Kriegsverbrecher auf Auslandreise: Karadzic arbeitete auch in Wien als «Wunderheiler»
Aktualisiert

Kriegsverbrecher auf AuslandreiseKaradzic arbeitete auch in Wien als «Wunderheiler»

Der verhaftete ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic hat einem Bericht zufolge während seiner Fluchtjahre auch in Österreich als New-Age-Doktor gearbeitet. Der echte Dragan Dabic ist empört über den Missbrauch seines Namens.

Unter dem Namen «Pera» habe er in Wien in den Häusern serbischer Familien Patienten empfangen, berichtete der «Kurier» heute unter Berufung auf ein nach eigenen Angaben von Karadzic behandeltes Ehepaar.

Die Eheleute hätten Karadzic Mitte 2006 wegen ihres unerfüllten Kinderwunsches aufgesucht, berichtete die Tageszeitung weiter. Zuletzt habe das Paar vor mehr als einem Jahr mit ihm Kontakt gehabt.

Laut «Kurier» wohnte der frühere bosnische Serbenführer während seiner bis zu dreitägigen Aufenthalte in Wien bei serbischen Familien.

Die serbische Regierung teilte unterdessen mit, Dragan Dabic, dessen Identität Karadzic angenommen hatte, sei am Leben.

Der 66-jährige Bauer und Bauarbeiter aus Ruma nördlich von Belgrad sei entsetzt gewesen, als er erfahren habe, dass einer der weltweit meistgesuchten Kriegsverbrecher unter seinem Namen gelebt habe, erklärte der Regierungsbeamte Rasim Ljaric am Donnerstag. Die Identität in den Pässen der beiden Männer stimme 100-prozentig überein - bis auf das Foto.

Karadzics falscher Name nicht selten in Serbien

Der echte Dragan Dabic wurde am Donnerstagabend in Ruma von Reportern umringt. Auch die Polizei war zur Stelle und vernahm den Mann, um etwaige Verbindungen zu Karadzic zu eruieren. Dabic zeigte sich empört darüber, dass er einer solchen Prozedur unterzogen werden solle.

Ursprünglich hatte es geheissen, der Namensgeber Dragan Dabic sei während des Bosnien-Kriegs 1993 ums Leben gekommen, was Karadzic die ideale Chance geboten habe, dessen Identität zu stehlen. Allerdings ist der Name nicht ganz selten. Allein in Belgrad stiessen die Behörden nach eigenen Angaben auf sieben Personen dieses Namens. Einige davon waren in jüngerer Zeit gestorben, andere lebten noch.

Weitere Demonstrationen

Am Donnerstagabend demonstrierten erneut mehrere hundert Ultranationalisten gegen Karadzics Verhaftung. Die Demonstranten riefen in Sprechchören Karadzics Namen und kritisierten die prowestliche serbische Regierung. Ein Kameramann des unabhängigen Fernsehsenders B-92 wurde bei einem Angriff von Demonstranten leicht verletzt.

Der wegen Kriegsverbrechen vom Internationalen Tribunal in Den Haag angeklagte Karadzic war am Montag nach mehr als zehnjähriger Flucht festgenommen worden. Er soll in den nächsten Tagen an das Haager Tribunal überstellt werden. (dapd)

Verstecken war einfach für Karadzic

Der gefasste mutmassliche Kriegsverbrecher Radovan Karadzic hat nach eigenen Angaben fünf von zwölf Jahren mit gefälschter Identität gelebt. Serbische Medien berichten über immer mehr Details der jahrelangen Flucht.

Sein Anwalt Svetozar Vujacic berichtete gegenüber Journalisten, dass sich Karadzic seit fünf Jahren als Wunderheiler Dragan Dabic ausgegeben habe. Wie er sich davor getarnt habe, wisse er nicht, sagte Vujacic weiter. Es gibt Spekulationen, wonach Karadzic davor in serbisch-orthodoxen Klöstern Unterschlupf gefunden hatte.

«Das Verstecken fiel mir nicht schwer, die Trennung von der Familie schon. Ich nahm an Podiumsdiskussionen teil und trat vor Kameras, weil ich überzeugt davon war, dass mich niemand entdecken wird», sagte Karadzic gemäss seinem Anwalt.

Karadzic hätte sich seinen eigenen Angaben zufolge im Januar 2009 stellen wollen. Dann wäre nicht mehr das UNO-Tribunal in Den Haag, sondern serbische Gerichte für seinen Fall zuständig gewesen.

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