Covid-19 im Herbst: Kantone sind besorgt, dass zweite Boosterimpfung zu spät kommt
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Covid-19 im HerbstKantone sind besorgt, dass zweite Boosterimpfung zu spät kommt

Experten befürchten im Herbst eine weitere Covid-Welle. Kantone und Politiker kritisieren, dass der Bundesrat sich nicht ausreichend darauf vorbereite und Gefahr laufe, erneut überrascht zu werden.

von
Daniel Graf
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In der Schweiz gibt es derzeit keine Empfehlung für eine zweite Boosterimpfung gegen Corona. 

In der Schweiz gibt es derzeit keine Empfehlung für eine zweite Boosterimpfung gegen Corona. 

20min/Simon Glauser
Anders in Deutschland oder Österreich, wo zumindest die Risikogruppen bereits zum vierten Mal geimpft werden. 

Anders in Deutschland oder Österreich, wo zumindest die Risikogruppen bereits zum vierten Mal geimpft werden. 

20min/Michael Scherrer
Chef über Impffragen ist in der Schweiz Christoph Berger. Seine Ekif verfolgen die Entwicklungen und Daten gemeinsam mit dem BAG laufend. Eine Empfehlung gibt es derzeit nicht. 

Chef über Impffragen ist in der Schweiz Christoph Berger. Seine Ekif verfolgen die Entwicklungen und Daten gemeinsam mit dem BAG laufend. Eine Empfehlung gibt es derzeit nicht. 

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Auch wenn Corona in der Schweiz derzeit kaum ein Thema ist, fürchten Expertinnen und Experten im Herbst eine weitere Welle. 

  • Während Nachbarländer bereits den zweiten Booster verimpfen, gibt es in der Schweiz dafür noch keine Empfehlung. 

  • Das stösst auf Kritik: Anstatt sich jetzt auf den Lorbeeren auszuruhen, müsse der Bund Empfehlungen für die vierte Impfung erarbeiten. 

Keine Masken, keine täglichen Fallzahlen, kaum Tote: Für viele ist Corona seit Beendigung der Massnahmen kaum mehr ein Thema. Experten sind sich aber einig, dass im Herbst mit einer weiteren Welle gerechnet werden muss. In Südafrika baut sich eine rapide Omikron-Welle auf, die neuen Subtypen sind auch in Europa angekommen.

Andere Länder geben deshalb beim Impfen wieder Gas: In Österreich wird eine vierte Impfung für über 80-Jährige und über 65-Jährige mit Vorerkrankungen empfohlen. Die Impfkommission in Deutschland warnte kürzlich davor, auf an die Omikron-Variante angepasste Impfstoffe zu warten und fordert Risikogruppen auf, sich rasch die vierte Impfung geben zu lassen.

Vierte Impfung laut Impf-Chef derzeit nicht nötig

Nicht so in der Schweiz: Hier gibt es noch keine Empfehlung für eine vierte Impfung. Laut Christoph Berger, Chef der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), gebe es dazu derzeit keine Evidenz. BAG und Ekif hätten verschiedene Szenarien entwickelt und verfolgten die Entwicklungen und Daten laufend.

Die Verantwortung liegt bei den Kantonen. Aufgrund der rasch sinkenden Nachfrage nach Impfungen wurden die Kapazitäten vielerorts eingefroren. Hochgefahren werden sie laut einer Umfrage von 20 Minuten bei rund 15 Kantonen erst wieder, wenn die Empfehlung der Ekif da ist. Danach dauere es je nach Kanton zwischen einigen Tagen und mehreren Wochen, bis wieder im Akkord geimpft werden kann.

«Besorgt, dass Empfehlung zu spät kommt»

Lukas Engelberger, Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektorenkonferenz, kritisiert die zögerliche Haltung: «Wir sind besorgt, ob BAG und Ekif früh genug erkennen, wenn die Immunität zurückgeht und ein zweiter Booster für Risikogruppen sinnvoll wäre.» Dass Ekif-Präsident Christoph Berger sagt, dazu gebe es derzeit keine wissenschaftliche Grundlage, sei zu akzeptieren. Aber: «Es ist im Interesse aller, dass die Empfehlung nicht zu spät kommt, für die Bevölkerung in den nächsten Wochen Klarheit herrscht und diejenigen, die das wollen, bald einen zweiten Booster bekommen.»

Im Herbst werde dann die Frage nach den für Omikron angepassten Booster-Impfstoffen dazu kommen. «Das Impfen wird Sache der Kantone sein. Doch auch hier braucht es rechtzeitig eine Empfehlung, damit die Kantone die Impfkapazitäten erhöhen und die Impfkampagnen rechtzeitig ins Rollen bringen können.» Engelberger habe ausserdem den Eindruck, dass der Bund sich nicht mehr in der Rolle sehe, Massnahmen wie eine Maskenpflicht zu ergreifen. «Das ist nicht sachgerecht. Sollte die Situation sich schweizweit wieder verschlimmern, ist es am sinnvollsten, wenn der Bund Massnahmen erlässt.»

«Dürfen nicht erneut hinterher hinken»

Mitte-Gesundheitspolitikerin Ruth Humbel schliesst sich Engelbergers Kritik an: «Der Bund muss sich auf das Szenario einer weiteren schweren Welle im Herbst vorbereiten. Die Schweiz hinkte beim Boostern letzten Herbst hinterher, weil wir schlecht vorbereitet waren. Das darf nicht erneut passieren.»

Die Frage, wer wann die vierte Impfung erhalten soll, müsse jetzt angegangen werden. «Kommt es zu einer weiteren Welle, müssen Impfstoff und -kapazitäten bereit sein.» Die Vorbereitungen dafür müssten jetzt zügig angegangen werden: «Mit der Zulassung durch Swissmedic kann es plötzlich schnell gehen, wie die Erfahrung gezeigt hat. Dann müssen wir unverzüglich mit der vierten Impfung loslegen können.»

Auch Gesundheitsberater Andreas Faller kann die Haltung des Bundes nicht nachvollziehen: «Ich habe den Eindruck, beim BAG ist man zufrieden, dass die Pandemie abgeklungen ist und verwaltet den Ist-Zustand, anstatt sich auf eine mögliche weitere Welle im Herbst vorzubereiten.» Faller fordert, dass die Fehler aus vergangenen Wellen sauber analysiert und Lehren gezogen werden. «Zudem hielte ich eine Antikörper-Studie für sinnvoll, um abschätzen zu können, wie sich die Immunität der Bevölkerung gegen das Coronavirus entwickelt hat und daraus eine Prognose für den Herbst abzuleiten.»

Das BAG verweist bezüglich Impffragen auf Anfrage an die Ekif.

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