09.06.2018 15:03

BildmanipulationenKann ich meinen Augen überhaupt noch trauen?

Das Bild des lächelnden Kim ging um die Welt. Es war manipuliert worden. Die Technik machts möglich. Doch Fälschungen lassen sich auch entlarven.

von
swe
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Moskau zu Besuch in Pyongyang: Machthaber Kim Jong-un hiess Aussenminister Sergei Lawrow willkommen.

Moskau zu Besuch in Pyongyang: Machthaber Kim Jong-un hiess Aussenminister Sergei Lawrow willkommen.

Valery Sharifulin
«Ich schätze es sehr, dass (Präsident Wladimir) Putin Widerstand gegen die Hegemonie der USA leistet», sagte Kim beim Treffen. Sein Gesichtsausdruck ist – ...

«Ich schätze es sehr, dass (Präsident Wladimir) Putin Widerstand gegen die Hegemonie der USA leistet», sagte Kim beim Treffen. Sein Gesichtsausdruck ist – ...

Valery Sharifulin
... hier die Nahaufnahme – ernst. Die Mundwinkel zeigen eindeutig nach unten. Ganz anders sieht das auf dem folgenden Bild aus.

... hier die Nahaufnahme – ernst. Die Mundwinkel zeigen eindeutig nach unten. Ganz anders sieht das auf dem folgenden Bild aus.

epa/Kcna

Ende Mai trafen sich Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und Russlands Aussenminister Sergei Lawrow in Pyongyang. Auf dem offiziellen Handshake-Bild zeigen die Mundwinkel des Diktators nach unten, die Miene ist grimmig. Nicht so bei Russlands Staatssender Russia-1, denn dort lächelt Kim Jong-un plötzlich.

Bloomberg-Korrespondent Scott Rose ist davon überzeugt, dass hier in die Trickkiste der Bildbearbeitung gegriffen wurde. «Das russische Staatsfernsehen hat Kim Jong-un ein Lächeln ins Gesicht gephotoshoppt», schreibt Journalist Rose. Und dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall.

Lange Tradition

Bereits im 19. Jahrhundert versuchten Fotografen, Bilder mit verschiedenen Tricks zu verändern – was ihnen auch gelang. Später nutzten Machthaber wie Stalin oder Hitler die Technik zur Retusche von Fotos, um unerwünschte Personen von Aufnahmen zu entfernen. Damals wurde die Arbeit noch mit einem Pinsel erledigt.

Spätestens mit dem Aufkommen von Computern und der elektronischen Bildverarbeitung stiegen die Möglichkeiten zur Manipulation stark an. Mit Tools wie Photoshop gibt es diverse Techniken für Veränderungen, zum Beispiel die Fotomontage, die Manipulation von Farben oder eine irreführende Wahl eines Bildausschnitts.

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Anhänger des russischen Premiers Putin versuchten im Januar 2012 den Oppositionellen Alexei Nawalni mit einer Fälschung in Misskredit zu bringen. Sie entfernten den Oligarchen Michail Prochorow (im Originalbild oben links) und ersetzten ihn durch den in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski (Bild oben rechts). Der Blogger Nawalni nahm es mit Humor und veröffentlichte als Antwort weitere krude Fälschungen, wie die unteren zwei Beispiele zeigen.

Anhänger des russischen Premiers Putin versuchten im Januar 2012 den Oppositionellen Alexei Nawalni mit einer Fälschung in Misskredit zu bringen. Sie entfernten den Oligarchen Michail Prochorow (im Originalbild oben links) und ersetzten ihn durch den in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski (Bild oben rechts). Der Blogger Nawalni nahm es mit Humor und veröffentlichte als Antwort weitere krude Fälschungen, wie die unteren zwei Beispiele zeigen.

Alexei Juschenkow
Strahlend weisser Schnee, und alle Augen (ausser die der Sicherheitskräfte entlang der Strasse) sind auf die Prozession gerichtet: Dieses Bild der Trauerfeier von Kim Jong-Il am 28. Dezember 2011 verbreitete die nordkoreanische Agentur KCNA.

Strahlend weisser Schnee, und alle Augen (ausser die der Sicherheitskräfte entlang der Strasse) sind auf die Prozession gerichtet: Dieses Bild der Trauerfeier von Kim Jong-Il am 28. Dezember 2011 verbreitete die nordkoreanische Agentur KCNA.

Reuters/Kcna
In Wirklichkeit steht ganz links eine Gruppe Journalisten, deren Haltung der staatlichen Agentur wohl zu wenig Ergriffenheit ausstrahlte. Sie musste weg, genauso wie die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen hatten. Dabei wurde auch die grosse Schneefläche in ein makelloses Weiss verwandelt und das ganze Bild aufgehellt.

In Wirklichkeit steht ganz links eine Gruppe Journalisten, deren Haltung der staatlichen Agentur wohl zu wenig Ergriffenheit ausstrahlte. Sie musste weg, genauso wie die Spuren, die sie im Schnee hinterlassen hatten. Dabei wurde auch die grosse Schneefläche in ein makelloses Weiss verwandelt und das ganze Bild aufgehellt.

Keystone/AP

Schon immer gab es Versuche, mit manipulierten Fotos die Realität zu verändern.

Die berühmtesten Fake-Bilder

Einfache Änderungen mit Photoshop fliegen schnell auf. Mit neuen technischen Mitteln sind die Möglichkeiten jedoch viel grösser geworden. Beispielsweise haben es Forscher der University of Washington 2017 geschafft, Barack Obama in einem Video einer Rede Wörter in den Mund zu legen, die der ehemalige Präsident so nie gesagt hat.

Kann ich meinen Augen überhaupt noch trauen?

Das Bild des lächelnden Kim ging um die Welt. Es war manipuliert worden. Die Technik machts möglich. Doch Fälschungen lassen sich auch entlarven.

Im Video ist zu sehen, wie Obama Wörter in den Mund gelegt werden. (Video: University of Washington)

Noch einen Schritt weiter ist ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Stanford University, dem es 2018 erstmals gelungen ist, Kopfposition, Kopfdrehung, Gesichtsausdruck, Blick und Blinzeln dreidimensional vom Video eines Gesichts auf das Video eines anderen zu übertragen.

Die Technologie der Uni Stanford hebt sogenannte Deep-Fakes auf eine neue Ebene. (Video: Youtube/Christian Theobalt)

Dass nicht nur Bilder, sondern auch die menschliche Stimme manipuliert werden kann, zeigt der Software-Hersteller Adobe mit dem Projekt VoCo. Mit diesem Programm, das bislang noch nicht erhältlich ist, kann beispielsweise der Inhalt einer Tonaufnahme verändert werden, indem man ähnlich wie bei einem Texteditor den Satz verändert.

Das VoCo-Projekt wurde bereits vor zwei Jahren an einer Konferenz von Adobe erstmals vorgestellt. (Video: Youtube/Adobe Creative Cloud)

Ist dieses Bild ein Fake?

«Ja, man kann manipulierte Fotos erkennen», erklärt Beat Rüdt, Studienleiter im Bereich Visuelle Publizistik an der Schweizer Journalistenschule MAZ, auf Anfrage. Am einfachsten sei es, bei Bildern genau hinzuschauen: «Man kann zum Beispiel anhand von Licht und Schatten erkennen, ob Dinge eingefügt wurden.»

Ebenfalls könne man darauf achten, ob es Bildbereiche gibt, die identisch sind. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn bei der Retusche von Fotos etwas von einer anderen Stelle kopiert wurde. Tools wie das von Jonas Wagner entwickelte Forensically können zudem helfen, ein Bild auf technische Manipulationen zu untersuchen. Weitere Hilfsmittel finden sie in der Infobox.

Es gilt also achtsam zu sein, denn wie Forscher der britischen Universität Warwick herausgefunden haben, fallen Menschen relativ leicht auf manipulierte Fotos herein. Testen Sie gleich selber, ob sie die Bildmanipulationen der Wissenschaftler erkennen würden:

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Die Forscher legten den Studienteilnehmern Bilder vor, die auf unterschiedliche Arten manipuliert worden waren. Hier einige Beispiele. Finden Sie die Veränderungen?

Die Forscher legten den Studienteilnehmern Bilder vor, die auf unterschiedliche Arten manipuliert worden waren. Hier einige Beispiele. Finden Sie die Veränderungen?

Sophie Nightingale/Cognitive Research
Hier wurde das Gesicht retuschiert.

Hier wurde das Gesicht retuschiert.

Sophie Nightingale/Cognitive Research
Wurde dieses Bild manipuliert?

Wurde dieses Bild manipuliert?

Sophie Nightingale/Cognitive Research

Weitere Tools für die Analyse von Bildern

Neben dem eigentlichen Bild speichern Digitalkameras auch zusätzliche Informationen ab. In den sogenannten EXIF-Daten können Sie diese versteckten Daten sichtbar machen. Hier finden Sie eine Website zur Metadaten-Analyse.

Über eine Bildsuchmaschine wie Tineye.com können Sie ein Foto hochladen und im Netz nach dem Motiv suchen. So ist es möglich, allenfalls weitere Informationen zum Bild oder die Originalaufnahme zu finden. Auch eine umgekehrte Bildersuche auf Google kann helfen.

Zudem gibt es für die Überprüfung des Wetters und des Sonnenstandes Hilfsmittel. Damit kann die Situation vor Ort mit dem Datum und dem Zeitpunkt der Aufnahme abgeglichen werden.

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