafft. Und auch der von vielen Massnahmen-Skeptikern und Impfgegnerinnen als ständig pessimistischer Kritiker abgetane Karl Lauterbach, deutscher Politiker und Gesundheitsexperte, twitterte, dass Molnupiravir das bisher «beste Medikament gegen Covid» sei – allerdings nicht ohne auf «massive Nebenwirkungen» hinzuweisen. Hat er recht?

Einbau in die DNA möglich?

Es kann zum jetzigen Zeitpunkt zumindest noch nicht ausgeschlossen werden. Denn ein wirksamer Bestandteil von Molnupiravir – β-D-N4-Hydroxycytidin (NHC) – hat zumindest das Potenzial, das menschliche Erbgut zu schädigen. Denn NHC kann nicht nur in die RNA, sondern auch in die DNA eingebaut werden. Das zeigte eine frühere Studie von Forschenden der University of North Carolina in Zellkulturen von Hamstern. Sollte das auch für den Einsatz am Menschen zutreffen, wäre das «eine gefährliche Sache, denn man will nicht in die DNA im menschlichen Körper eingreifen, weil das zu allen möglichen Folge-Problemen führen kann», zitiert BR.de Patrick Cramer, Molekularbiologe und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen. Nur wenn das ausgeschlossen wird, könne man in die breite Anwendung gehen.

Inwieweit die Erkenntnisse aus den USA für den menschlichen Körper gelten, ist bislang unklar. Christoph Spinner, Infektiologe an der Technischen Universität München, hält das Risiko für eher unwahrscheinlich, wie er im Podcast «IQ – Wissenschaft und Forschung» erklärt, weil sich die Zellkulturmodelle, bei denen der Einbau in die DNA festgestellt wurde, nicht «eins zu eins» übertragen lassen. Und weil die Zellen in der Studie 32 Tage lang mit den Wirkstoffen behandelt wurden, während eine Behandlung mit Molnupiravir lediglich fünf Tage dauern soll.

Kondompflicht für Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer

Merck und Partner Ridgeback Biotherapeutics selbst berichteten im März 2021, dass in Tierversuchen selbst bei hohen Dosen des Wirkstoffes keine Mutationen ausgelöst worden seien. Ganz ausschliessen konnten es die Hersteller aber wohl doch nicht. So wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie angewiesen, im und nach dem Untersuchungszeitraum vorübergehend auf heterosexuellen Sex zu verzichten oder zu verhüten, wie Simon Clarke, ausserordentlicher Professor für zelluläre Mikrobiologie an der Universität von Reading in England, sagt. «Das ist zwar bei einigen anderen Arzneimitteln, zum Beispiel bei der Krebs-Chemotherapie, gängige Praxis, deutet aber darauf hin, dass das Medikament im Falle einer Schwangerschaft womöglich das Potenzial hat, zu Geburtsschäden zu führen.»

«Es ist erwähnenswert, dass die an der Studie beteiligten Personen angewiesen wurden, auf heterosexuellen Sex zu verzichten oder zu verhüten.»

Simon Clarke, ausserordentlicher Professor für zelluläre Mikrobiologie an der Universität von Reading

Auch über andere mögliche Nebenwirkungen von Molnupiravir ist bislang wenig bekannt. Laut Merck waren unerwünschte Ereignisse, die Hinweise darauf liefern würden, in der Wirkstoff- und Placebogruppe ähnlich häufig. Genauere Angaben lieferten die Unternehmen in ihrer Mitteilung nicht. Die Studie selbst ist noch nicht einsehbar. Auch über etwaige Langzeit- oder Spätfolgen lässt sich noch keine Aussage treffen.

Das kann Molnupiravir laut Studie

Molnupiravir wurde ursprünglich als Grippe-Medikament entwickelt und blockiert die Vermehrung (Replikation) des Virus in der Zelle, indem es als falscher Baustein in das Erbgut eingebaut wird und dort Mutationen verursacht. Hersteller Merck zufolge soll der Wirkstoff gegen unterschiedliche Typen von Coronaviren wirken. Das Präparat wird im Gegensatz zu anderen Mitteln gegen Covid-19 oral verabreicht, dafür braucht es keine Injektion. Die Einnahme erfolgt in je vier Pillen zweimal täglich über fünf Tage hinweg – insgesamt sind also 40 Tabletten nötig.

Gemäss den veröffentlichten Daten halbiert das antivirale Medikament bei infizierten Patientinnen und Patienten das Risiko einer Spitalseinlieferung oder eines tödlichen Krankheitsverlaufs. In der Studie mussten 7,3 Prozent der 385 Patientinnen und Patienten, die Molnupiravir erhielten, innerhalb von 29 Tagen hospitalisiert werden. Bei den 377 Covid-19-Erkrankten, die ein Placebo erhalten hatten, waren es 14,1 Prozent. Von der Placebo-Gruppe starben acht Patientinnen und Patienten innerhalb der 29 Tage, bei den mit Molnupiravir Behandelten starb niemand.

Wie die österreichische Wissenschaftlerin Sylvia Kerschbaum-Gruber in ihrer Instagram-Story zu dem Präparat festhält, waren die Ergebnisse der Phase-3-Studie so gut, «dass die Verblindung frühzeitig beendet wurde, damit die Placebo-Gruppe die Möglichkeit bekommt, Molnupiravir zu nehmen, weil ein Weiterführen der Placebo-Gruppe angesichts der lebensrettenden Wirkung unethisch gewesen wäre.»

Knackpunkte …

Ein weiterer Knackpunkt, der dem «Gamechanger» Molnupiravir im Wege stehen könnte, ist, dass die Therapie spätestens fünf Tage nach dem Auftreten der ersten Symptome starten muss und nicht erst, nachdem die Patientinnen und Patienten hospitalisiert wurden, wie eine frühere Untersuchung von Merck gezeigt hatte. Denn innerhalb dieses Zeitraums ist den wenigsten Infizierten bewusst, dass sie sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, wie Peter English, Ex-Vorsitzender des Komitees für öffentliche Gesundheit, erklärt – weil sich die Symptome oft erst später manifestieren oder weil die der aktuell vorherrschenden Delta-Variante nicht so eindeutig zuzuordnen sind, wie dies beim Ursprungsvirus oder anderen Mutanten der Fall war. Entsprechend käme der Therapiebeginn für viele Patientinnen und Patienten zu spät.

Eine Notfallzulassung von Molnupiravir, wie von Merck und Ridgeback Biotherapeutics angestrebt, ist aus Sicht von Fachleuten begrüssenswert. Allerdings könne das Medikament die Impfungen nicht ersetzen: Es «scheint ein Durchbruch zu sein und ich will es gar nicht kleinreden», schreibt Kerschbaum-Gruber. Weiter weist sie darauf hin, «dass die Impfung genau ein Protein mit sich bringt, dass wir mittlerweile die halbe Weltbevölkerung mindestens einmal geimpft haben, wir mehr als ein Jahr Nachbeobachtungsdaten haben und auch die sehr seltenen Nebenwirkungen identifiziert werden können.» So weit ist man bei Molnupiravir noch lange nicht.

… und potenzielle Einsatzmöglichkeiten

Von einem «Gamechanger» möchte auch Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin an der Uniklinik Hamburg, nicht sprechen. «Der Wirkstoff wird die Impfungen selbstverständlich nicht überflüssig machen.» Ihr Schutz vor schweren Verläufen sei mit rund 90 Prozent deutlich grösser als der von Molnupiravir, der bei etwa 50 Prozent liegt. «Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, wäre das aber eine sehr vielversprechende Therapieoption. Ein grosser Vorteil des Medikaments ist die orale Verabreichungsform als Tablette.» Andere Medikamente wie Remdesivir oder monoklonale Antikörper seien nur in intravenöser Form erhältlich.

Auch Mikrobiologe Clarke sieht die Covid-19-Impfstoffe nach wie vor als wichtig: «Der beste Schutz vor dieser Krankheit besteht nach wie vor darin, sich gar nicht erst anzustecken, und eine Impfung ist eine der wirksamsten Möglichkeiten, dies zu erreichen.» Einsatzmöglichkeiten von Molnupiravir sieht er vor allem dort, wo der Impfstoff nicht so gut wirkt wie erhofft.

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