Verbier: Kanton und BAG schieben sich nach Briten-Abgang Verantwortung zu
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VerbierKanton und BAG schieben sich nach Briten-Abgang Verantwortung zu

Der Fall Verbier sorgt europaweit für Schlagzeilen. Offen ist, ob die nächtliche Abreise britischer Touristen für diese ein Nachspiel hat.

von
Daniel Waldmeier
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In Verbier gilt seit letztem Montag für britische Gäste eine strikte Quarantäneregelung. 

In Verbier gilt seit letztem Montag für britische Gäste eine strikte Quarantäneregelung.

AFP
«Hoteliers, Verkehrsbüros, Wohnungsvermieter – sie alle wurden angeschrieben», sagt der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay.

«Hoteliers, Verkehrsbüros, Wohnungsvermieter – sie alle wurden angeschrieben», sagt der Walliser Staatsrat Christophe Darbellay.

Aus Verbier ist die Hälfte der britischen Skitouristen spurlos verschwunden.

Aus Verbier ist die Hälfte der britischen Skitouristen spurlos verschwunden.

imago images/IP3press

Darum gehts

  • «Man müsste lachen, wenn es nicht tragisch wäre», sagt eine Grünen-Politikerin zum Quarantänechaos in Verbier.

  • Sie verlangt, dass die Behörden mehr Personal einstellen.

  • Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sieht die Kantone in der Pflicht: «Es liegt in der Kompetenz der Kantone, die Quarantäne durchzusetzen», so ein Sprecher.

Hunderte britische Touristen sind bereits aus Verbier VS abgereist – obwohl sie laut der «SonntagsZeitung» in Quarantäne sein müssten. Mit der zehntägigen Quarantäne für Einreisende aus Grossbritannien wollte der Bundesrat die Ausbreitung der offenbar ansteckenderen Virusvariante verhindern, die in England auf dem Vormarsch ist.

Während der Fall Verbier in halb Europa für Schlagzeilen und für Spott in den sozialen Medien sorgt, schieben sich der Bund und der Kanton Wallis gegenseitig die Schuld in die Schuhe. So sagte der Walliser Regierungspräsident Christophe Darbellay, das Bundesamt für Gesundheit (BAG) habe die Liste der Passagierdaten der Grossbritannien-Flüge zu spät geliefert. «Das hat unsere Arbeit unnötig erschwert.» Eine lückenlose Kontrolle sei schlicht unmöglich. Der Kanton habe aber alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Quarantänevorschriften durchzusetzen.

«Kompetenz der Kantone»

Das BAG sieht dagegen den Kanton in der Verantwortung. «Es liegt in der Kompetenz der Kantone, die Quarantäne durchzusetzen», sagt Sprecher Grégoire Gogniat. Sollten sich die betroffenen Personen der Quarantäne entzogen haben, sei dies nicht akzeptabel. Auch den Vorwurf, bei den Passagierdaten getrödelt zu haben, weist das BAG zurück. Noch am 21. Dezember – an diesem Tag erliess der Bundesrat die Quarantänevorschrift – habe das Bundesamt erste Daten von Flugpassagieren aus Grossbritannien und Südafrika an den Kanton Wallis geliefert. Die letzte Übermittlung datiere vom 24. Dezember.

Gogniat erinnert daran, dass die Kantone bei Verstössen Bussen von bis zu 10’000 Franken aussprechen können, wenn sich eine Person nicht bei den Behörden meldet oder die Quarantänevorschriften bricht. Ob die nächtliche Abreise für die Briten ein Nachspiel hat, ist unklar. Die Kantonspolizei Wallis mache stichprobenartige Kontrollen, sagt Sprecher Christian Zuber. Angedroht sind – im Einklang mit einer Empfehlung der Schweizerischen Staatsanwälte-Konferenz – Bussen bis 1500 Franken. Bilanz ziehe man nach Ablauf der Quarantänefrist Ende Jahr.

«Wir haben kein System wie in China»

Das Quarantänechaos von Verbier schreckt die Politik auf. «Man müsste lachen, wenn es nicht tragisch wäre», sagt etwa Grünen-Nationalrätin und Gewerkschafterin Katharina Prelicz-Huber. Für sie sorgen diverse Kantone zu wenig vor: «Leider haben es einige Kantone verpasst, seit Frühling aufzustocken. Gerade weil sich das mutierte Virus ausbreiten könnte, müssen Bund und Kantone endlich eine schlagkräftige Organisation für solche Fälle aufbauen.» Es brauche mehr Personal, auf das bei Bedarf zurückgegriffen werden könne: «Persönliche Hausbesuche bringen mehr als die Androhung drakonischer Bussen.»

Laut Ruth Humbel, CVP-Nationalrätin und Präsidentin der Gesundheitskommission, musste der Bundesrat «Knall auf Fall entscheiden». Dabei habe er nicht in Szenarien gedacht. Die Reaktion der britischen Gäste sei menschlich: «Stellen Sie sich vor, Sie sind mit der Familie in den Ferien und müssen zehn Tage in einem Hotelzimmer verbringen, ohne an die frische Luft zu gehen.» Hätte man zumindest Spaziergänge erlaubt, wäre der Anreiz, zu verschwinden, weniger gross gewesen, so Humbel.

Die Kantone könnten nicht viel mehr tun, als Stichproben vorzunehmen. «Wir haben kein System wie in China. In einer Diktatur kann die Pandemie mit einer totalen Überwachung besiegt werden. Bei uns müssen die Bürger freiwillig den Anordnungen der Behörden folgen.» Die Akzeptanz der Quarantäne könnte laut Humbel durch eine Verkürzung der Quarantäne gesteigert werden. «Liegt nach fünf bis sieben Tagen ein negativer Test vor, könnte man sie frühzeitig beenden.»

Taskforce verlangt Massnahmen

Am Sonntagabend meldete das Bundesamt für Gesundheit erstmals den Nachweis der südafrikanischen Corona-Mutation in der Schweiz. Betroffen sind zwei voneinander unabhängige Fälle. Die Variante soll wie die britische infektiöser sein. Der Berner Epidemiologe Christian Althaus schrieb kürzlich auf Twitter, es sei anzunehmen, dass sich die neue Variante in den nächsten Wochen in der Schweiz auszubreiten beginne.

Die wissenschaftliche Covid-Taskforce des Bundes warnt in einer Stellungnahme, dass es die Ausbreitung einer ansteckenderen Corona-Variante schwieriger machen würde, die Epidemie in der Schweiz zu kontrollieren. Um die Ausbreitung zu verhindern oder zu verlangsamen, verlangt die Taskforce unter anderem einen umgehenden Ausbau der kantonalen Test- und Tracing-Kapazitäten sowie eine konsequente Umsetzung von Quarantäneregelungen.

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