Zürich: «Kannibale» testete seinen Therapeuten
Aktualisiert

Zürich«Kannibale» testete seinen Therapeuten

Ein Metzgerlehrling mit kannibalischen Phantasien hat seinen Psychotherapeuten mit erfundenen Geschichten auf die Probe gestellt. Mit massiven Folgen.

von
Attila Szenogrady

«Das war ein völliger Blödsinn», erklärte der heute 21-jährige Angeklagte am Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich. Er erinnerte sich dabei an einen Märztag 2009 zurück. Damals hielt er sich im Rahmen einer Suchtberatung bei seinem Psychotherapeuten auf. Der Grund: Der Metzgerlehrling litt unter kannibalischen Gelüsten und Phantasien.

Dabei kam er auf die Idee, seinen Arzt bezüglich dessen Verschwiegenheit auf die Probe zu stellen. Neben der wahren Lust auf Menschenfleisch erfand er horrende Lügengeschichten und zeigte sich dabei als angeblich skrupelloser Gewalttäter. So erzählte er wahrheitswidrig, dass er über eine ansehnliche Waffensammlung mit Kalaschnikows und Sturmgewehren verfüge. Zudem habe er in Zürich einen Mann so schwer gegen den Kopf geschlagen, dass dieser einen Schädelbruch erlitten habe.

Arzt informierte Untersuchungsbehörden

Schon kurz nach dem Gespräch meldete der Therapeut die vermeintlich erschreckenden Fakten dem Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD), der sogleich die Staatsanwaltschaft unterrichtete. Diese liess den «geistigen Kannibalen» bereits am nächsten Tag festnehmen. Worauf der junge Schweizer wegen Verdachts auf Waffendelikte sowie Körperverletzung 54 Tage in Untersuchungshaft verbrachte.

Irreführung der Rechtspflege

Obwohl die Untersuchungsbehörden feststellen mussten, dass der Patient nur gelogen hatte, erhoben sie im letzten Mai Anklage. Nicht wegen eines Gewaltdeliktes, sondern wegen Irreführung der Rechtspflege.

Vor Gericht legte der vorbestrafte Angeklagte ein Geständnis ab und zeigte Reue. Er wurde für schuldig befunden und anklagegemäss zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 26 Monaten verurteilt.

Allerdings hatte er noch einmal Glück. So schob das Gericht den Strafvollzug zugunsten einer Psychotherapie auf.

Zum Schluss hielt das Gericht klipp und klar fest, dass der Therapeut im Hinblick auf das Arztgeheimnis richtig gehandelt habe. So seien Mediziner dazu angehalten, schwere Straftaten den zuständigen Behörden zu melden, sagte die Gerichtsvorsitzende.

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