Aktualisiert 18.12.2008 17:57

VerurteiltKantonspolizist schlug Kindergärtnerin zu Boden

Zuerst überfuhr der Kantonspolizist beinahe eine Kinderhort-Gruppe. Dann warf er die Kleinkindererzieherin zu Boden. Jetzt hat ihn das Gericht verurteilt.

von
Attila Szenogrady

Ein Richter hat einen 63-jährigen Zürcher Kantonspolizisten wegen Tätlichkeiten gegen eine Kleinkindererzieherin zu einer Busse von 300 Franken verurteilt. Ein nicht alltäglicher Entscheid, da die Staatsanwaltschaft einen Freispruch für den Ordnungshüter verlangt hatte.

Der Vorfall

Der Vorfall geschah am Nachmittag des 19. März 2007. Damals wollte eine Kinderhortgruppe an der Heinrichstrasse in Zürich die Strassenseite wechseln. Eine Autolenkerin hielt an. Im Gegensatz zu zwei weiteren Autohaltern, die auf der zweiten Spur knapp an den Kindern vorbeifuhren. Beim zweiten Verkehrssünder handelte es sich ausgerechnet um einen Feldweibel der Kantonspolizei Zürich.

Pädagogin zu Boden geschlagen

Klar ist, dass ein Pädagoge der gefährdeten Kinder dem Polizisten den gestreckten Mittelfinger zeigte. Dies brachte den Polizeibeamten, der privat unterwegs war, derart auf, dass er seinen Wagen verliess und die Gruppe zur Rede stellte. Eine heute 33-jährige Kleinkindererzieherin stellte sich darauf zwischen die Kinder und den Angeklagten. Unbestritten ist, dass es nach verbalen Beschimpfungen zu Tätlichkeiten kam. Dabei versetzte der Beamte der Geschädigten einen Stoss gegen die Brust, worauf sie nach hinten stolperte und dabei zwei Kinder zu Fall brachte. Die Pädagogin zog sich dabei eine Brustbeinprellung zu.

Polizist bereits als Verkehrssünder verurteilt

Die Auseinandersetzung zog mehrere Strafverfahren nach sich; auch gegen den heute 63-jährigen Polizeibeamten, dem ein grobes Verkehrsdelikt, Tätlichkeiten und falsche Anschuldigung angelastet wurden. Die Verkehrssünde gestand der Polizist ein. Er wurde bereits vor einem Jahr wegen grober Verletzung von Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 130 Franken sowie zu einer Busse von 1000 Franken verurteilt. Bei den restlichen Vorwürfen stellte die zuständige Staatsanwältin Judith Vogel die Vorwürfe ein.

Trotz Anklage Freispruch verlangt

Die Geschädigte legte Rekurs gegen die Einstellungsverfügung ein — zum Teil mit Erfolg. So befand das Zürcher Obergericht im letzten April, die Staatsanwaltschaft solle wegen der Tätlichkeiten des Polizeibeamten doch noch Anklage erheben. Dies befolgte die Staatsanwältin denn auch; wobei sie jedoch ihren stillen Protest darin zum Ausdruck brachte, dass sie zwar eine Anklageschrift erstellte, aber einen vollen Freispruch verlangte.

Polizist auch wegen Tätlichkeiten verurteilt

Wer die Ansicht vertritt, dass Zürcher Gerichte fast immer polizeifreundlich urteilen, hat sich in diesem Fall gründlich geirrt. So hat der zuständige Einzelrichter den nicht geständigen Polizeibeamten in einem am Donnerstag eröffneten Urteil der Tätlichkeiten für schuldig befunden und zu einer Busse von 300 Franken verurteilt. Dies als Zusatzstrafe zum bereits rechtskräftigen Strafbefehl.

Das Gericht nahm dem Polizeibeamten eine Notwehrreaktion nicht ab und ging von einem erwiesenen Fauststoss in den Brustbereich der Geschädigten aus; nicht zuletzt aufgrund eines ärztlichen Zeugnisses.

Verschulden wiegt nicht allzu schwer

In seinem schriftlich begründeten Entscheid stufte das Gericht das Verschulden des Polizeibeamten als nicht allzu schwer ein und würdigte sein Verhalten als Kurzschlussreaktion. Aus diesem Grund lehnte der Richter ein Genugtuungsbegehren der Kleinkindererzieherin infolge Geringfügigkeit der Verletzung ab. Allerdings soll der verurteilte Kantonspolizist nicht nur die Gerichtsgebühr von 1000 Franken tragen — er muss der Gegenseite zudem eine ansehnliche Prozessentschädigung von rund 6620 Franken bezahlen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.