Ab 30 nur Moderna – Kanton Aargau vergrault Boosterwillige mit Sonderregelung

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Ab 30 nur Moderna Kanton Aargau vergrault Boosterwillige mit Sonderregelung

Der Kanton Aargau impft Personen über 30 Jahre nur noch mit Moderna. Weil einige das nicht wollen, blasen sie ihre Impftermine ab. Gesundheitspolitiker sind empört und fordern freie Impfstoff-Wahl.

von
Christina Pirskanen
Daniel Graf
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In Impfzentren im Aargau herrscht Verwirrung: Der Kanton verimpft bei über 30-Jährigen nur noch den Moderna-Impfstoff. Mehrere Impfwillige sagen deswegen nun ihren Impftermin ab.

In Impfzentren im Aargau herrscht Verwirrung: Der Kanton verimpft bei über 30-Jährigen nur noch den Moderna-Impfstoff. Mehrere Impfwillige sagen deswegen nun ihren Impftermin ab.

20min/Celia Nogler
«Der Entscheid, für Personen über 30 Jahre den Moderna-Impfstoff zu verwenden, erleichtert die Planung und Koordination der Impfstofflieferung an die neun Impfzentren», sagt Michel Hassler, Mediensprecher des Departements für Gesundheit und Soziales.

«Der Entscheid, für Personen über 30 Jahre den Moderna-Impfstoff zu verwenden, erleichtert die Planung und Koordination der Impfstofflieferung an die neun Impfzentren», sagt Michel Hassler, Mediensprecher des Departements für Gesundheit und Soziales.

20min/Simon Glauser
In Zürich, Bern und Basel-Stadt ist die freie Wahl des Impfstoffs problemlos möglich. Gemäss einer BAG-Sprecherin besteht prinzipiell aber keine Wahlfreiheit.

In Zürich, Bern und Basel-Stadt ist die freie Wahl des Impfstoffs problemlos möglich. Gemäss einer BAG-Sprecherin besteht prinzipiell aber keine Wahlfreiheit.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Der Kanton Aargau unterscheidet bei der Verfügbarkeit von Impfstoffen neu klar in den Alterskategorien: Unter 30-Jährige erhalten Pfizer/Biontech; alle anderen Moderna.

  • Der Kanton begründet die Entscheidung mit einer erleichterten Planung und Koordination.

  • Unsicherheiten und Misstrauen gegenüber dem Moderna-Impfstoff führen dazu, dass Impfwillige über 30 nun ihren Impftermin absagen.

  • Für Politikerinnen und Politiker ist das Vorgehen schwer nachvollziehbar.

Egal, ob Erstimpfung oder Booster und unabhängig davon, welchen Impfstoff man schon erhalten hat: Im Kanton Aargau erhalten Personen über 30 nur noch den Impfstoff des US-Unternehmens Moderna. Das bestätigt das Gesundheitsdepartement des Kantons auf Anfrage.

In den Impfzentren führt das zu Verwirrung. Wie 20 Minuten weiss, haben mehrere Impfwillige ihren Booster-Termin abgebrochen, nachdem sie erfahren hatten, dass sie sich nur mit Moderna impfen lassen können. Dass dieser Impfstoff für unter 30-Jährige nicht mehr empfohlen wird, hat auch bei älteren Personen Misstrauen geschürt.

Ausserdem werden über 30-Jährige, die zuvor die Pfizer-Impfung erhalten haben, durch das Vorgehen des Kantons zu einer Kreuzimpfung gezwungen. Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (EKIF) sieht zwar eine Kreuzimpfung als Möglichkeit vor, diese wird jedoch weiterhin als «Off-Label» eingestuft (siehe Box).

Kantone gehen unterschiedlich vor

Der Grund für das Vorgehen der Aargauer Behörden ist unklar: «Der Entscheid, für Personen über 30 Jahre den Moderna-Impfstoff zu verwenden, erleichtert die Planung und Koordination der Impfstofflieferung an die neun Impfzentren», sagt Michel Hassler, Mediensprecher des Departements für Gesundheit und Soziales.

Auf die Frage, ob genügend Pfizer-Impfstoff vorhanden sei, um alle, die das wollen, damit zu impfen, antwortet er ausweichend: «Der Kanton hat genügend Impfdosen für alle, die sich impfen lassen wollen.»

Gemäss einer BAG-Sprecherin besteht prinzipiell keine Wahlfreiheit bei den Impfstoffen – die Kantone könnten das aber selbst regeln; ausreichend Dosen von beiden Impfstoffen seien vorhanden. In Zürich, Bern und Basel-Stadt ist die freie Wahl des Impfstoffs etwa problemlos möglich.

Gesundheitspolitiker kritisieren aargauisches Vorgehen

Mitte-Nationalrätin Ruth Humbel kennt die Gründe für das Vorgehen des Kantons Aargau nicht: «Doch wenn von beiden mRNA-Impfstoffen ausreichend vorhanden ist, müssen die Leute beim Boostern die freie Wahl haben. Wir wissen, dass der Booster bei beiden Impfstoffen den Schutz stark erhöht. Wichtig ist, dass die Leute sich boostern lassen.»

«Es wäre am Besten, man würde den Leuten eine Empfehlung mit Begründung abgeben und sie dann selbst wählen lassen, solange es keine Impfdosen-Knappheit gibt», sagt auch FDP-Nationalrat Marcel Dobler. Es sei schade, wenn sich Leute nicht impfen lassen, nur weil der gewünschte Impfstoff verweigert werde.

Auch Mitte-Nationalrat Lorenz Hess kann die Regelung im Kanton Aargau nicht nachvollziehen: «Ich sehe die Logik dahinter nicht, nur noch Moderna zu verimpfen.» Er sei skeptisch gegenüber Sondermassnahmen in einzelnen Kantonen: «Jeder Alleingang eines Kantons führt zu Verunsicherung – und das führt zu tieferen Impf- und Boosterquoten.»

So steht es um Kreuzimpfungen in der Schweiz

Weil Swissmedic keine Anträge auf Zulassung einer Kreuzimpfung vorliegen, erfolgen diese «Off-Label». Zuständig ist laut Swissmedic die EKIF, welche für ihre Entscheide auch Daten aus Studien, die nicht von den Herstellern durchgeführt worden sind, sowie Entscheide aus anderen Ländern und die epidemiologische Lage berücksichtigen könne. Die EKIF hat Ende November vergangenen Jahres die Empfehlung für die beiden mRNA-Vakzine angepasst. Neu sollte unter 30-Jährigen präferenziell der Impfstoff von Pfizer/Biontech verimpft werden. Die Änderung erfolgte aufgrund neuer Daten zu Meldungen von Herzmuskelentzündungen nach einer Moderna-Impfung. Somit musste die EKIF auch eine Kreuzimpfung erlauben.

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