Wahlkampf ausgesetzt: Kann «Sandy» die Wahlen entscheiden?
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Wahlkampf ausgesetztKann «Sandy» die Wahlen entscheiden?

Nächste Woche ist Wahltag, doch derzeit reden alle nur von «Sandy». Mitt Romneys Aufwärtstrend dürfte der Hurrikan zunächst stoppen. Barack Obama kann viel gewinnen – und verlieren.

von
kri

Da «Sandy» auch Menschenleben gefährdet, hüten sich die beiden Kandidaten davor, den Hurrikan zum Wahlkampf-Thema zu machen. «Gouverneur Romneys Sorge gilt der Sicherheit all jener, die von diesem Sturm bedroht werden und nicht politischen Erwägungen», sagte eine Romney-Sprecherin am Sonntag. Das Obama-Team wollte sich gar nicht erst zur Frage äussern. Trotzdem ist klar, dass der Hurrikan massive Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahl haben könnte.

Am meisten zu verlieren hat laut dem US-Magazin «Politico» derzeit Herausforderer Mitt Romney. Das Momentum war in den vergangenen Wochen auf seiner Seite und ein Hurrikan könnte seinen Aufwärtstrend stoppen. Mitt Romney hat zwar in den nationalen Umfragen zum Amtsinhaber aufgeschlossen. Doch in manchen Swing States verteidigt Barack Obama seinen knappen Vorsprung hartnäckig, darunter auch in Virginia. Am Sonntag musste Romney dort sämtliche Wahlkampf-Auftritte absagen. Flugreisen könnten für den Herausforderer generell zum Problem werden, denn auch weitere Wackelstaaten wie Florida und New Hampshire sind betroffen.

Erinnerungen an Katrina

Kommt es zu einer Naturkatastrophe, erhält der Präsident Gelegenheit, sein Profil als souveräner Krisenmanager zu schärfen – allerdings nur, wenn ihm keine Fehler unterlaufen. Am Sonntag liess sich Obama im Hauptsitz der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenhilfe (FEMA) über den Stand der Vorbereitungen informieren. Dass der Besuch in den letzten Stunden vor Sandy hohe Symbolkraft entfalten soll, zeigen kleinste Details: Der Präsident gibt sich volksnah und trägt keine Krawatte.

Wenn er hingegen versagt – wie sein Vorgänger George W. Bush – kann der Hurrikan seiner Präsidentschaft auch den Todesstoss versetzen. Mehr als 1800 Menschen kamen ums Leben, als der Hurrikan Katrina im August 2005 die Golfküste der USA heimsuchte. Die Wucht des Sturms liess die schlecht gebauten Dämme um New Orleans brechen, die Südstaaten-Metropole versank in den Fluten.

Strom- und Werbeausfälle

Sollte es zu Stromausfällen kommen, können die Menschen nicht mehr fernsehen. Ergo verpuffen auch die TV-Spots, die beide Lager für Millionen eingekauft haben und mit denen sie unentschlossene Wähler in den verbleibenden Tagen überschwemmen wollten. Und selbst wenn die Fernseher weiter laufen: Angesichts eines Jahrhundertsturms ist es schwer vorstellbar, dass die Wahlkampf-Werbung viel Aufmerksamkeit erhalten würde. Auch hier ist Herausforderer Romney im Nachteil, da er es ist, der in wichtigen Staaten einen Rückstand aufzuholen hat.

«Sandys» direkteste Auswirkung auf den Wahlprozess dürfte dann eintreten, wenn er die Menschen davon abhalten würde, ihre Stimme abzugeben. Der Ostküsten-Staat Maryland etwa hat am Montag entschieden, die vorzeitige persönliche Stimmabgabe zu stoppen. Auch in den umkämpften Staaten Virginia und North Carolina besteht diese Möglichkeit. Sollten Verkehr und Stromversorgung hier für längere Zeit unterbrochen sein, könnte Obamas gefürchtete Wahlkampf-Maschinerie ins Stottern kommen.

Kleinstverschiebungen können knappes Rennen entscheiden

Die Ostküste gilt mehrheitlich als Obama-Hochburg. Was auch immer dort in den kommenden Tagen geschieht: Die Wahrscheinlichkeit, dass seine Anhänger in Scharen zu Romney überlaufen, ist sehr gering. Doch der Hurrikan nimmt auch Kurs auf einige Wackelstaaten, in denen das Rennen nach wie vor offen ist. Da am Dienstag ein knappes Resultat erwartet wird, könnte Sandy durchaus wahlentscheidend werden – für beide Kandidaten.

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