FSV Mainz: Karnevalsverein narrt die Grossen

Aktualisiert

FSV MainzKarnevalsverein narrt die Grossen

Eigentlich ist es zu schön um wahr zu sein. Dennoch ist es Realität. Der FSV Mainz 05 ist Tabellenführer in der Bundesliga. Das liegt auch am speziellen Trainer Thomas Tuchel.

von
Hardy Hasselbruch
Mainzer Glückseeligkeit: Shootingstar Andre Schürrle, der Ungar Adam Szalai und Schalkes Leihgabe Lewis Holtby (v.l.n.r.)

Mainzer Glückseeligkeit: Shootingstar Andre Schürrle, der Ungar Adam Szalai und Schalkes Leihgabe Lewis Holtby (v.l.n.r.)

In der 48. Saison und nach insgesamt 140 Spielen in der deutschen Eliteklasse ist der Klub aus Rheinhessen der 31. Verein, der den «Platz an der Sonne» erklommen hat.

Verrückte, verkehrte Welt. Während «Magier» Felix Magath mit seinem mit Millionen aufgerüsteten FC Schalke 04 mit null Punkten des faulen Zaubers überführt ist, thront Mainz mit Trainer Thomas Tuchel ganz oben. Vier Spiele, vier Siege. Hat die närrische Zeit beim selbst ernannten Karnevalsverein schon jetzt im September begonnen?

Thomas wer?

«Mainz bleibt Mainz» oder «Mainz wie es singt und lacht» – mit den traditionellen TV-Sendungen zur «Meenzer Fassnacht» wurde die Stadt über Jahrzehnte assoziiert. Der Fussball spielte keine Rolle. Bestenfalls eine untergeordnete. Das änderte sich erst mit dem Bundesliga-Aufstieg 2004 unter Trainer Jürgen Klopp. 2007 aber war das Kapitel Bundesliga wieder beendet. Als Mainz 2009 in die Erstklassigkeit zurückkehrte, durfte Aufstiegstrainer Jörn Andersen die Früchte nicht ernten. Kurz vor dem Saisonstart wurde er durch Thomas Tuchel (37) ersetzt.

Thomas wer? Tuchel? Der hatte gerade, damals 35-jährig, die A-Junioren des FSV zum Deutschen Meistertitel geführt. Genoss Ansehen im Klub und Fürsprache. FSV-Manager Christian Heidel ent-schloss sich, den (abgesehen von drei Jahren als Zweit- und Drittligaspieler bei den Stuttgarter Kickers und dem SSV Ulm) scheinbar unerfahrenen Tuchel vom A-Juniorentrainer zum Profi-Coach zu befördern. «Ich war absolut von seinen Fähigkeiten als Fussballfachmann überzeugt», sagt Heidel.

Überraschende Chance eindrucksvoll genutzt

Und er hat sich nicht getäuscht. Da war Tuchel ganz der lernwillige Jungtrainer. Er ist dank guter Lehre dorthin gelangt, wo er nun seit 13 Monaten arbeitet: Zehn Jahre lang hat der heute 37 Jahre alte Fussballlehrer im Jugendbereich gearbeitet und neben einem BWL-Studium schulbuchmässig über C-, B- und A-Schein sowie die Fussballlehrerlizenz den Trainerjob von der Pike auf gelernt, ehe er im vergangenen Jahr überraschend die Gelegenheit zum beruflichen Aufstieg in die Gilde der Bundesligatrainer bekam.

Und die hat er genutzt. Eindrucksvoll. Anders als Vorgänger Andersen, anders als «Kulttrainer» Klopp. Tuchel ist nicht der extrovertierte Typ wie Klopp, Thomas Tuchel ist kein Lautsprecher. Eher ein «stiller Brüter». Ein akribischer Arbeiter. «Wir sind noch nicht am Ende», hat er am Ende der Vorsaison angedroht und hält jetzt Wort. Siehe Tabelle. Bei der Suche nach Erklärungen wiederholt Tuchel gebetsmühlenartig, «dass nur die Bewältigung von Aufgaben zu Ergebnissen führen kann». Etwas in dieser Art verkündet er Woche für Woche. Leicht abgewandelt vielleicht mit der Formulierung: «Bevor wir darüber reden, was es zu holen gibt, sind Aufgaben zu erledigen.» Same procedure as every week, sagte Tuchel vor dem Sieg bei Werder Bremen.

«Der Tabellenplatz spielt null Rolle»

Thomas Tuchel, der Gerechtigkeitsfanatiker, setzt auf Kommunikation, hat seinen Matchplan, eine Spielidee. Sein Jugendstil mit Himmelsstürmern wie André Schürrle (19, wurde mit dem Trainer A-Juniorenmeister) oder Leihspieler wie Lewis Holtby (20, von Schalke) funktioniert, solange die Mischung mit Routiniers (wie Karhan oder Noveski) stimmt. Angestaubte Weisheiten, wie never-change-a-winning-team, hat Tuchel in die Mottenkiste gelegt. Und die Tabellenführung? Hat er registriert und abgehakt. «Der Tabellenplatz spielt null Rolle. Unsere Ansprüche sind die höchsten. Und bleiben es.» Die Profis hält er am Boden. «Die werden keine Zeit haben, sich beeinflussen zu lassen. Sie kriegen neue Aufgaben gestellt!»

1. Bundesliga

Deine Meinung