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CoronavirusKann uns das Rückwärts-Tracing retten?

Das Contact-Tracing ist vielerorts am Ende. Ein Infektiologe bringt nun eine Neuausrichtung ins Spiel. Kann das Rückwärts-Tracing den steilen Anstieg der Fallzahlen stoppen?

von
Joel Probst
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Die Contact-Tracer sind wegen der rasant steigenden Fallzahlen vielerorts überlastet.

Die Contact-Tracer sind wegen der rasant steigenden Fallzahlen vielerorts überlastet.

KEYSTONE
Es stellt sich die Frage, wie sich Infizierte trotz Ressourcenproblemen aufspüren lassen.

Es stellt sich die Frage, wie sich Infizierte trotz Ressourcenproblemen aufspüren lassen.

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Philipp Kohler, Infektiologe am Kantonsspital St.Gallen, schlägt dazu eine Neuausrichtung des Contact-Tracings vor.

Philipp Kohler, Infektiologe am Kantonsspital St.Gallen, schlägt dazu eine Neuausrichtung des Contact-Tracings vor.

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Darum gehts

  • Wegen der steigenden Fallzahlen stellt sich die Frage, wie das Contact-Tracing trotz Ressourcenproblemen gewährleistet werden kann.

  • Philipp Kohler, Infektiologe am Kantonsspital St.Gallen, schlägt eine Neuausrichtung zum Rückwärts-Tracing vor.

  • Statt allen Kontaktpersonen eines Infizierten solle primär sein Ansteckungsort ausfindig gemacht werden, um Superspreader-Events zu verhindern.

  • Der Infektiologe Christian Garzoni hält wenig von diesem Vorschlag.

Seit vier Tagen wartet O. E.* auf eine Nachricht vom Zürcher Contact-Tracing – vergeblich. Am Mittwoch liess sich der 21-Jährige bei seinem Hausarzt testen, am Freitag erhielt er das positive Resultat. Doch: «Ich habe nichts vom Contact-Tracing gehört», sagt E. Offiziell Isolation angeordnet wurde bei ihm nicht, trotzdem bleibt er zu Hause. «Die Personen, mit denen ich Kontakt hatte, habe ich selber informiert.»

Dass das Contact-Tracing wie bei E. versagt, ist längst kein Einzelfall mehr: Der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri sagte an der Medienkonferenz am Freitag, dass das System seine Grenzen erreicht habe.

«Es braucht verstärktes Rückwärts-Tracing»

Eine Neuausrichtung des Contact-Tracings sei deshalb dringend zu prüfen, sagt Philipp Kohler, Infektiologe und Oberarzt am Kantonsspital St. Gallen: «Das Tracing ist am Anschlag, weshalb wir uns überlegen müssen, wie sich diese Ressourcen besser einsetzen lassen.» Sein Vorschlag: «Es braucht jetzt ein verstärktes Rückwärts-Tracing.» Dieses könne die Effizienz des Tracings in der «aus dem Ruder gelaufenen epidemiologischen Situation» steigern, so Kohler.

Das Tracing soll neu auf eine Besonderheit des Coronavirus fokussieren: Die meisten Infizierten stecken laut Kohler keine oder nur ganz wenige, eine Minderheit der Infizierten hingegen oft gleich reihenweise Personen an. Diese Superspreader-Events liessen sich gemäss dem Infektiologen – anders als bislang – mittels Rückwärts-Tracing frühzeitig erkennen.

Superspreader-Events statt Kontaktpersonen aufspüren

Angesichts der begrenzten Ressourcen sollten die Contact-Tracer «nicht mehr jeder Kontaktperson nachgehen», findet der Infektiologe. «Statt Kontaktpersonen zu suchen, versucht man, den Ort der Ansteckung aufzuspüren. So lassen sich Superspreader-Events rasch entdecken und die Teilnehmer der Veranstaltung in Quarantäne stecken.» So könne man zahlreiche Übertragungen verhindern.

Dazu müsste man die positiv Getesteten abfragen, wo sich diese sieben Tage vor Symptombeginn aufgehalten haben – ob im Fitness, in einer Bar oder an einer Hochzeit. «Das ist der wahrscheinlichste Zeitpunkt der Infektion.»

Kontakttagebuch als Lösung?

Wichtig für ein zuverlässiges Rückwärts-Tracing sind laut dem Infektiologen verlässliche Daten: «Das Problem ist oft, dass die Leute nicht mehr wissen, was sie vor sieben Tagen gemacht haben.» Ideal wäre laut Kohler, wenn jeder eine Art Kontakttagebuch führen würde. «Wir sollten uns alle Ereignisse, wo wir einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind, notieren oder zumindest merken.» Rückwärts-Tracing ist laut dem Infektiologen durchaus realistisch – sogar mit den bestehenden Strukturen.

Infektiologe Christian Garzoni pflegt einen engen Austausch mit dem Tessiner Contact-Tracing. Er hält wenig von diesem Vorschlag: «Das reguläre Contact-Tracing ist effektiv, man darf es auf keinen Fall vernachlässigen. Das Rückwärts-Tracing wäre höchstens eine gute Ergänzung», sagt Garzoni. Doch es könne das momentane Ressourcenproblem nicht lösen: «Im Moment müssen wir schauen, dass wir überhaupt Contact-Tracing machen können.»

* Name der Redaktion bekannt

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804 Kommentare
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Positiv

29.10.2020, 13:22

Ich bin Corona Positiv. Erst 10 tage später hab ich den Code bekommen. Was nützt es denn

ChinOZ

29.10.2020, 12:08

Schaut Euch doch mal die Erfolge von Australien/Neuseeland/Singapur etc an ... “contact tracing” hält die Zahlen sehr tief und die Wirtschaft läuft in Regionen normal - einfach mal über den Tellerrand schauen

Toll Herr Berset

29.10.2020, 09:31

sie haben viel erreicht im 2020 - im neuen Faschostaat Schweiz: Menschenrechte, Verfassung und Demokratie abgeschafft, alle sozialen und persönlichen Kontakte verboten, Denunziantentum eingeführt, Ausgangssperre, das Ferien und Freizeit unter totaler Kontrolle wenn falls überhaupt noch erlaubt, Maulkorbzwang überall,