19.03.2016 14:27

HerkulesaufgabeKann man die Schleuser überhaupt besiegen?

Viele Flüchtlinge und flexible Schleuser: Dass die EU den Migrationsstrom eindämmen kann, scheint fraglich.

von
D. Soguel

Wenn die Sonne untergeht, kommen die Geschäfte am «Schmuggler-Platz» im Istanbuler Stadtteil Aksaray in Fahrt. Vor allem Familien kommen, umklammern die Plastiktüten mit ihren Habseligkeiten und den Schwimmwesten, während die Schleuser durch den Park wimmeln, über ihre Handys Vereinbarungen treffen und die letzten logistischen Vorbereitungen für die Fahrt nach Griechenland klären.

Einer von ihnen ist Ali, ein syrischer Flüchtling, der sich sein Gehalt als Kellner damit aufbessert, dass er Landsleute nach Europa schleust. Wer aus der Türkei wegwolle, müsse zuerst nach Aksaray kommen.«Geh in irgendein Geschäft oder Café und sag, dass du nach Europa willst – du wirst eine Million Angebote bekommen», sagt er.

«Zukunft für meine Kinder»

Auch Abu Dildar will weg.«Ich bin nicht glücklich darüber, nach Europa zu gehen», sagt der syrische Kurde. In der Türkei versuchte er, seinen Lebensunterhalt mit Bügeln zu verdienen, zudem erhielt er Unterstützung von Hilfsorganisationen. «Aber ich muss gehen, damit meine Kinder eine Ausbildung, eine Zukunft bekommen. Wenn sie ungebildet bleiben, werden sie das nur mir vorwerfen.»

Für die Schmuggler ist das Risiko hoch – aber auch der Gewinn. Für jede Fahrt von der türkischen Küste auf eine der griechischen Inseln benötigen sie ein Schlauchboot, das etwa 6000 Euro kostet und verloren ist, wenn die Flüchtlinge ihr Ziel erreichen. Im Schnitt kostet eine Fahrt etwa 1000 Euro. Mindestens 30 Menschen passen auf ein Boot, bleiben abzüglich der Kosten 24'000 Euro pro Fahrt, die sich eine Handvoll Menschen teilen.

Diesen Winter schon 7000 Euro verdient

Einer dieser Schleuser ist Hussam in der Küstenstadt Izmir. Im Sommer 2015 verdiente er über 50'000 Euro, diesen Winter bereits 7000. Es gebe zwar mehr Patrouillen, sagt er, aber sobald diese ausser Sicht sind, fahren die Menschen trotzdem los.

Sechs seiner Komplizen wurden im Februar verhaftet. Trotzdem ist Hussam zuversichtlich, dass er im Sommer wieder gute Geschäfte machen wird. Seiner Meinung nach sollen sich die Patrouillen vor allem um die Seenotrettung kümmern und weniger um die Bekämpfung des Menschenschmuggels.

«Sie kommen und kommen einfach immer weiter»

In Izmir hat die Polizei im vergangenen Jahr 11'844 Migranten festgenommen, davon 10'566 Syrer. 345 Schleuser wurden verurteilt, berichtet Bahadir Yesiltepe, Leiter der Anti-Schleuser-Einheit. «Wir tun unser Bestes», sagt er, «doch wenn die Situation in Syrien so bleibt und das Wetter wieder besser wird, rechnen wir mit der gleichen Intensität wie im vergangenen Sommer.»

«Sie kommen und kommen einfach immer weiter», sagt ein Beamter, der in die Operationen der Behörden involviert ist. Natürlich gebe es bei der Polizei auch «faule Äpfel», die vom Menschenschmuggel profitierten und gegen Bezahlung mal ein Auge zudrückten. Aber die eigentliche Herausforderung sei das schiere Ausmass der Flüchtlinge und dass man nicht an die eigentlichen Drahtzieher komme.

«Niemand kann das ganze Netz verraten»

Letzteres bestätigt auch der syrische Schleuser Siad, der in Aksaray in Istanbul aktiv ist.«Wenn eine Person erwischt wird, können die nicht das gesamte Netz verraten», sagt er. Denn: «Jeder kennt nur eine Person in der Kette.»

Zudem passen die Schleuser ihre Strategien dem Vorgehen der Behörden an. Sie suchen neue Abfahrtspunkte wie den Badeort Kas, schicken Boote als Ablenkungsmanöver los oder nutzen einfach andere Transportmittel wie klapprige Fischerboote oder sogar Wasserski.

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