Corona-Impfung – Zu viele Impftermine für zu wenig Impfwillige
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Angebot übersteigt NachfrageKantone bleiben auf Impfterminen sitzen

Der Kanton Basel-Stadt wünscht sich mehr Impfwillige. Auch im Thurgau sind noch Termine offen. Lässt die Bereitschaft nach, stehe die Impfstrategie auf dem Spiel, sagt ein Infektiologe.

von
Bettina Zanni
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In einigen Kantonen halten sich die Bewohnerinnen und Bewohner beim Impfen zurück.

In einigen Kantonen halten sich die Bewohnerinnen und Bewohner beim Impfen zurück.

20min/Simon Glauser
Bereits über sechs Millionen Impfdosen hat die Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus bisher erhalten.

Bereits über sechs Millionen Impfdosen hat die Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus bisher erhalten.

20min/Marco Zangger
Der Kanton Basel-Stadt meldet auf Anfrage bei der Bevölkerung ab 16 Jahren eine Impfbereitschaft von aktuell rund 60 Prozent.

Der Kanton Basel-Stadt meldet auf Anfrage bei der Bevölkerung ab 16 Jahren eine Impfbereitschaft von aktuell rund 60 Prozent.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • In einigen Kantonen übersteigt das Angebot an Impfstoff die Nachfrage.

  • Der Bund strebt eine Herdenimmunität von 80 Prozent der Bevölkerung an.

  • «Lässt die Impfbereitschaft in einzelnen Kantonen nach, besteht durch neue Varianten ein grosses Risiko, dass die gesamte Impfstrategie zunichte gemacht wird», sagt Infektiologe Andreas Widmer.

Bereits über sechs Millionen Impfdosen hat die Schweiz im Kampf gegen das Coronavirus bisher erhalten. Auch im Juni und Juli sollten zusätzlich grosse Lieferungen eintreffen. Bereits zweimal geimpft sind rund 1,9 Millionen Personen. In einigen Kantonen zeigt sich inzwischen jedoch, dass das Angebot an Impfstoff die Nachfrage übersteigt.

Der Kanton Basel-Stadt meldet auf Anfrage bei der Bevölkerung ab 16 Jahren eine Impfbereitschaft von aktuell rund 60 Prozent. «Wünschenswert wäre eine Impfbereitschaft von 70 bis 80 Prozent», sagt Anne Tschudin, Sprecherin des Gesundheitsdepartements. Anzunehmen sei, dass einige Einwohnerinnen und Einwohner zuerst noch abwarten wollten, wie die Impfung bei den bereits geimpften Personen wirke. «Unter den noch nicht Geimpften könnten zudem auch Impf-Skeptiker sein.»

Nachfrage nehme ab

Auch im Kanton Thurgau gibt es Lücken. Kürzlich rief die Staatskanzlei die Bevölkerung zum Impfen auf. Im Impfzentrum Weinfelden etwa «besteht die Warteliste nur noch aus relativ wenigen Personen». Der Fachstab Pandemie appellierte deshalb, sich zügig anzumelden.

Die Nachfrage nach Impfterminen nehme ab, sagt Miriam Hetzel, Sprecherin der Thurgauer Staatskanzlei, auf Anfrage. Die Schwelle, dass mehr Dosen als Impfwillige verfügbar sind, könne bald erreicht sein, so Hetzel. Freie Termine seien jedoch nur bedingt ein Gradmesser für die Impfbereitschaft. «Auch eine Reihe anderer Faktoren zum Beispiel die Kapazitäten in den Impfzentren oder die Impfstoffverfügbarkeit können hier eine Rolle spielen.»

Schweizweit sank die Impfbereitschaft in der Bevölkerung in der letzten Maiwoche etwas. Dem Monitoring «Covid Norms» der Universität Zürich zufolge lehnten rund 18 Prozent die Impfung ab – etwa sieben Prozent mehr als in der Vorwoche.

Grosses Risiko von zunichte gemachter Impfstrategie

Der Bund strebt im Kampf gegen das Coronavirus und die Mutationen eine Herdenimmunität von 80 Prozent der Bevölkerung an. Andreas Widmer, Präsident des nationalen Zentrums für Infektionsprävention Swissnoso, bereitet die aktuelle Zurückhaltung vor dem Piks Sorgen. «Lässt die Impfbereitschaft in einzelnen Kantonen nach, besteht durch neue Varianten ein grosses Risiko, dass die gesamte Impfstrategie zunichte gemacht wird.»

Je länger ein Virus zirkuliere, desto stärker sei die Herdenimmunität gefährdet, sagt Widmer. «In einer Pandemie muss man dem Virus mit einem Schlag – der Impfung – begegnen.» Damit sich die indische Mutation in der Schweiz nicht ausbreiten könne, sei eine hohe Impfbereitschaft umso wichtiger.

Konsequenzen gefordert

Um mehr Menschen für eine Impfung zu motivieren, fordert der Infektiologe, «jetzt aktuell die vom BAG verfügten Erleichterungen an die grosse Glocke» zu hängen und Einschränkungen für Nicht-Impfwillige weiter vorzuschreiben. «Wer sich nicht impfen lassen will, bleibt in der Schweiz oder muss sich wie bisher vor Abflug einem PCR-Test unterziehen und allenfalls weitere Massnahmen wie Quarantäne befolgen.»

Fluggesellschaften sieht er in der Pflicht, nicht geimpfte Passagiere auszuschliessen oder von ihnen für mindestens ein weiteres Jahr einen PCR-Test zu verlangen. «Schliesslich stirbt das Virus nur aus, wenn es sich nicht rasch wieder irgendwo einnisten kann.» Ohne breite Impfungen laufe die Schweiz Gefahr, wegen einem Prozentsatz von Nicht-Impfwilligen die Pandemie in die Jahre 2023 bis 2025 zu verlängern.

Bereitschaft sei gestiegen

Verschärfte Massnahmen sind jedoch auch bei einer tiefen Impfbereitschaft ausgeschlossen (siehe Box). Derweil sieht das Bundesamt für Gesundheit (BAG) keinen Anlass zur Sorge. Gemäss verschiedenen Studien sei die Bereitschaft in den letzten Monaten gestiegen, sagt BAG-Sprecherin Masha Foursova. Je nach Studie gäben zwischen 50 und 75 Prozent der Teilnehmenden an, sich impfen lassen zu wollen. 15 bis 20 Prozent entschieden sich dagegen.

«Wie gross die Impfbereitschaft in der Schweiz schlussendlich sein wird, ist noch nicht bekannt», sagt Foursova. Gemäss der Angaben des BAG sei heute die Tendenz weiter steigend. «Aber es wird immer Menschen geben, die sich gegen eine Impfung entscheiden.»

Lockerungen trotz tiefer Impfbereitschaft

Das Drei-Phasen-Modell des Bundesrats hält fest, dass in der Normalisierungsphase keine starken gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen mehr zu rechtfertigen sind. Die verbleibenden Massnahmen wie Zugangs- und Kapazitätsbeschränkungen sollten auch schrittweise aufgehoben werden, wenn die Impfbereitschaft der Bevölkerung entgegen der Erwartungen tief bleibe.

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