Datenklau: Karten-Betrüger leeren Schweizer Konten
Aktualisiert

DatenklauKarten-Betrüger leeren Schweizer Konten

Unbekannte haben in St. Gallen und Luzern Bancomaten manipuliert. Über 100 Kunden wurden erleichtert. Die Skimmingfälle nehmen zurzeit weltweit zu.

von
A. Mustedanagic

In der Stadt und Agglomeration St. Gallen sind mehrere Bancomaten der St. Galler Kantonalbank SGKB manipuliert worden. Mit Hilfe von Tastatur-Aufsätzen und falschen Einschubschlitzen kopierten Unbekannte die EC-Karten von Kunden und spionierten deren Pin-Codes aus. Diesem sogenannten Skimming sind bei der SGKB rund 100 Kunden zum Opfer gefallen, sagt Sprecher Simon Netzle. Wie viele Karten tatsächlich kopiert wurden, ist unklar. Die St. Galler Kantonalbank hat sicherheitshalber einige Karten von Kunden gesperrt, welche im Zeitraum der Manipulationen an den betroffenen Automaten Geld abgehoben hatten, aber noch nicht bestohlen wurden. «So sind weitere unberechtigte Transaktionen nicht mehr möglich», sagt Netzle.

Die Täter haben mit der Attacke fette Beute gemacht. Alleine auf dem Konto von Leser-Reporter Michael Meier (Name geändert) sind von einem Tag auf den anderen rund 4000 Franken abgehoben worden. «In meinem Umfeld sind aber mindestens noch vier oder fünf weitere Konten um Tausende Franken geplündert worden», sagt Meier. Die SGKB äusserte sich zur bisherigen Schadenssumme nicht. Die betroffenen Kunden erhalten ihr Geld aber zurück, sagt Netzle. «Die Überweisungen sind am Donnerstag getätigt worden.»

Skimmingfälle nehmen seit Monaten zu

Obwohl die Banken seit Jahren gegen die Skimming-Betrüger aufrüsten, gelingen diesen immer wieder solche Manipulationen. Seit Anfang Jahr haben die Skimmingfälle stark zugenommen. Es scheint fast so, als ob die Betrüger sich auf einem Beutezug durch die Schweiz befinden. In der Schweiz ist für den grössten Teil des Zahlungsverkehrs die Six Group zuständig. Wie viele Kunden tatsächlich betroffen sind, will die Six Group aus Diskretionsgründen nicht mitteilen. Sprecher Stephan Meier bestätigt allerdings den Eindruck, dass die Kartenbetrüger aktuell verstärkt aktiv sind. «In den letzten Monaten haben die Skimmingfälle zugenommen – auch international.» Weshalb das so ist, bleibt unklar. Mögliche Gründe sind die immer kleineren Kameras und die allgemein schrumpfende Grösse der technischen Geräte. Sie ermöglichen den Betrügern ausgebufftere Verstecke für die Kameras und immer bessere technische Lösungen für ihre Kopieraufsätze.

Den technischen Fortschritten der Betrüger sind bisher nicht nur Kunden der St. Galler Kantonalbank zum Opfer gefallen, sondern auch von weiteren Geldinstituten. Angestellte der Luzerner Kantonalbank LKB haben in den vergangenen Wochen zwei manipulierte Bancomaten bei Service-Rundgängen in Luzern und der Agglomeration entdeckt. Einen weiteren preparierten Automaten meldete ein aufmerksamer Kunde. Nach Angaben der Bank mussten in der Folge rund 200 Karten sicherheitshalber gesperrt werden. Abhebungen von den Konten der Kunden gab es nach ersten Informationen der Bank nicht, es sei aber nicht auszuschliessen. Die Kunden seien aufgefordert worden, ihre Auszüge zu kontrollieren und Unregelmässigkeiten zu melden. Die Zentralschweizer Polizeikorps schlugen bereits Mitte Februar Alarm und warnten ausdrücklich vor den Betrügern. Nur zwei Wochen später entdeckten die Kollegen im Bündnerland mehrere manipulierte Automaten. Wenige Tage später sind Betrüger dann bereits in Zürich am Werk gewesen.

Eine Bande oder viele Banden?

Ob ein Zusammenhang zwischen den Manipulationen besteht, ist unklar. Sicher ist: «Die Täter sind Profis», sagt SGKB-Sprecher Netzle. Die Geldautomaten seien nur für eine kurze Zeit manipuliert worden. «Anschliessend sind die Aufsätze wieder entfernt worden», so Netzle weiter. Die Abhebungen erfolgten rund eine Woche nach dem Skimming. Abgehoben wurden Beträge rund um den Globus: Die SGKB hat Transaktionen aus den USA, dem Libanon und verschiedenen Staaten in Nordafrika registriert. Die Gemeinsamkeit: In all diesen Ländern wird im Gegensatz zur Schweiz bei Tranksaktionen an Geldautomaten der Magnetstreifen gelesen und nicht der Chip.

Die Kantonspolizei St. Gallen geht davon aus, dass es sich bei den Verbrechern um organisierte Gruppen aus dem Ausland handelt. «Ob es sich allerdings immer um dieselben Täter handelt, ist unklar», sagt Kapo-Sprecher Hans-Peter Eugster. In der Regel sitze der Boss solcher Organisationen im Ausland und erhalte die gestohlenen Daten für die Abhebungen zugesandt. «Die Betrüger vor Ort wissen teilweise gar nicht, wo das Geld anschliessend abgehoben wird.» Von den Tätern in St. Gallen gibt es gemäss der SGKB Bildmaterial. Allerdings dürften die Männer bereits über alle Berge sein.

Wie funktioniert Skimming? Ein Präventionsvideo der Stadtpolizei Zürich bringt Aufschluss und zeigt Tricks, wie man sich schützen kann:

Feedback

Hinweise, Anregungen oder Informationen? Mail an: feedback@20minuten.ch

Tipps gegen Skimming

-Bedienteile des Bancomaten auf Beweglichkeit überprüfen.

-Nach einer eventuell angebrachten Videokamera Ausschau halten.

-Die Tastatur beim Eintippen des PIN-Codes mit der anderen Hand abdecken.

-Den Bancomaten vor dem Geldbezug auf Auffälligkeiten kontrollieren – beispielsweise auf Prospekthalter, die nie an Bancomaten angebracht sind.

-Bei Verdacht auf Manipulation kein Geld beziehen und sofort den Polizeinotruf 117 wählen.

-Grundsätzlich empfiehlt sich immer an denselben Automaten Geld abzuheben, weil man schneller Auffälligkeiten feststellt. (lüs/amc)

Skimming wird das Ausspähen von Kartennummern und das Kopieren des Magnetstreifens der Karte genannt. Die Betrüger erstellen mit den Bankdaten eigene Bankkarten und heben mit Hilfe der erspähten, abgefilmten - oder wie im aktuellen Fall - über die Tastatur gespeicherten Codes Geld von den Konten. Das Betrugsopfer merkt den Schaden erst auf dem Kontoauszug. Die Täter sind dann längst über alle Berge. In der Regel erfolgen die Abhebungen aus dem Ausland, weil die Schweizer Bancomaten die Daten auf dem Chip der Karte lesen und nicht die Magnetstreifen.

Deine Meinung