Grosse Erschöpfung - Erschöpftes Pflegepersonal hat Angst, in neuer Corona-Welle unterzugehen
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Grosse ErschöpfungErschöpftes Pflegepersonal hat Angst, in neuer Corona-Welle unterzugehen

Das Spitalpersonal hat sich von der Pandemie noch nicht erholt. Teams befürchten im Fall einer weiteren Krise Massenabgänge.

von
Bettina Zanni
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«Wir fragen uns, wie wir eine weitere Welle noch stemmen können, ohne dass alle Mitarbeitenden davonlaufen», sagt Pflegefachfrau Sarah Rimann.

«Wir fragen uns, wie wir eine weitere Welle noch stemmen können, ohne dass alle Mitarbeitenden davonlaufen», sagt Pflegefachfrau Sarah Rimann.

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Inzwischen haben sich die Betten mit Covid-Patienten geleert – erholt hat sich das Personal aber nicht.

Inzwischen haben sich die Betten mit Covid-Patienten geleert – erholt hat sich das Personal aber nicht.

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«Auch am USZ ist die Ermüdung und Erschöpfung der Mitarbeitenden in der Pflege zunehmend spürbar», sagt Martina Pletscher, Mediensprecherin des Universitätsspitals Zürich (USZ).

«Auch am USZ ist die Ermüdung und Erschöpfung der Mitarbeitenden in der Pflege zunehmend spürbar», sagt Martina Pletscher, Mediensprecherin des Universitätsspitals Zürich (USZ).

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Spitäler berichten von müdem und erschöpftem Personal.

  • «Wir fragen uns, wie wir eine weitere Welle noch stemmen können, ohne dass alle Mitarbeitenden davonlaufen», sagt eine Pflegefachfrau.

  • Je länger sich die Situation des Pflegepersonals nicht verbessere, desto länger bestehe das Problem, die Versorgungssicherheit nicht mehr voll gewährleisten zu können, sagt eine Gewerkschafterin.

Volle Covid-Stationen und Intensivplätze brachten das Spitalpersonal in der zweiten Welle ans Limit. «Auf den Stationen ist es sehr hektisch. Man kann nicht mehr, es verträgt nicht mehr viel», sagte etwa Pflegefachfrau E.U.* (25) im Oktober. Inzwischen haben sich die Betten mit Covid-Patienten geleert – erholt hat sich das Personal aber nicht.

Kürzlich versammelten sich Mitarbeitende des Unispitals des Kantons Waadt (CHUV) zu einem Spitalstreik. «Genug ist genug. Wir sind ausgepowert, uns hilft niemand, darum streiken wir heute», sagte eine Pflegefachfrau zum Tages-Anzeiger. Auf bis zu 25 Prozent beläuft sich dort laut dem Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) die Abwesenheitsquote in manchen Abteilungen. Auch Mitarbeitende anderer Spitäler sind nach wie vor erschöpft.

«Sie machen nur noch das Minimum»

«Zwischen Oktober und Dezember häufte ich 60 Stunden Überzeit an», sagt Sarah Rimann (36), Pflegefachfrau im Spitalzentrum Biel. Dank ihres 50-Prozent-Pensums reiche die Energie noch. Kolleginnen und Kollegen mit höheren Pensen seien hingegen ausgelaugt. «Sie machen nur noch das Minimum, sind gereizter und brauchen zwischen Schichtwechseln immer längere Erholungszeiten.» Dies führe dazu, dass Mitarbeitende oft ausfielen.

Die Abteilungen kämpfen laut Rimann aber auch mit Engpässen, weil der Stress viele Berufseinsteiger abschreckt. «Seit November haben bei uns 15 Neudiplomierte angefangen. Bis auf drei davon sind alle nach vier bis fünf Wochen oder früher gegangen, da sie völlig überfordert waren.

Tausende Stellen seien unbesetzt

Auch Elvira Wiegers, Zentralsekretärin Gesundheit des VPOD, sagt: «Das Gesundheitspersonal läuft auf dem Zahnfleisch, seit sehr lange.» Tausende Stellen seien unbesetzt. Der Personalmangel führe regelmässig zu Schliessungen von Betten, ganzen Abteilungen oder Standorten.

Spitäler bestätigen auf Anfrage, dass sich das Personal noch nicht erholt hat. «Auch am USZ ist die Ermüdung und Erschöpfung der Mitarbeitenden in der Pflege zunehmend spürbar. Die Sorge um die Mitarbeitenden ist deshalb zentral, und es werden alle Möglichkeiten ausgeschöpft, sie zu entlasten», sagt Martina Pletscher, Mediensprecherin des Universitätsspitals Zürich (USZ).

«Fragen uns, wie wir eine weitere Welle stemmen können»

Die Pandemie fordert laut Pletscher vor allem Pflege und Ärzteschaft seit gut eineinhalb Jahren immens. Die Pflege begegne dieser Herausforderung mit grossem Engagement. «Eine solche anhaltende überdurchschnittliche Belastung kann aber nicht beliebig lange aufrecht erhalten bleiben.»

Ähnlich klingt es aus dem Spital Schwyz. «Das gesamte Personal ist aktuell eher müde, sei es von der Anspannung oder der intensiven Arbeit», sagt Mediensprecherin Nirmala Arthen. Eine intensive gemeinsame Aufarbeitung der Zeit zeige bereits jetzt einen positiven Effekt auf die Mitarbeiter.

Epidemiologen schliessen wegen der Delta-Variante eine weitere Corona-Welle sowie eine Grippe-Epidemie im kommenden Herbst nicht aus. Ihr Spital rechne mit einer weiteren Flut an Covid-Patienten, was beim Personal Angst auslöse, sagt Sarah Rimann. «Wir fragen uns, wie wir eine weitere Welle noch stemmen können, ohne dass alle Mitarbeitenden davonlaufen.»

Verbände fordern bessere Bedingungen

Mit der Pandemie erhält die Pflegeinitiative (siehe Box) des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK) neue Brisanz. Die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sei ein länger andauernder Prozess, das verstehe das Personal, sagt Elvira Wiegers. «Was es aber jetzt unbedingt braucht, ist die Zusicherung, dass die seit Langem bestehenden Probleme endlich verbindlich angegangen werden.»

Die Frage laute nicht, was passiere, wenn sich nichts ändere, sondern, wie schnell sich etwas ändern werde, sagt Wiegers. «Je länger wir zuwarten, desto mehr Personen steigen aus dem Beruf aus und desto länger haben wir das Problem, die Versorgungssicherheit nicht mehr voll gewährleisten zu können.»

In manchen Spitälern hat das Personal dennoch genug Energie tanken können. Das Personal habe sich vom Pandemiestress erholt, sagt Anita Kuoni, Sprecherin des Kantonsspitals Baslland. «Wir haben auch aus der ersten Welle gelernt und ab letztem Sommer für den Erhalt der Work-Life-Balance bewusst Ferien und zusätzliche Freitage eingeplant.»

*Name der Redaktion bekannt.

Die Pflegeinitiative

Die Initiative «Für eine starke Pflege» kommt am 28. November vors Volk. Sie fordert als erstes Ziel, dass genügend Pflegefachpersonen ausgebildet werden. Laut den Initiantinnen und Initianten werden aktuell nur rund 43 Prozent des eigentlichen Bedarfs an Pflegefachpersonen ausgebildet, sodass bis ins Jahr 2030 65’000 Pflegende fehlen. Als zweites Ziel wird die Sicherung der Pflegequalität gefordert. Es brauche genügend Pflegefachpersonen auf den Stationen, was zu weniger Komplikationen, Kosten und Erschöpfung bei den Pflegenden führe. Das dritte Ziel sind faire Arbeitsbedingungen. Eine verlässliche Zeit- und Dienstplanung, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und fairere Entlohnung bezeichnet die Initiative nur als einige der wichtigsten Forderungen.

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