Streit in den Niederlanden: Kann eine weisse Person ihre Worte übersetzen?
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Streit in den NiederlandenKann eine weisse Person ihre Worte übersetzen?

Amanda Gorman (22) ist weltbekannt, seitdem sie im Januar bei der Amtsvereidigung von US-Präsident Joe Biden ihr Gedicht «The Hill We Climb» vortrug. Nun ist ein Streit entbrannt, wer es aus dem Englischen übersetzen solle und könne.

In den Niederlanden ist ein Streit darum entbrannt, wer das Gedicht von Amanda Gorman (hier bei der Amtseinführung von Joe Biden in Washington D.C.) am besten übersetzen könne: eine weisse oder eine schwarze Person? 

In den Niederlanden ist ein Streit darum entbrannt, wer das Gedicht von Amanda Gorman (hier bei der Amtseinführung von Joe Biden in Washington D.C.) am besten übersetzen könne: eine weisse oder eine schwarze Person?

REUTERS

Amanda Gorman riss mit ihrem Gedicht «The Hill We Climb» bei der Amtseinführung von Joe Biden alle vom Hocker. Mit ihren 22 Jahren war sie die jüngste Sprecherin bei der Einschwörung eines US-Präsidenten überhaupt.

Ihr Werk wird nun in andere Sprachen übersetzt – was in den Niederlanden für eine Diskussion sorgte, die mittlerweile international aufgegriffen wird. Der Hintergrund: Der renommierte Meulenhoff-Verlag hatte mit Marieke Lucas Rijneveld mehr als nur ein vielversprechendes Talent für die Übersetzung aus dem Englischen beauftragt. Rijnevelds Roman «De avond is ongemak» («Was man sät») hatte letztes Jahr den prestigeträchtigen Booker-Literaturpreis gewonnen – mit 29 Jahren ebenfalls eine Weltpremiere.

«Schockiert über die Aufregung»

Die Wahl für die Übersetzung habe die Amerikanerin begeistert, so der Meulenhoff-Verlag erst noch vor ein paar Tagen. Doch mittlerweile hat Rijneveld den Auftrag zurückgegeben – eine Reaktion auf die massive Kritik, wonach die Texte der schwarzen Gorman nicht von einer weissen Person übersetzt werden sollten. Sie sei «schockiert über die Aufregung», so Rijneveld, die sich als nicht-binär, also weder männlich noch weiblich, fühlt.

Losgetreten hatte die Diskussion eine Kolumne der schwarzen Journalistin, in welcher sie die Wahl Rijnevelds «eine unverständliche Entscheidung» nannte. Dies, weil Gormans Arbeit und Leben von ihren Erfahrungen und ihrer Identität als schwarze Frau geprägt seien. Rijneveld dagegen sei weiss und habe keine Erfahrung mit der schwarzen Spoken-Word-Kunst. Sie plädierte dafür, für die Übersetzung von Gormans Texte eine Person zu wählen, die damit vertraut sei und zudem «jung, weiblich und selbstbewusst schwarz ist».

Inhalt nachempfinden können

Dieser Argumentation schlossen sich in den sozialen Medien viele an. Beim Übersetzen gehe es nicht nur um Sprache, sondern auch darum, einen Inhalt nachzuempfinden. Oder, wie es die afro-deutsche Übersetzerin Marion Kraft im «Deutschlandfunk» auf den Punkt bringt: «Kann sich in einer weissen Mehrheitsgesellschaft eine weisse Übersetzerin tatsächlich in die Erfahrungswelt einer schwarzen Autorin einfinden oder die sprachlichen Sensibilitäten zur Verfügung haben, um nicht an einigen Punkten für einen Teil der Leserschaft verletzend zu sein?».

Dem halten die Gegner wie der Übersetzer Carsten Sinner entgegen: Denke man dies zu Ende, könnten etwa «Schwarze nicht Bücher von Weissen, nur Kommunisten Bücher von Kommunisten und nur Frauenfeinde frauenfeindliche Autoren» übersetzen. Somit führe diese Argumentation in eine Sackgasse.

Das letzte Wort in dieser Diskussion dürfte noch nicht gesprochen sein. Vielleicht versöhnt beide Lager vorerst der Umstand, dass Rijneveld bei einer früheren Gelegenheit eingestanden hatte, dass es um ihr Englisch nicht grossartig bestellt sei.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund des Geschlechts diskriminiert?

Hier findest du Hilfe:

Logib, Lohngleichheits-Analyse des Bundes

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

(gux)

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