Aktualisiert 18.07.2014 13:06

Flugzeugunglück in der UkraineKann man die Täter überhaupt überführen?

Wurde Flug MH17 abgeschossen? Von wem? Und wer könnte derlei Waffen bedienen? Was heisst das für den Konflikt zwischen der Ukraine und Russland? Viele Fragen, einige Antworten.

von
gux

Seit der Nachricht vom Absturz von Flug MH17 der Malaysia Airlines in der Ostukraine gibt es eine Fülle unbestätigter Berichte und wenig gesicherter Informationen. Ein Überblick darüber, welche wichtigen Fragen geklärt sind - und welche noch offen sind.

Was ist passiert?

Flug MH17, eine Boeing 777 der Malaysia Airlines, ist von Amsterdam auf dem Weg in die malaysische Hauptstadt Kuala Lumpur im Westen der Ukraine abgestürzt. Malaysia Airlines bestätigte gestern Abend, den Kontakt zu dem Flugzeug über der Ukraine verloren zu haben. Gemäss der Fluggesellschaft waren 280 Passagiere und 15 Crewmitglieder an Bord von Flug MH17. Es gibt keine Überlebende. Das Flugzeug war auf einer Route unterwegs, die seit Wochen täglich in Betrieb ist. Flüge über Konfliktzonen sind nichts Ungewöhnliches, und das ukrainische Gebiet, über das das Flugzeug flog, galt bislang als sicher. Verschiedene Fluggesellschaften haben jetzt mitgeteilt, dass sie den ukrainischen Luftraum nach dem Vorfall umfliegen werden.

Wo ist das Flugzeug abgestürzt?

Im Osten der Ukraine, rund 50 Kilometer von der russisch-ukrainischen Grenze entfernt (Karte). Die Region gilt als Separatistengebiet. Wie Roland Bless, Sprecher der Schweizer OSZE-Präsidentschaft in Wien, gegenüber 20 Minuten sagte, hatten die Mitglieder der OSZE-Kontaktgruppe für die Ukraine im Rahmen ihrer Vermittlungstätigkeit im Ukrainekonflikt zu diesem Gebiet bislang keinen Zugang. Die russischen Separatisten sagten der OSZE jetzt einen ungehinderten Zugang zum Flugzeugwrack zu.

Wurde das Flugzeug abgeschossen?

US-Experten gehen davon aus, dass das Flugzeug mit einer Boden-Luft-Rakete auf einer Höhe von 9100 Metern abgeschossen wurde - aber nach wie vor gibt es dafür keine offizielle Bestätigung. Die ukrainische Regierung geht davon aus, dass eine Rakete von einer sowjetischen Buk-M1-Batterie abgeschossen wurde. Die Ukraine hat rund 60 solche Flugabwehrsysteme.

Hat sich der Seperatistenführer verplappert?

Der aus Moskau stammende Rebellenführer Igor Strelkow meldete wenige Minuten nach dem Unglück auf seiner Seite im sozialen Netzwerk «VKontakte», dass seine Leute eine ukrainische Militärmaschine abgeschossen hätten. Dazu postete er Bilder einer gewaltigen Rauchsäule von der Absturzstelle. Seinen Eintrag hat Strelkow inzwischen gelöscht. Doch die Medien waren schneller: So meldeten die Nachrichtenagentur RIA Novosti und weitere russische Medien unter Verweis auf die Rebellen zunächst den Abschuss einer ukrainischen militärischen Transportmaschine. Dass es sich nicht um einen Transporter, sondern um ein ziviles Flugzeug handelte, kam wenig später heraus.

Können die Täter bei einem Abschuss überhaupt überführt werden?

Die russischen Separatisten bestreiten, etwas mit dem Abschuss zu tun zu haben. Vor einem Monat soll der russische Separatisten-Führer Ponomarew aber damit geprahlt haben, bei einem Angriff auf Lugansk ein Buk-Flugabwehrsystem in die Hände bekommen zu haben. Sicher ist: Anhand von Satelliten-Aufnahmen lässt sich bislang nicht feststellen, wo genau die Raketen abgefeuert wurden. Sicher ist nur: Es geschah im Gebiet der russischen Seperatisten. Nach wie vor sind die Berechnungen über den genauen Abschussort der Rakete im Gange.

Können russische Separatisten solche Waffen bedienen?

In den letzten Tagen haben die Separatisten wiederholt über Abschüsse ukrainischer Kampf-Jets, Transportmaschinen und Helikopter triumphiert. Dies waren allerdings alles Maschinen, die unter der Flughöhe eines Linienflugzeugs flogen. Die Separatisten behaupteten allerdings auch, ein sowjetisches BUK-Flugabwehrsystem erbeutet zu haben. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Nur die Gewissheit, dass dieses Lenkwaffensystem Ziele in Höhe von bis zu 25'000 Metern treffen kann.

Waren Schweizer an Bord der Maschine?

Das EDA informierte gestern Abend, dass Abklärungen im Gange seien. An Bord der Maschine sollen sich viele Holländer befunden haben. Auch ein bekannter holländischer Aids-Forscher, Joep Lange, war in der Maschine. Er sollte nächstes Wochenende auf einem Kongress in Melbourne einen Vortrag halten. Unbestätigten Medienberichten zufolge waren 80 Kinder an Bord der Maschine.

Was, wenn das Flugzeug tatsächlich abgeschossen wurde?

Der seit Monaten eskalierende Konflikt zwischen Russland und der Ukraine dürfte Beobachtern zufolge dann restlos eskalieren. Die Kämpfe in der Region dürften intensiviert werden und sich ausweiten. Mit einem Abschuss eines malaysischen Flugzeugs würde der Konflikt einen internationalen Aspekt bekommen.

Wer tut jetzt was?

Premierminister Najib Rakaz kündigte an, dass die malaysische Regierung den Vorfall untersuchen werde. US-Präsident Barack Obama sprach gestern Nacht mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die USA bestehen darauf, dass neutrale Ermittler an der Unglücksstelle zugelassen werden. Washington ist besorgt, dass Beweise vor Ort manipuliert werden könnten. Russland besteht darauf, an der Untersuchung des Unglückes mitzuwirken. Die USA haben die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) unter dem Vorsitz des Schweizer Bundesrates Didier Burkhalter gestern Nacht kontaktiert und sie aufgefordert, sich möglichst schnell einzuschalten. Die USA und die Nato fordern eine internationale Untersuchung. Wer diese leiten würde, ist unklar. Rechtlich gesehen ist es Aufgabe der ukrainischen Regierung, den Vorfall zu untersuchen, da er auf ukrainischem Staatsgebiet stattfand. Angesichts des monatelang andauernden Propagandakrieges zwischen der Ukraine und Russland liefe man aber Gefahr, dass die Untersuchungsergebnisse stark verzerrt würden.

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