Moderne Familie: Karrierefrauen gehen jetzt in die Offensive
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Moderne FamilieKarrierefrauen gehen jetzt in die Offensive

Die Schweiz hat die SVP-Familieninitiative abgelehnt. Karrierefrauen nutzen die Gunst der Stunde und fordern Tagesschulen, Betreuungsgutscheine und einen Elternurlaub.

von
S. Marty

Die SVP-Familieninitiative ist gescheitert. Nach dem Nein zeigen sich die Gegner erleichtert darüber, dass die prognostizierten Steuerausfälle nicht Realität werden. Die Initianten hingegen werfen den Gegnern vor, mit falschen Zahlen operiert zu haben. «Die Schweizer haben sich gegen die Bevorzugung des traditionellen Familienmodells gestellt», freut sich Carmen Walker Späh, Präsidentin der FDP-Frauen. Die Schweizerinnen und Schweizer seien halt freiheitsliebend, so ihre Erklärung: «Sie wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ihr Familienleben zu gestalten haben.»

Dieser Erfolg werde nun der Familienpolitik der CVP Aufschwung verleihen, ist CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer überzeugt. Eine ihrer beiden Familieninitiativen will die Kinder- und Ausbildungszulagen von den Steuern befreien. «Dies ist eine Alternativlösung zur SVP-Familieninitiative, nur ist sie viel gerechter», sagt Schmid-Federer. Gerechter sei sie deshalb, weil sie kein Familienmodell bevorzuge. «Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass das Abstimmungsresultat dieser Initiative einen Schub verleihen wird.»

Daneben wird das Stimmvolk in den nächsten 18 Monaten auch noch über eine zweite Familieninitiative aus dem CVP-Lager abstimmen. Sie verlangt die Abschaffung der Heiratsstrafe.

Tagesschulen und Elternurlaub

Doch nicht nur auf nationaler Ebene ist die familienpolitische Diskussion lanciert. Carmen Walker Späh will ihre Kräfte künftig vor allem auf kantonaler Ebene bündeln: «Gestützt auf das Positionspapier der FDP von St. Maurice fordern wir in den Kantonen unter anderem Tagesschulen und Betreuungsgutscheine für Krippenangebote.» Hier werden die FDP-Frauen zusammen mit der Partei laut Walker Späh eine Offensive starten: «Mein Ziel ist es, dass wir in fünf bis zehn Jahren schweizweit flächendeckend Tagesschulen haben.»

Weiter geplant seien Projekte zur Behebung des Frauenmangels in technischen Berufen sowie zur Unterstützung der Frauen in Führungspositionen, sagt Walker Späh.

Ausbau von Krippenangeboten

Auch bei der SP freut man sich über das Abstimmungsergebnis und will den Schwung jetzt nutzen, um eigene familienpolitische Ideen voranzutreiben. «Die Mehrheit der Bevölkerung hat sich für eine Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausgesprochen – nun müssen Taten folgen», sagt SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr und nennt etwa den Ausbau von Krippenangeboten. «Sogar die OECD hat der Schweiz diese Forderung ins Pflichtenheft geschrieben.»

Weiter denke sie aber auch an die Anpassung von Arbeitsmodellen oder die Einführung von Frauenquoten. «Dazu wird in der kommenden Wintersession im Parlament ein Vorstoss behandelt, der ganz klar zu unterstützen ist.» Parteiintern hat die SP zudem «ein Initiativprojekt in der Vernehmlassung, dass unter anderem einen Elternurlaub für Mütter und Väter fordert.» Im nächsten Sommer erwartet Fehr hier eine Entscheidung: «Sollten all diese Bemühungen scheitern, werde ich mit weiteren Vorstössen für ein modernes Familienleben kämpfen.»

Familienpolitik in Pattsituation

Wie stark die familienpolitischen Forderungen allerdings tatsächlich von der Ablehnung der SVP-Initiative profitieren können, ist laut dem Politologen Thomas Milic ungewiss: «Ich sehe bei der Familienpolitik eher eine Art Pattsituation. Der «moderne» Familienartikel, der zwar eine Volksmehrheit erzielte, aber am Ständemehr scheiterte, wurde abgelehnt, die Familieninitiative ebenfalls.»

Weder die eine noch die andere Seite werde sich künftig davon abhalten lassen, Forderungen in ihre Richtung zu formulieren. «Wir haben es schon bei der Abstimmung über den Familienartikel gesehen: die beiden Lager haben das Resultat unterschiedlich interpretiert. Beide Lager haben in dem Resultat eine Bestätigung ihrer Politik gesehen», sagt der Politologe Milic.

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