Kampfjet-Abschuss: Kann sich Erdogan den Streit mit Putin leisten?
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Kampfjet-AbschussKann sich Erdogan den Streit mit Putin leisten?

Recep Tayyip Erdogan will sich nicht für den Abschuss eines russischen Jets entschuldigen. Wladimir Putin antwortet mit Sanktionen. Der Nahost-Experte Udo Steinbach zum Streit und seinen Folgen.

von
Ann Guenter
«Erdogan ist nicht der Typ, der sich entschuldigt.»

«Erdogan ist nicht der Typ, der sich entschuldigt.»

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets verhärten sich die Fronten: Die Türkei lehnt eine Entschuldigung weiterhin ab, der Kreml teilte mit, ein Treffen zwischen den Präsidenten Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan am Rande der Klimakonferenz bei Paris sei von russischer Seite «nicht geplant». Erdogan hatte zuvor vorgeschlagen, die Klimakonferenz für ein solches bilaterales Treffen zu nutzen.

20 Minuten hat den deutschen Nahost-Experten Udo Steinbach zu dem Streit und seinen Folgen befragt.

Herr Steinbach. Kann Erdogan es sich leisten, sich nicht bei Putin zu entschuldigen?

Das liegt ausserhalb seiner Natur. Erdogan ist nicht der Typ, der sich entschuldigt, sondern einer, der Fehler immer bei jemand anderem sieht. Diese Haltung zeigt sich jetzt auch gegenüber Russland. Erdogan fühlt sich im Recht, er kann in dieser Situation auch psychologisch nicht mehr zurück. Immerhin hat er eingeräumt, dass der Abschuss des russischen Kampfjets ein Fehler gewesen sein könnte. Das ist das Äusserste, was wir von ihm erwarten können.

Mit einem Wladimir Putin springt man so aber nicht um – sehen Sie Parallelen zwischen Putin und Erdogan?

Beide sind eigentlich Autokraten, beide haben ein Sendungsbewusstsein, dass sich zum Teil auch gegen die Umgebung richtet: Die Türkei in der islamischen Welt, Putin in der ehemals russisch-sowjetischen Welt. Allein schon die Körpersprache der beiden ist sehr ähnlich.

Russland ist aber doch der zweitgrösste Handelspartner der Türkei. Wird dieser Streit nicht für beide sehr teuer?

Man hat ja von gewaltigen Steigerungsraten des türkisch-russischen Verhältnisses geträumt, von bis zu 100 Milliarden war da die Rede. Der harte Kern der ökonomischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern sind ja Erdöl und insbesondere Erdgas. Ich glaube nicht, dass man diese Deals antasten wird, auch von russischer Seite nicht.

Und die Sanktionen im türkischen Tourismus? Man rechnet bei den russischen Feriengästen mit einem Einbruch von bis zu 40 Prozent!

Das ist in der Tat schmerzlich. Die Frage ist, ob dies Erdogan so weit beeindrucken wird, dass er sich entschuldigt. Ich denke nicht. Denn für ihn ist es wertvoller, eine starke und grosse Türkei zu repräsentieren und sich gerade auch gegenüber Russland zu behaupten. Das ist ihm mehr wert als ein wirtschaftlicher Einbruch.

Heisst das auch, dass Erdogan die Flüchtlingskrise und die Annäherungen der EU in diesem Moment sehr gelegen kommen?

Ja, das ist wirklich eine irrsinnige Situation. Die EU wird durch die Flüchtlingskrise zu Schritten gedrängt, die sie bis jetzt – mit Blick auf die Beitrittsverhandlungen, aber auch hinsichtlich der sich verschlechternden Menschenrechtslage in der Türkei – bislang vermieden hat. Erdogan kompensiert die Abmachungen mit der EU möglicherweise gegenüber dem Schaden, den das russisch-türkische Verhältnis erlitten hat.

Die EU umgarnt Erdogan, der Kreml bestraft ihn. So will die EU für türkische Bürger Visa-Erleichterungen einführen, Russland aber Visa-Verschärfungen vornehmen. Wie wird das in der Türkei wahrgenommen?

Die Visa-Erleichterungen in der EU sind für türkische Bürger sehr viel wichtiger, die bisherigen Restriktionen waren für die meisten Türken sehr spürbar, immer dann, wenn sie einen Verwandten oder Freunde in Europa besuchen wollten. Die Visa-Frage hat eine hohe psychologische Bedeutung in der türkischen Öffentlichkeit. Wenn es Erdogan gelingt, bei der Visaerleichterung mit der EU einen Punktesieg zu erringen, dann dürfte das seine Stellung in der öffentlichen Wahrnehmung daheim stärken.

Was heisst denn der aktuelle russisch-syrische Streit für den Syrienkrieg?

Putin sucht den Ausgleich mit dem Westen und eher wieder eine Annäherung zur EU. Daran und an einer gemeinsamen Frontstellung gegen den «Islamischen Staat» ist beiden Seiten gelegen. Der Jet-Abschuss der Türken störte da schon sehr.

Die EU als willkommener Helfer – aber hat das Bestand für eine Freundschaft?

Das glaube ich weniger. In der Flüchtlingsfrage wird die EU bald erkennen, dass die Spielräume bei der Verwirklichung dessen, was in Brüssel vereinbart worden ist, sehr gering sind. Erdogan gedenkt seine Kurdenpolitik weiter fortzusetzen. Er hat keine klare Linie, in dieser Frage und auch in der Syrienpolitik.

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